Handball

Auf Tuchfühlung mit dem Nationalteam

Christian Klein Handball Nationalmannschaft
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Mittendrin: Christian Klein filmt die Nationalspieler in allen Lebenslagen.

Der Abschied kam ein wenig früher als erhofft. 20 Grad im Schatten, blauer Himmel. Kairo zeigt sich von seiner besten Seite. Doch für die deutsche Handball-Nationalmannschaft ist die Reise zur Weltmeisterschaft nach Ägypten bereits vor dem Viertelfinale beendet. Koffer packen hieß es nach dem mageren 23:23 und Platz zwölf am Montag gegen Polen. Auch für Christian Klein, der das Team als Video-Journalist begleitet hat.

Kairo - Mitten drin im Delegationsgetümmel: Christian Klein. Der 31-Jährige ist als Videojournalist für den Deutschen Handball Bund (DHB) unterwegs, beliefert nebenbei die erste Reihe von ARD und ZDF, die entweder gar nicht (ARD) oder nur mit einem Kamerateam (ZDF) vor Ort ist, mit Film- und Interviewmaterial und bedient auch noch die sozialen Medien mit Informationen rund um die deutsche Handball-Nationalmannschaft. Das nennt man wohl Medienkrake.

Von 2013 bis 2017 war der gebürtige Siegener für Radio Lippe Welle Hamm am Mikrofon, wo er auch sein Volontariat absolviert hat. Fast genauso lang war er als Hallensprecher und Social-Media-Beauftragter für Handball-Zweitligist ASV Hamm-Westfalen tätig. Eine Beschäftigung, die ihm Türen geöffnet hat. „Beim ASV hat der ganze Spuk für mich angefangen“, erinnert sich Klein. „2014 hatten Max Doller (Anm. d. Red: ASV-Geschäftsstelle) und Trainer Kay Rothenpieler gefragt, ob ich Interesse habe, mehr für den ASV zu machen. Da habe ich dann Social Media und den Hallensprecher übernommen. Da hatte ich eine relativ große Spielwiese, was Interviews, Reportagen und Liveberichte angeht.“

Irgendwann wurde die Handball Bundesliga (HBL) auf ihn aufmerksam, „weil da ein Verein in der 2. Liga war, der mehr Präsenz im Internet hatte, als andere Klubs in der 1. Liga“, sagt Klein. So durfte er 2015 in Katar und 2017 in Frankreich seine ersten Erfahrungen bei Weltturnieren sammeln – und wechselte für die Heim-WM 2019 zum DHB. „Die haben gefragt, ob ich Interesse hätte, die Mannschaft als Video-Journalist zu begleiten.“

Freistellung vom Arbeitgeber

Hatte er. Vor zwei Jahren genauso wie jetzt in Ägypten. Obwohl Klein, der in Dortmund ein Journalistik-Studium absolviert hat, mittlerweile wieder in die Siegener Heimat zurückgezogen ist und sein Hauptberufsfeld in die private Wirtschaft als PR-Manager bei der Krombacher Brauerei verlegt hat. Für seine Arbeit beim DHB, die auf Honorarbasis läuft, hat er sich allerdings eine Freistellung bei seinem Arbeitgeber gesichert.

Da kommt über das Jahr einiges zusammen, denn neben den deutschen Männern begleitet Klein auch die DHB-Frauen und weitere Projekte des Handball-Bundes. Dreieinhalb Wochen war er jetzt mit dem DHB-Team unterwegs, hat die Spieler bei jedem Schritt begleitet, mit ihnen Hotel und Freizeit geteilt und sie beim Training und nach den Spielen gefilmt. Unzählige Filmberichte hat er für den DHB und die Medienanstalten produziert. „Es waren interessante Wochen“, sagt Klein, der mit der Mannschaft am 10. Januar nach Ägypten geflogen ist. „Auch wenn dieses Mal die Jubelszenen ein bisschen rar gesät waren – hier ging es eher um Frustbewältigung. Aber die Stimmung war tatsächlich nie schlecht.“

„Das wurde falsch interpretiert“

Auch die Kritik von Kapitän Uwe Gensheimer nach dem Sieg über Brasilien („Missgunst und Neid sind dann manchmal schon ein bisschen da.“) hat der Medienmann anders verstanden als die Kollegen, die das Interview geführt haben. „Ich glaube, das wurde falsch interpretiert“, glaubt Klein, der versichert, dass der DHB-Kapitän ein gutes Standing bei seinen Mitspielern hat. „Das traue ich Uwe nicht zu, dass er das so gemeint hat.“

Arbeiten in der Turnhalle.

Klein muss es wissen. Denn neben Rechtsaußen Patrick Groetzki ist der Kapitän derjenige Spieler zu dem er den engsten Kontakt im Team pflegt. „Ich bin ja auf der Delegationsliste, werde als Teammitglied behandelt. Daher esse ich mit der Mannschaft, wir reisen zusammen, ich sitze im Bus neben denen“, sagt er. „Und mit Uwe gibt es ein tägliches Duell im Tischtennis. Wir haben eine Mini-Platte, da bin ich sehr unterlegen. Aber auf der großen ist es so, dass das wechselt, wer gewinnt.“

Auch zu Torhüter Silvio Heinevetter hat sich mittlerweile ein intensives Verhältnis entwickelt. Beide halten regelmäßigen WhatsApp-Kontakt auch nach den Turnieren. „Und meine Oma ist großer Fan von ihm und kriegt zum Geburtstag jedes Jahr eine Videobotschaft“, sagt Klein. „Er ist ein loyaler Zeitgenosse.“

Dass nach der 28:32-Niederlage gegen Spanien die Chance auf ein Weiterkommen relativ gering gewesen sei, habe die Mannschaft gewusst. Daher war es kein großes Thema mehr, als das Ausscheiden nach dem Sieg Ungarns gegen Polen feststand. „Die Jungs waren zur Vorbereitung des Brasilien-Spiels in der Kabine, und als sie zum Warmmachen rauskamen, haben sie mich nur kurz gefragt, wie das gerade zu Ende gegangene Ungarn-Spiel ausgegangen ist. Dann haben sie mit dem Kopf geschüttelt – und damit war es das auch.“

Trotz des vorzeitigen Ausscheidens hat Klein im Vergleich zu den Vorjahren einen „sehr guten Teamspirit“ ausgemacht. „Da hat sich was in der Mannschaft getan, was auch mit der Lockerheit der Verantwortlichen zu tun hat. Ich schätze Christian Prokop (Anm. d. Red.: Vorgänger von Bundestrainer Alfred Gislason) sehr, aber er hat dem Team durch seine Engstirnigkeit diese Lockerheit ein wenig genommen. Alfred traininert auch lang und hart, macht viel Videostudium. Trotzdem sind auch Lockerheit und Spaß immer dabei.“

Filmreif: Christian Klein begleitete die Handball-Nationalmannschaft in Ägypten.

Was wichtig war in den vergangenen 23 Tagen. Denn Sightseeing oder Unternehmungen fielen aufgrund der Corona-Maßnahmen aus. Team und Betreuer waren ans Hotelgelände gefesselt.

Anders als noch im vergangenen Jahr bei der EM in Österreich, als in der Hauptrunde auch mal ein Trip durch Wien drin war, bei dem auch Gensheimer für Erheiterung im Team gesorgt hat. „Wir haben in einem Kaffeehaus Kaiserschmarrn bestellt, und Uwe hat heimlich die Vanillesauce durch den Senfspender ersetzt...“, erinnert sich Klein.

Morgendliche Laufeinheiten

Für ihn selbst war es eine stressreiche Zeit in Ägypten. Nach dem Aufstehen um acht Uhr ließ er sich die morgendliche Laufeinheit mit den Leuten vom Staff und den Physiotherapeuten aber nicht nehmen – sein einziger Luxus neben den täglichen Telefongesprächen in die Heimat. „Das waren zwischen sechs und sieben Kilometer auf der Hotelanlage“, sagt er.

Dann folgten Interviews in allen Variationen und das Begleiten des Teams bei den täglichen Einheiten in der Halle oder im Kraftraum. Einziger Unterschied: „Wenn die dann Feierabend hatten, musste ich mein Material weiter bearbeiten. Vor zwölf Uhr geht der Laptop da nicht zu.“

Endgültig zuklappen kann er ihn erst, wenn die letzten Berichte am Mittwoch von der Rückkehr bearbeitet, die DHB-Kanäle mit dem Rückblick beliefert sind. Dann ist für Christian Klein erst einmal wieder Pause mit Handball. Bis der DHB ihn beim nächsten Event braucht: Der Olympia-Qualifikation in Berlin gegen Schweden, Slowenien und Algerien am zweiten März-Wochenende.

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