Hausbesuche

BV-09-Trainer Orhan Secer: Immer unter Strom

Immer den Ball im Blick: Fußball sei sein Leben, sagt Orhan Secer, Trainer beim BV 09 Hamm.
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Immer den Ball im Blick: Fußball sei sein Leben, sagt Orhan Secer, Trainer beim BV 09 Hamm.

Hausbesuche heißt die Serie im Lokalsport. Wir besuchen die Fußball-Trainer von der Kreisliga A bis zur Oberliga zuhause und reden mit ihnen über alltägliche Dinge, über skurrile Vorkommnisse, persönliche Erlebnisse und natürlich auch über Fußball.

Hamm - Es ist ja kein besonders ausgefallener Wunsch. Vielmehr ist es etwas, was sich viele Leute immer mal wieder gönnen. Doch Orhan Secer, Trainer des Fußball-A-Kreisligisten BV 09 Hamm, ist es noch nicht gelungen, sich diesen kleinen Traum zu erfüllen. „Ein perfekter Tag wäre es für mich, wenn ich mal eine schöne Massage bekommen, ruhige Musik hören und ein leckeres Getränk bekommen könnte. Das würde mir mal richtig gut tun“, sagt der 45-Jährige. „Aber ich stehe immer unter Strom, bin andauernd auf Achse und finde einfach nicht die Zeit, mich mal so fallen zu lassen.“

In der Tat ist die freie Zeit, die Secer mal finden könnte, um die Füße hochzulegen, äußerst knapp bemessen. So ist er als Lagerleiter in Ahlen seit 25 Jahren in einer leitenden Position beschäftigt und trägt in seinem Job viel Verantwortung. Zudem ist er nach seiner aktiven Karriere als Fußballer direkt als Trainer eingestiegen und betreibt diese Tätigkeit mit viel Herzblut und Leidenschaft. Und wenn er nicht bei den Nordenern, bei denen er jetzt in seine dritte Saison geht, auf oder neben dem Spielfeld steht, schaut er sich die Spiele seines Sohnes Ersin an, der in der A-Junioren-Bundesliga für den DSC Arminia Bielefeld aufläuft. „Fußball ist mein Leben. Und auch meine Frau ist immer dabei, unterstützt mich“, sagt er.

Aufgewachsen „An der Mattenbecke“

Schon von Kindesbeinen an hatte der Ball eine große Faszination auf Orhan Secer ausgebübt. Sein Vater war Ende der 1960er Jahre von der Türkei aus nach Deutschland übergesiedelt, hatte auf der Zeche Sachsen Arbeit gefunden und wenig später seine Familie nachgeholt. „Ich war das jüngste Kind meiner Eltern und das einzige, das in Hamm geboren wurde“, berichtet Secer, der im Hammer Norden in der Siedlung „An der Mattenbecke“ aufwuchs, dort auf einer Wiese auch das erste Mal einem Ball nachjagte. „Ich bin da groß geworden, lebe da immer noch und lebe da gerne. Ich bin hier sehr glücklich“, genießt er das Miteinander in der ehemaligen Bergmannssiedlung, in der Deutsche und Türken eng beieinander leben, sich schätzen, respektieren und einander brauchen.

Bis zu den B-Junioren kickte Secer beim BV 09, nachdem Herbert Willenberg den keinen Orhan beim Kicken auf der Wiese entdeckt und zu den Nordenern gelotst hatte. Es schlossen sich Stationen wie SC Eintracht Hamm, SV 26 Heessen, LR Ahlen, AFS Ahlen, ATSV Ahlen, erneut BV 09, Sportfreunde Bockum, Westfalia Bockum-Hövel und SVA Bockum-Hövel an. Am Ende seiner Karriere kickte er mit 38 Jahren nochmals bei den Nordenern unter Heinz Schroth; gleichzeitig trainierte Secer damals seinen bei der Hammer SpVg spielenden Sohn und hatte dabei Lust am Coaching gefunden.

Die Anfrage vom BV 09 Hamm kam gerade recht

So stieg er bei Yunus Emre Hamm ein, stieg mit dem Team von der Kreisliga C bis in die A auf und war danach drei Jahre für die Reserve des TuS Germania Lohauserholz tätig. Den Verantwortlichen des TuS ist er noch heute dankbar, dass sie ihn damals so tatkräftig unterstützt haben und es ihm sogar ermöglichten, die Trainer-B-Lizenz zu erwerben. Doch nach drei Jahren wollte er gerne eine erste Mannschaft coachen, da kam ihm die Anfrage vom Nordendamm gerade recht. So kehrte er im Sommer 2019 zu seinem Heimatverein zurück und arbeitet nun in der dritten Saison beim BV 09. „In zwei Spielzeiten habe ich hier aber gerade mal 16 Meisterschaftsspiele bestritten. Ich hoffe, das werden jetzt mal mehr“, sagt er und hofft, dass es nicht wieder zu einem Lockdown und einem Saisonabbruch kommt.

Dass ihm bei seiner Tätigkeit am Nordendamm mit Isa Secer einer seiner drei älteren Brüder als Co-Trainer zur Verfügung steht, genießt er besonders. Seine Eltern sind bereits gestorben, sein Vater im vergangenen November. „Er war der Taktgeber der Familie. Er wollte nochmal unbedingt in die Türkei und hat uns überredet, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Einer meiner älteren Brüder ist dann mit ihm runtergeflogen. Und dann ist er in der Türkei gestorben. Das hat uns alle sehr mitgenommen“, sagt Secer.

„In guten und in schlechten Zeiten“

Umso größer ist nun der Zusammenhalt zwischen den Geschwistern, die auch alle in der Siedlung im Hammer Norden leben. „Die Familie ist für mich unheimlich wichtig – in guten und in schlechten Zeiten. Wenn man Probleme hat, ist der andere für einen da“, betont Secer, der daher auch nie daran gedacht hat, aus dem „Block“ wegzuziehen. „Das ist hier eine tolle Gemeinschaft. Mir ist es wichtig, dass ich dort lebe, wo ich mich wohlfühle. Und das ist genau hier in der Siedlung der Fall.“

Daher stellt sich für ihn auch nie die Frage, ob seine Heimat in Deutschland oder in der Türkei liegt. Zwar hält er, wenn beide Nationen in einem Fußballspiel aufeinandertreffen, zum Herkunftsland seiner Eltern. „Aber in allen anderen Spielen drücke ich der deutschen Nationalmannschaft die Daumen“, sagt Secer, der seit 2010 die deutsche Staatsbürgerschaft hat und klarstellt: „Ich kann mit beiden Ländern vernünftig umgehen, ich liebe beide Länder, beide Länder geben mir ein Heimatgefühl. Durch meine Familie bin ich in erster Linie Türke, ich bin aber auch ein Nordener Junge. Und daher kann ich mir nicht vorstellen, Deutschland derzeit zu verlassen. Das hier ist meine Heimat, hier bin ich zuhause.“

In den Ferien ging es für ihn früher mit seinen Eltern immer in die Türkei, um dort seine Großeltern und andere Verwandte zu besuchen. Und auch jetzt hält er an dieser liebgewonnen Tradition fest, verbringt seinen Urlaub meist in der Türkei.

„Aber nach zwei Wochen habe ich dann fast immer schon wieder Heimweh“, gibt er zu. „Denn ich bin nun mal in Deutschland groß geworden. Und wenn man woanders ist, dann spürt man umso mehr, wo man herkommt, wo seine Heimat ist“, stellt er klar.

Im Alter in die Türkei?

Dennoch hat auch er schon Fremdenfeindlichkeit zu spüren bekommen. Nicht in seiner gewohnten Umgebung, dort, wo jeder jeden kennt. Wenn, dann auf dem Fußballplatz. „Da haben die Gegner mit blöden Sprüchen immer wieder versucht, mich aus dem Konzept zu bringen. Meistens konnte ich das ignorieren. Aber in jungen Jahren habe ich da auch schon mal drauf reagiert“, sagt Secer in seiner für ihn typischen offenen und ehrlichen Weise.

Obwohl Deutschland seine Heimat ist, kann er sich durchaus vorstellen, die letzten Jahre seines Lebens in der Türkei zu verbringen. „Wenn die Kinder aus dem Haus sind, ich pensioniert bin, keinen Arbeitsstress mehr habe und ich dann immer noch gesund sein sollte und ich alles hinter mir gelassen habe, dann kann ich mich mit dem Gedanken anfreunden, in der Türkei zu leben“, sagt er. Er möchte dann nicht unbedingt in einer großen Metropole wie Istanbul leben, sondern irgendwo in einer kleinen Stadt, wo er die nötige Ruhe finden kann – und vielleicht auch mal Zeit hat, sich eine Massage zu gönnen.

Secer will sein Team entwickeln

Vorher aber will er mit seiner Mannschaft vom Nordendamm noch mächtig aufs Gaspedal drücken, das Team weiter formen und nach vorne bringen. Denn mit sportlichem Stillstand möchte er sich nicht abfinden. „Von der Vereinsstruktur mit dem Kunstrasenplatz hat sich schon viel verbessert. Da ist eine tolle Grundlage gelegt. Ich will das Team entwickeln, aber das benötigt Zeit“, meint er und hofft, dass ihn seine Schützlinge irgendwann einmal mit einem perfekten Auftritt verwöhnen. „Das optimale Spiel, wie ich es mir erträume, wäre es, wenn die Jungs konzentriert Fußball spielen würden, wir zur Halbzeit schon klar führen würden, ich die 90 Minuten nicht auf Achse sein und permanent an der Linie unterwegs sein müsste, sondern gelassen zuschauen könnte. Denn ich bin jemand, der alles für seine Jungs gibt. Und das erwarte ich auch von den Spielern, dass sie alles geben – und zwar auf dem Platz.“

Allerdings, so gibt Secer zu bedenken, würde es in der stark besetzten Kreisliga A zu viele gute Gegner geben, als dass sich da so schnell ein Spiel ergeben wird, das die Vorstellungen des Trainers erfüllt. Vielleicht ist es da dann doch einfacher, dass der Traum von einer Massage wahr wird.

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