Fußball

Björn Mehnert darf trainieren - und weiß das Privileg zu schätzen

Björn Mehnert darf auch in Corona-Zeiten mit seinem Team arbeiten.
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Björn Mehnert darf auch in Corona-Zeiten mit seinem Team arbeiten.

Björn Mehnert, früherer Coach von Westfalia Rhynern, ist Trainer des Wuppertaler SV – und darf auch in Corona-Zeiten mit seinem Team arbeiten.

Hamm - Es ist ein Privileg, das derzeit kaum ein Hammer Fußball-Coach genießen darf. Björn Mehnert aber gehört zu den wenigen, die in diesem zweiten Lockdown, in dem der Spiel- und Trainingsbetrieb im Amateurbereich seit Anfang November eingestellt ist, weiter eine Fußball-Mannschaft trainieren und mit ihr auch Meisterschaftsspiele bestreiten dürfen. „Ich fasse das als großes Glück auf, dass ich meinen Lieblingssport weiter betreiben darf”, sagt der 44-Jährige, der seit Anfang Dezember die sportliche Geschicke des Wuppertaler SV in der Regionalliga West leitet.

Bis 2017 hatte Mehnert sechs Jahre überaus erfolgreich beim SV Westfalia Rhynern gearbeitet und den Verein vom Papenloh mit dem Aufstieg in die Regionalliga zum größten Erfolg der Vereinsgeschichte geführt. Doch nach dem Sprung in die viert-höchste Liga Deutschlands verließ er die Rhyneraner und heuerte zuerst beim SC Wiedenbrück an, ehe er über ein lediglich vom 1. Juni bis zum 16. November 2020 dauerndes Intermezzo bei RW Ahlen in Wuppertal landete, wo er mit dem in der Hinrunde mächtig kriselnden Traditionsverein den Klassenerhalt schaffen soll – und will.

Es warten aufregende Wochen

Lediglich ein Punkt beträgt derzeit der Vorsprung auf einen Abstiegsplatz – Mehnert hat also noch anstrengende und wahrscheinlich nervenaufreibende Wochen und Monate bis zum Saisonende vor sich. „Ich habe in meiner aktiven Laufbahn sechs Jahre lang beim WSV gespielt. Als die Anfrage kam, musste ich nicht lange überlegen. Das ist ein Verein, wo es einfach Bock macht”, hatte er sich nur zu gerne auf diese Herausforderung eingelassen, die auch für ihn im Vergleich zu den vorherigen Stationen viel Neues mitbringt. Denn laut Mehnert ist es das erste Mal, dass er nun mit „richtig professionellen Strukturen” arbeitet. Gleich sieben Trainingseinheiten absolviert er mit seinen Schützlingen pro Woche, hinzu kommt am Wochenende ein Meisterschaftsspiel. Das alles funktioniert nur, weil sein Arbeitgeber dem in der Bankenbranche tätigen A-Lizenz-Inhaber entgegen gekommen ist und seinen Aufgabenbereich ein bisschen verändert hat. „Ich konnte einige Dinge abgeben. Dadurch war es möglich, dass ich nur noch in Teilzeit 20 Stunden arbeite. Und ich kann meine Arbeitszeit flexibel halten, meine Termine entsprechend koordinieren”, sagt er und verrät, dass er an eine Kündigung seines Arbeitsverhältnisses, um sich noch intensiver auf den Trainerjob einzulassen, bislang nicht gedacht hat: „Dazu mache ich das viel zu gerne. Und ich habe mir dieses Standbein auch aufgebaut, will das nicht missen.”

Trotzdem ist es eine enorme Belastung mit einem Job in Hamm und einem im Wuppertal. Aber Mehnert nimmt das gerne auf sich. Denn er genießt die Trainerarbeit in der Regionalliga, in der zahlreiche Traditionsvereine spielen, in der es viele Derbys gibt und in der – zu normalen Zeiten – die Stadion oftmals mächtig gefüllt sind. „Das macht schon mega viel Spaß in dieser Liga”, bestätigt er. „Und auch wenn man hier wie überall anders auch Elf gegen Elf spielt, mit den vielen Teams, die unter Profibedingungen arbeiten, ist es im Vergleich zur Oberliga einfach eine andere Welt.”

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

In die taucht er nur zu gerne ab, auch wenn seine beiden Engagements in Wiedenbrück und Ahlen mit vorzeitigen Entlassungen geendet hatten. Doch das gehört, so hat es der Coach zweimal erfahren müssen, auch zum Trainerjob in dieser Liga hinzu. „In der Regionalliga wird man als Trainer einzig am Erfolg gemessen. Da hat man keine Zeit, konzeptionell etwas aufzubauen. Das ist die Krux, aber damit muss man leben”, sagt er und kann den beiden Entlassungen sogar etwas Positives abgewinnen: „Ich habe mich auch bei diesen beiden Stationen weiter entwickelt und wichtige Erfahrungen machen dürfen – und müssen. Als Trainer lernt man nie aus, da zieht man seine Lehren aus den guten und auch aus den schlechten Zeiten.”

In Wuppertal hat er nun einen Vertrag bis zum Saisonende. Bis dahin will er schauen, wie er Arbeit und Trainerjob unter einen Hut bekommt: „Ich teste mich quasi selbst.” Und er wird genauso wie die WSV-Verantwortlichen abwarten müssen, wohin der sportliche Weg der Wuppertaler führt und ob der Abstieg in die Oberliga vermieden werden kann. „Ich habe den Jungs gesagt, dass es keine Rückrunde gibt, sondern nur eine Pokalrunde mit 21 Partien. Zwei davon haben wir jetzt gewonnen. Aber wir haben noch nichts erreicht, es folgen noch 19 Spiele”, verrät Mehnert, wie er sein Team auf die schwere Aufgabe einstellt.

Verordnungen und Testungen

Einstellen musste er sich aber auch auf das Arbeiten als Trainer unter den Coronabedingungen. Durch die Einstufung der Regionalliga West als Profiliga ist der Spielbetrieb Ende Oktober nicht ausgesetzt worden, sondern wird unter entsprechenden Corona-Verordnungen und Testungen weiter durchgeführt – eine Tatsache, mit der sich auch Mehnert intensiv auseinander gesetzt hat. „Ich habe nicht gesagt, das ist alles logisch und die Regionalliga muss natürlich spielen. Ich habe ja zum Beispiel auch, wie einige Akteure dieser Spielklasse, noch einen Job. Da fragt man sich schon, was der Arbeitgeber dazu sagt, wenn es einen Coronafall gibt”, erklärt er. „Aber in dieser Liga sind gleichzeitig viele Vereine, die unter Profibedingungen arbeiten, wo die Spieler dann eben ihren Job verrichten. Ich kann mich da in beide Seiten hineinversetzen.”

Und so hat sich Mehnert auch an die wöchentlichen Coronatestungen gewöhnt, die er mittlerweile fast 20 Mal über sich ergehen lassen musste. Selbst als am vergangenen Samstag die Partie bei der U23 von Fortuna Düsseldorf ausgefallen war, erfolgte der prophylaktische Coronatest für das gesamte Team. „Glücklicherweise haben wir bei uns in der Mannschaft noch keinen positiven Fall”, sagt Mehnert und verrät seinen derzeit größten Wunsch: „So wie andere Trainer und Spieler den Tag herbei sehnen, wenn sie wieder auf den Platz können, fiebere ich dem Augenblick entgegen, wenn wieder Fans ins Stadion kommen dürfen. Denn diese ganze Atmosphäre mit Jubel und Pfiffen und von mir aus auch Pöbeleien fehlt mir schon enorm.“ Aber bis es so weit ist, genießt er es, weiter seinem Trainerjob nachgehen zu dürfen, und setzt alles daran, möglichst viele Punkte mit dem früheren Bundesligisten einzufahren, um den Klassenerhalt in der Regionalliga zu schaffen. Denn dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Björn Mehnert auch in der kommenden Spielzeit in der vierthöchsten Liga arbeiten kann.

Insgeheim hofft er aber, dass er irgendwann noch höherklassiger als Coach an der Seitenlinie stehen darf. Derzeit fehlt ihm dazu noch die nötige Lizenz, aber diesen Traum will er weiter verfolgen. „Ich habe mich schon einmal für den Lehrgang zum Fußball-Lehrer beworben, wurde aber abgelehnt. Denn meist sind es über 100 Bewerber, aber nur 23 bis 25 werden genommen. Das bleibt allerdings mein Ziel. Ich bin da sehr ehrgeizig”, sagt er. Vorher aber will er noch in Wuppertal für positive Schlagzeilen sorgen und dafür in den nächsten Wochen noch viele Coronatests über sich ergehen lassen: „Ich gehe das weiter mit viel Demut an, dass ich nach Wuppertal zum Training fahren darf.”

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