Fußball

Betreuer Bernd Zurkuhl muss in Rhynern aufhören - der Gesundheit wegen

Bernd Zurkuhl wird den Fußballern des SV Westfalia als Betreuer nicht mehr zur Verfügung stehen.
+
Bernd Zurkuhl wird den Fußballern des SV Westfalia als Betreuer nicht mehr zur Verfügung stehen.

Sollte der Fußball irgendwann in diesem oder gar erst im nächsten Jahr wieder losgehen, werden die Oberliga-Fußballer des SV Westfalia Rhynern auf ein liebgewonnenes Gesicht verzichten müssen.

Hamm - Bernd Zurkuhl, den rund um den Papenloh alle nur Berni rufen, wird dann nach fast 20 Jahren nicht mehr als Betreuer der ersten Mannschaft zur Verfügung stehen. Der Grund: das Coronavirus.

Der 67-Jährige ist Raucher und leidet unter der chronischen Lungenkrankheit COPD (Chronic Obstructive Pulmonary Disease) im so genannten Goldstadium. „Da ist Gold mal nichts Gutes, sondern das Schlechteste. Deswegen gehe ich derzeit auch kaum raus und meide jeglichen Kontakt. Denn wenn mich dieses Virus erwischt, bin ich wahrscheinlich weg“, sagt Zurkuhl, der daher auch in Zukunft das enge Miteinander mit den Spielern wie das gemeinsame Sitzen in der Kabine oder gar auf der Auwechselbank strikt unterlassen will und aus diesem Grund seine Betreuerkarriere beenden wird.

Mitte der 1980er Jahre war Zurkuhl nach Rhynern gezogen und wurde schnell Fan der Westfalia. Alle zwei Wochen ging er damals zu Fuß von seiner Wohnung zum Papenloh und schaute sich die Heimauftritte der ersten Mannschaft an. Und auch auswärts verfolgte er zahlreiche Partien seiner neuen Lieblingsmannschaft.

2000/01 spontan zugesagt

Als zum Jahreswechsel 2000/01 der Job des Betreuers unter der Regie des früheren Trainers Thomas Kruse vakant und Zurkuhl gefragt wurde, ob er den Posten als Nachfolger von Klaus Schiffer übernehme wolle, sagte er spontan zu. „Bei meinem ersten Einsatz wurde mir die Passmappe kommentarlos in die Hand gedrückt. Als der Schiedsrichter dann reinkam und die Pässe kontrollieren wollte, hatte ich keine Ahnung, welche Nummer ich ihm da vorlesen sollte. Das war schon ein chaotischer Anfang. Da habe ich gedacht, lange werde ich diesen Job nicht ausüben“, erinnert sich Zurkuhl.

Doch er machte sich schnell mit den Aufgaben eines Betreuers vertraut und wurde im Laufe der Jahre zu einem wichtigen Bestandteil der ersten Mannschaft des SV Westfalia. Dass er in dieser Zeit viele unvergessliche Dinge erlebt hat, liegt dabei auf der Hand. „Es gab tolle Trainer, aber es waren auch einige luftgetrocknete dabei, die echt richtig spröde und komisch waren“, betont er. Besonders gut in Erinnerung hat er dabei die Zusammenarbeit mit Björn Mehnert, der sechs Jahre lang als Coach am Papenloh tätig war. „Auch wenn der eine oder andere Spieler etwas anderes sagt, aber Mehne war als Trainer einfach richtig gut. Er hat jedes Spiel anders besprochen, hat sich in den sechs Jahren nie wiederholt“, schwärmt Zurkuhl, der genauso viel von dem derzeitigen Coach Michael Kaminski hält: „Kami ist menschlich einfach klasse. Und wie er alle 20 Spieler aus dem Kader bei Laune hält, das ist schon stark.“

Erinnerungen an besondere Stadien

Genauso gerne denkt Zurkuhl, der früher im Außendienst für einen Baustoffhandel tätig war und mittlerweile seit drei Jahren in Rente ist, an bestimmte Stadien zurück, die er mit der Westfalia besucht hat. So wie an den Aachener Tivoli („Da konnten wir mit dem Bus bis unter die Tribüne fahren.“), an die Grotenburg-Kampfbahn in Uerdingen („Da haben ja Europapokalschlachten stattgefunden.“) oder an das Stadion von RW Essen an der Hafenstraße, wo die Westfalia in der NRW- und später in der Regionalliga zweimal angetreten ist.

Aber es sind nicht nur die Trainer oder Arenen, sondern auch viele Momente, die für immer in das Gedächtnis von Zurkuhl eingebrannt sind. „Dabei war unser Aufstieg in die Regionalliga noch nicht einmal das schönste Erlebnis. Am liebsten erinnere ich mich an unsere Siege über die Hammer SpVg. Zum Beispiel an das 1:0 bei der HSV durch das Tor von Mathieu Bengsch, was quasi der Dosenöffner für den Sprung in die Regionalliga war. Oder auch an den 5:0-Sieg im Kreispokalendspiel über die Hammer in Wiescherhöfen. Da meinte der Mannschaftskapitän der HSV beim Anstoß zu Dustin Wurst, dass jeder von ihnen 100 Euro für einen Sieg bekommen würde. Dustin antwortete dann, dass er und seine Teamkollegen eine Kiste bekommen würden. Am Ende weiß ich gar nicht mehr, wie viele Kisten Bier wir da leer gemacht haben“, sagt Zurkuhl und fügt hinzu: „Da hatte sich einmal mehr bestätigt, was ich schon immer wusste: dass ich beim richtigen Verein bin.“

Freundschaften haben sich entwickelt

Zudem haben sich im Laufe der Jahre zahlreiche Freundschaften zu den Spielern entwickelt, „obwohl ich ja eigentlich zwei Generationen zu den Jungs entfernt bin“, wie Zurkuhl betont. So hat er immer noch Kontakt zu Bengsch und Wurst, steht derzeit im regelmäßigen Austausch mit Akhim Seber, Michael Wiese, Lennard Kleine oder Jeffrey Malcharek aus dem aktuellen Kader. „Das sind einfach Bindungen, die sich über die Zeit entwickelt und gefestigt haben. Denn ich bin ein geselliger Typ, der sich zu den Jungs setzt und mit denen ein Bier trinkt. Ich komme einfach mit jedem gut klar. Ich möchte diese Zeit nicht missen.“

Doch von diesen gemeinsamen geselligen Runden müssen sich die Spieler nun genauso verabschieden wie Zurkuhl. Bereits zu Beginn der derzeit unterbrochenen Spielzeit hatte er betont, dass er aufgrund seiner Lungenkrankheit nicht mehr schwere Dinge wie den Trikotkoffer oder Getränkekisten tragen kann. „Diese Zeiten sind vorbei“, bestätigt er. „Ich muss zweimal am Tag ein Luftmittel nehmen. Wenn ich das nehme, ist es gut. Als ich das einmal vergessen hatte, dachte ich, ich muss sterben.“

Daher hat er sich in dieser Saison hauptsächlich um die Pässe und den Spielberichtsbogen gekümmert. Aber selbst den Gang von der Ersatzbank in die Kabine hat er zur Pause nicht jedes Mal mit angetreten. Wenn der Umkleidebereich zu weit weg vom Spielfeld war, ist er auch schon mal in der Halbzeit einfach auf der Auswechselbank sitzen geblieben. „Daher war zuletzt das Stadion in Ahlen mein Lieblingsstadion. Da muss man nur kurz durch einen Schlauch gehen, und schon ist man in der Kabine“, sagt er.

Künftig nur noch als Zuschauer

Doch in Zukunft wird er die Partien der Westfalia nur noch als Zuschauer verfolgen, muss sich also keine Gedanken darüber machen, wie weit die Kabinen vom Platz entfernt sind. Dass dies für ihn sehr ungewohnt sein wird, darüber ist er sich schon jetzt im klaren. „Das wird schon komisch werden. Aber ich muss einfach Abstand halten, werde überhaupt auch nicht mehr in die Kabine gehen können, auch wenn es mir sehr schwer fallen wird“, betont er.

Daher hält er sich auch jetzt an die aktuellen Vorgaben, verlässt nur äußerst selten sein Zuhause. Die Decke fällt ihm dabei – noch nicht – auf den Kopf. Entweder puzzelt er, eine Leidenschaft, die er nach eigener Aussage wieder entdeckt hat. Oder er hört Musik, am liebsten Hardrock, Heavy Metal oder harten Blues-Rock. „Es muss richtig bumm bumm machen“, stellt er klar und freut sich, dass er sich im Januar noch eine neue Musikanlage gekauft hatte, über die er seine Lieblingsmusik aus dem Internet streamen und non-stop hören kann. Zudem besitzt er rund 3500 CDs und 1500 Langspielplatten. „Ich bin zurzeit auf dem Spotify-Trip. Ich muss die Zeit ja herumbekommen. Aber so schaffe ich das gut“, sagt er. Und wenn er dann doch mal aus dem Haus geht, dann nur mit Mundschutz. „Ich bin da sehr vorsichtig“, betont er – denn er will ja noch lange leben und noch viele Partien der Westfalia sehen...

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare