Fußball

Ausgebremst: Ein Fußball-Vielfahrer auf Entzug

Philipp Retajski Norbert Dickel.
+
Arm in Arm mit dem Stadionsprecher: Philipp Retajski und Norbert Dickel.

Das Leben von Philipp Retajski ist derzeit fast komplett auf den Kopf gestellt. Kaum noch etwas ist, wie es sonst war. Normalerweise dreht sich alles bei dem 33 Jahre alten Fußball-Fan, den alle nur Pille nennen, um das runde Leder. Entweder ist er mit Borussia Dortmund unterwegs oder er verfolgt die Spiele der Hammer SpVg in der Oberliga. So hat er in den vergangenen fast 20 Jahren rund 1400 Partien in 19 verschiedenen Ländern live im Stadion gesehen, davon alleine 740 Begegnungen des BVB. „Keine Frage, Fußball ist mein Leben“, stellt er klar.

Hamm – Jetzt aber ist er aufgrund des zweiten Corona-Lockdowns wie schon im Frühjahr auf Entzug und verbringt gezwungenermaßen die meiste Zeit zu Hause in seiner Wohnung. Die Partien des BVB finden ohne Zuschauer statt, die Spiele der Hammer SpVg sind genauso wie alle anderen Begegnungen im Amateurbereich derzeit abgesagt. „Ich gehe zur Arbeit, fahre mit dem Rad und treffe mich einmal in der Woche mit einem Freund, um nicht ganz den Anschluss zu verlieren. Ansonsten ist alles ruhig, fast langweilig”, sagt Retajski und fügt erklärend hinzu: „Ich will gesund bleiben.”

Dabei hatte er als Kind mit Fußball recht wenig am Hut, seine sportliche Leidenschaft galt in jungen Jahren dem Kanufahren. Als er aber im Alter von 14 Jahren von einem Bekannten mit zu einem Heimspiel von Borussia Dortmund genommen wurde, war es um Retajski geschehen. „Da hat es mich gepackt”, betont er. Fortan standen bei ihm die Farben Schwarz und Gelb im Lebensmittelpunkt. Für die Südtribüne hat er inzwischen natürlich eine Dauerkarte. Und auch auswärts ist er bei jeder Partie dabei – egal, ob in der Bundesliga oder irgendwo in Europa, wenn der BVB in der Champions League oder in der Europa League im Einsatz ist.

Und auch, wenn sich die Borussia jedes Jahr Anfang Januar auf den Weg Richtung Süd-Europa macht, um sich im Wintertrainingslager auf die Rückrunde vorzubereiten, ist der Hammer immer dabei. „Andere haben Reiten oder was weiß ich was zum Hobby, ich fahre nun mal zum Fußball. Ich habe da meine Freunde, das hat sich im Laufe der Jahre so entwickelt”, meint er und stellt klar: „Und bei mir stellt sich nicht die Frage, ob ich zu einem Auswärtsspiel fahre oder nicht. Sondern es geht nur darum, wie ich da hinkomme.”

Im Wintertrainingslager in Marbella (2012): Retajski war dabei.© Retajski

Daher opfert er auch fast all seine Urlaubstage, um die Schwarz-Gelben bei ihren Spielen zu begleiten. Ferien in den Bergen oder irgendwo am Meer, das kommt für den so genannten Vielfahrer, der in Bönen bei Welser Profile arbeitet, nicht in Frage. Für ein Champions-League-Spiel plant er meist drei freie Tage ein, damit er vor Ort auch etwas von der Gegend mitbekommt, Land und Leute kennen lernen kann. „Irgendwo in der Kneipe herumhängen, das ist nichts für mich. Wir machen immer Sightseeing, schauen uns vor Ort die Sehenswürdigkeiten an. Und dadurch komme ich viel in der Welt herum und besuche Orte, die ich sonst nie zu Gesicht bekommen würde”, meint er. Auf das Dortmund-Trikot oder andere Fanutensilien verzichtet er bei diesen Erkundungsfahrten vor den Partien aber immer ganz bewusst. „Ich will meine Ruhe haben und keinen Stress provozieren. Ich halte mich da raus“, erklärt er, warum er kurz dem Spiel immer noch einmal zurück zum Hotel fährt, um sich dann dort in schwarz-gelb zu kleiden.

Barcelona, Madrid, Mailand, London oder Paris – in all diesen (Fußball-)Metropolen war er schon einige Male. Und so freut er sich immer wieder, wenn dem BVB ein Verein zugelost wird, dessen Stadion er genauso wenig wie die Stadt kennt. „Die Auslosung verfolge ich jedes Mal mit großer Spannung”, sagt er. „Und wenn ich dann weiß, wo es hingeht, wird sofort gebucht.” Doch nicht immer klappt dies so einfach. Als es im September 2010 in das ukrainische Lemberg zum FK Karpaty Lwiw zum Auswärtsspiel der Europa League ging, war das Ziel nicht so einfach per Flieger zu erreichen. So setzte sich Retajski für die Hinfahrt 23,5 Stunden in einen Bus, kam am Spieltag morgens in Lemberg an und fuhr nach der Partie rund 20 Stunden lang wieder zurück nach Hamm. „Meine Freunde, die ich über den Fußball kennen gelernt habe, sind dann auch immer dabei. Daher ist das nicht stressig, sondern immer eine schöne Sache, mit denen viel Zeit zu verbringen“, nimmt er daher all die Reisestrapazen nur zu gerne auf sich.

In der Saison 2005/06 entdeckte Retajski dann seine zweite große Leidenschaft. Ein Bekannter, der oft mit ihm zusammen auf der Südtribüne in Dortmund stand, nahm ihn mit zur Hammer SpVg, wo er seitdem nicht nur ein stetiger Gast bei sämtlichen Heim- und natürlich auch Auswärtsspielen ist, sondern seit dem vergangenen Sommer auch als Medienbeauftragter des Oberligisten fungiert. „Ich hatte mich damals sofort mit den Leuten gut verstanden. Und es ist natürlich auch eine spannende Sache, wenn man den Unterschied zwischen diesen beiden Fußball-Welten erlebt: samstags bei einem Profiverein wie es der BVB ist und sonntags dann bei einem Amateurklub wie die HSV”, erläutert er, warum er von beiden Vereinen fasziniert ist. „Man darf das auch nicht vergleichen, man muss sich auf beides einlassen.”

Auch im Jahr 2013 war er in Donezk dabei, als der BVB in der Ukraine antrat.

Seine Freude an der HSV hat er sich auch nicht durch die bittere Negativserie nehmen lassen, denn seit dem 26. Mai 2019 haben die Weinroten aus dem Hammer Osten bekanntermaßen keinen Sieg mehr in der Oberliga eingefahren. „Klar ärgert man sich direkt nach dem Spiel. Aber wenn ich mich damit die ganze Woche beschäftigen würde, dann hätte ich ja viel zu oft schlechte Laune. Denn einer meiner beiden Vereine verliert immer”, sagt er. „Als Sven Hozjak Trainer bei den HSVern war, haben die mehr gewonnen als der BVB in dieser Zeit. Man gewöhnt sich daran, dass es nicht immer so läuft, wie man sich das wünscht.”

Und wenn es in einer normalen Saison mal einen Samstag oder Sonntag gibt, an dem weder der BVB noch die HSV spielen, dann geht er seinem Hobby Groundhopping nach und schaut sich Spiele in der Umgebung an – und das am liebsten auf Sportplätzen, auf denen er vorher noch nicht war. Denn dann gibt es neue Punkte, die er sich aufschreiben darf. „Ich schaue mir einfach total gerne live Fußball an“, sagt er und verrät, dass er über die Partien, die er vor Ort verfolgt, penibel Buch führt.

Doch derzeit ist all dies zum zweiten Mal in diesem Jahr nicht möglich. Fußball vor Ort – Philipp „Pille“ Retajski muss auf sein Lieblingshobby, das sonst einen Großteil seines Lebens bestimmt, verzichten. Doch dies fällt ihm nicht so schwer wie erwartet. „Ich habe mich mit der aktuellen Lage abgefunden“, betont er. „Ich muss in der aktuellen Situation mich und andere schützen.“

Was ihm derzeit bleiben könnte, wären die Live-Übertragungen des BVB im Fernsehen. Doch die Partien alleine vor dem TV-Gerät auf dem Sofa liegend zu verfolgen, das ist nicht sein Ding. „Alleine schaue ich schon mal gar nicht. Wenn, dann mit einem Bekannten zusammen”, sagt er und verrät, dass er sich zum Beispiel das Aufeinandertreffen der Dortmunder zuletzt in der Bundesliga gegen den FC Bayern München überhaupt nicht angesehen hat. „Daran habe ich echt wenig Interesse. Ich bin dann zur Arbeit gefahren und habe meine Nachtschicht gemacht”, sagt er.

In den vergangenen 15 Jahren hat er gerade einmal fünf BVB-Spiele im Fernsehen gesehen. „Das ist eine ganz andere Sache. Für mich gibt es Fußball nun mal nur live im Stadion.” Nur eben derzeit nicht. Das 20. Land und der Versuch, die 1500 Spielbesuche voll zu machen, müssen warten. Wie lange noch, weiß auch „Pille“ Retajski nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare