Englischer Fußballverband greift durch

Wegen bleibender Hirnschäden: Kopfballverbot im Jugendfußball?

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In England werden Kopfbälle im Training künftig verboten sein.

Eine neue Richtlinie im englischen Fußball sieht vor, aus gesundheitlichen Gründen Kopfballübungen im Training für Kinder im Grundschulalter  gänzlich abzuschaffen. Die Trainer der Hammer Nachwuchskicker legen aber ohnehin nicht viel Wert auf das Trainieren von Kopfbällen.

Hamm – Vielen ist Horst Hrubesch als Kopfballungeheuer im Gedächtnis geblieben. Der gebürtige Hammer und frühere Fußballtrainer war vor allem aufgrund seiner gefährlichen Kopfbälle maßgeblich an der erfolgreichsten Ära des Hamburger SV und dem EM-Titel 1980 beteiligt. Stundenlang trainierte der 1,88 Meter große Mittelstürmer damals am Kopfballpendel – damit könnte für die Talente von morgen jedoch bald Schluss sein.

Laut einer Untersuchung, die vom britischen Fußballverband FA und der Spielergewerkschaft PFA in Auftrag gegeben wurde, haben Fußballspieler in Großbritannien eine um 3,5 Mal höhere Wahrscheinlichkeit an einer degenerativen Hirnkrankheit zu sterben. Davon haben auch die Verantwortlichen in Hamm Wind bekommen. „Wir schulen in den Jugendmannschaften überhaupt kein Kopfballtraining“, sagt Frank Südhoff, Jugend-Abteilungsleiter beim VfL Mark. „Unsere Minikicker spielen zudem mit einem leichten 190-Gramm-Ball, der die Köpfe der Jüngeren besser schützt.“

Laut der Studie ist das Risiko, an Demenz zu erkranken, für Fußballer um 3,45 Mal höher – das Gefahr für eine Alzheimererkrankung sogar 4,4 Mal höher. Dass Kopfbälle tatsächlich der Grund für die häufigen Erkrankungen sind, besagt die Untersuchung zwar nicht, die Vermutung liegt jedoch nahe. „Man kann nicht sagen, dass ein Kopfball automatisch zu einer degenerativen Gehirnerkrankung führt. Aber es spricht doch einiges dafür, dass es sich nicht positiv auf die Gehirnentwicklung bei Jugendlichen auswirkt“, sagt Dr. Ingo Helmich von der neurologischen Abteilung der Sporthochschule Köln dazu im Gespräch mit dem Internetportal Sportbuzzer.

Reduzierung sogar in der U18

Aus diesem Grund reagierte die FA – mit einem Kopfballverbot für die Jugendmannschaften. „Es ist unabdingbar, dass wir im Fußball jetzt alles tun, um zu verstehen, was die Gründe für dieses erhöhte Risiko sind, und was wir tun können, um zukünftige Generationen von Fußballern davor zu schützen“, sagte die englische Verbandsärztin Charlotte Cowie im Dezember. Die neue Richtlinie sieht vor, Kopfballübungen im Training für Kinder im Grundschulalter – in Deutschland beträfe das die G-, F- und E-Jugend – gänzlich abzuschaffen.

Im Jugendbereich ab den U12-Junioren sollen Kopfbälle nur selten trainiert und bei der U18 „soweit wie möglich“ reduziert werden. Zudem sieht die FA-Richtlinie festgelegte Ballgrößen für jede Altersklasse vor – in Deutschland gibt es das bereits. Außerdem wichtig: Die Verbote beziehen sich ausschließlich auf den Trainingsbetrieb, in Spielen sind Kopfbälle weiterhin erlaubt. Auch in den USA gibt es bereits seit 2015 ein Kopfballverbot für Kinder bis zum elften Lebensjahr.

Im Spiel soll es Kopfbälle weiterhin geben.

In Deutschland sehen die Verantwortlichen die Lage etwas entspannter: Der DFB empfiehlt zwar ein Kopfballtraining erst ab dem 13. Lebensjahr, ein Verbot stand zuletzt jedoch nicht zur Debatte. Im vergangenen Jahr gab die Deutsche Fußball Liga (DFL) bekannt, dass sich die Profis der Erst- und Zweitligaklubs künftig einer jährlichen Untersuchung zu Hirnschäden unterziehen sollen. Falls weitere Länder nachziehen, könnte aber auch der DFB umdenken – mit möglichen Auswirkungen auch für die Hammer Fußballvereine.

Eine Befürchtung ist, dass es talentierte Spieler in Zukunft schwieriger haben, in den Profi-Bereich aufzusteigen, wenn sie nicht von Anfang an auch Kopfbälle trainieren. Beim VfL Mark bestritt beispielsweise der heutige Profifußballer Jan-Niklas Beste (FC Emmen, Eredivisie) seine ersten Spiele. „Meiner Meinung nach gibt es zwei goldene Lernalter: die D- und die B-Jugend. Davor lernen die Kinder bei uns vor allem Respekt und Teambuilding“, macht sich Südhoff auch um die Stars der Zukunft keine Sorgen. Ein Problem sieht er bei der neuen Richtlinie dennoch: „Das Verbot im Training ist ja erst der Anfang. Irgendwann wird das auch die Pflichtspiele betreffen und später auch die Profis. Ich bin gespannt, was da noch alles auf uns zu kommt.“

Kleine: "Ganz verhindern kann man Kopfbälle nicht"

Auch bei der Westfalia aus Rhynern stehen im Jugendbereich andere Aspekte im Vordergrund. „Wir trainieren nie Kopfbälle, die Zeit ist eh schon knapp im Training, da versuchen wir dann an der Technik zu arbeiten“, sagt Jan Kleine, Trainer der Rhyneraner C-Jugend. Zudem habe der DFB schon gehandelt: „Durch die neue Abstoßregel, bei der jetzt auch Spieler beim Abstoß in den Sechzehner dürfen, kommt es bereits zu deutlicher weniger Kopfballduellen, da der flache Abstoß dadurch deutlich attraktiver wird. Ganz verhindern kann man Kopfbälle allerdings nicht, dann wäre es ja auch kein Fußball mehr.“ Kleine hofft aber, dass die Verantwortlichen die Problematik weiter im Blick behalten und dass durch weitere Studien mehr Erkenntnisse gewonnen werden.

Wie in den anderen Vereinen auch, wird unter dem B1-Trainer der Hammer SpVg, Max Lippert, ebenfalls wenig bis gar nicht an Kopfbällen trainiert. „Wenn, dann machen wir das in spielerischer Form beim Aufwärmen. Dann gibt es zum Beispiel eine Runde Handball, bei der die Tore aber nur mit dem Kopf erzielt werden dürfen.“ Lippert hätte zudem keine Probleme mit einer Regelverschärfung auch in Deutschland – im Gegenteil: „Ich könnte mir sogar vorstellen, dass man das Kopfballspiel gänzlich abschafft, auch wenn das den meisten Fußballspielern erst einmal komisch vorkommen würden.“

Nachteile für kommende Generationen sieht er dabei nur auf kurzfristige Sicht. „Jetzt hätte die aktuelle Generation einen Vorteil gegenüber den Jugendlichen, aber in zehn Jahren würde niemand mehr über Kopfbälle sprechen“, so der Coach der Hammer SpVg. „Die Zeiten, in denen man bis zur Grundlinie durchgerannt ist und eine Flanke auf Luca Toni oder Mario Gomez geschlagen hat, gehören der Vergangenheit an.“

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