Handball

ASV: Merten Krings muss zuschauen, wenn die anderen feiern

Seit dem 16. September außer Gefecht: ASV-Mittelmann Merten Krings.
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Seit dem 16. September außer Gefecht: ASV-Mittelmann Merten Krings.

Als für die Kollegen die Saison in der 2. Handball-Bundesliga richtig losging, war sie für Merten Krings erst einmal vorbei. Daumenbruch im Test gegen Lemgo. Pause: voraussichtlich bis Ende November.

Hamm - Für den Rückraumakteur des ASV Hamm-Westfalen hat sich in den vergangenen sechs Monaten auch sonst viel verändert – durch Corona, aber auch durch die Tatsache, dass er zum ersten Mal Vater wird.

Bei den Heimspielen des ASV Hamm-Westfalen wird Merten Krings schon einmal emotionaler. Dann geht er die Unparteiischen an, macht seinem Unmut Luft. Dabei sitzt er zurzeit nur auf der Tribüne. Im Testspiel gegen Erstligist TBV Lemgo hat sich der Mittelmann eine Daumenverletzung zugezogen. Ende nächster Woche werden die Drähte entfernt. „Wie lange die Mobilisation danach dauert, ist schwer zu sagen. Ich gehe davon aus, dass ich erst Ende November wieder eingreifen kann“, sagt er. „Das ist eine lange Zeit, der Bruch war aber auch kompliziert.“

Zugezogen hat er sich die Verletzung bei einem Schlagwurf – die Hand von TBV-Akteur Isaias Guardiola war im Weg. „Der Daumen wurde nach hinten überstreckt“, erinnert er sich. „Dadurch sind im Grundgelenk zwei Knochenabsplitterungen entstanden – eine Situation, die bei kleinen Spielern öfter passiert. 100 Mal geht das gut, dieses Mal eben nicht.“

Licht am Ende des Tunnels

Seitdem trainiert er seperat mit Athletikcoach Thomas Isdepski. „Mit der Hand kann ich wieder etwas greifen“, sieht er ein Licht am Ende des Tunnels, auch für seine Frau Eva, die ihn bei den Auswärtsspielen zuhause am Fernseher ertragen muss. „Ich glaube, dass sie froh ist, wenn ich bei den Spielen wieder woanders ausraste. Man leidet da mehr, als wenn man selbst spielt. Das Herz blutet.“

Zusehen, wenn die anderen feiern – mehr war bislang nicht drin. Zumindest machten die ersten vier Begegnungen Spaß. „Die Jungs haben es hervorragend gemacht“, stellt er fest. Bis zum 26:27 gegen Dessau, zumindest. „Das war schade, aber man hat gesehen, dass viel Müdigkeit im Kader war“, nimmt Krings die Kollegen in Schutz. „Publikum hätte uns in dem Moment sehr gut getan, um die letzten Prozente rauszuhauen und noch zu gewinnen.“

Ob es mit ihm besser gelaufen wäre? „Weiß ich nicht, ist ja hypothetisch“, sagt er. „Aber ich glaube, dass Sören Südmeier und ich uns sehr gut ergänzen. Menschlich und sportlich passt es sehr gut. Deswegen tut es weh, wenn er platt wirkt und ich eingreifen hätte können. Ich glaube, dass Erfahrung in der zweiten Liga immer helfen kann, und die Emotionalität – da bin ich schon so ein Typ, der das schaffen kann. Aber es gibt aktuell genug Leute im Team, die das können.“

An Quantität hat der Kader verloren

Unabhängig von der Niederlage gegen Dessau sieht der 31-Jährige den Kader gut aufgestellt, auch wenn er in der Breite vielleicht nicht mehr so üppig besetzt ist wie im Vorjahr. „Was man ganz klar sagen muss, ist, dass wir von der Qualität her nicht mehr so ausgeglichen sind, wie letztes Jahr“, sagt der angehende Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte. „Wir hatten letztes Jahr mit Oli Krechel und Felix Storbeck mit das beste Torhüterduo der zweiten Liga. Jetzt haben wir mit Jan Wesemann einen jungen Spieler, der es bis dato hervorragend macht, aber nicht die Erfahrung hat wie Krechel. Auf Halbrechts macht Gerrit es aber mindestens genauso gut wie Stefan Lex, und auf Hablinks haben wir uns mit Marian Orlowski mit Sicherheit nicht verschlechtert. In der Quantität haben wir aber ein bisschen verloren.“

Die Corona-Zwangspause empfand Krings gar nicht als so schlimm, wie sie für andere war, deren Existenz unmittelbar bedroht ist. Im April wird er zum ersten Mal Vater, ein Ereignis, auf das er sich jetzt schon freut wie ein Schneekönig. „Mir ist bewusst, dass es vielen Menschen mit Corona schlecht geht. Aus meiner Perspektive war es erst mal eine Wohltat, weil ich so viel Zeit hatte, wie noch nie, um über viele Dinge nachzudenken und die Zeit mit der Familie zu nutzen“, sagt er. „Irgendwann kam zwar der Gedanke, dass der Handball fehlt. Aber sonst drehst du dich immer in deinem Hamsterrad, hast nie Zeit, um zu reflektieren. Seit wir Kinder sind, war Handball Mittelpunkt unseres Lebens – und wird es auch bleiben.“ Derzeit absolviert er an einer Ahlener Schule ein Praxissemester, wofür „jetzt wesentlich mehr Zeit ist“. Im Sommer ist er mit dem Studium durch – ob er direkt das Referendariat anschließt, will er offen lassen.

Denn zuerst hat der Handball Priorität – und Krings‘ möglichst schnelle Rückkehr, die er sich auch für die Zuschauer wünscht. „Es ist surreal, wenn man überlegt, dass wir normal vor 2 000 Zuschauern spielen, gepusht werden, Siege einfach grandios gefeiert werden“, sagt er. „Und jetzt sitzt keiner auf den Rängen, nur Offizielle. Die absolute Stimmung fehlt. Und für die spielen wir ja, um diese Atmosphäre zu genießen. Dass das jetzt nicht geht, macht den Sport für mich unattraktiver, trauriger.“

Krings in der Rolle der Fans

Bis es wieder soweit ist, dass die Fans in Hamm auf die Plätze zurückkehren dürfen, will Krings deren Part übernehmen. „Der Druck auf die Schiedsrichter ist ein ganz anderer, wenn die Fans da sind“, weiß er. „Mit denen hätten wir gegen Dessau nicht verloren. Daher versuche ich das auf der Tribüne, bis ich wieder fit bin, ein bisschen auszugleichen...“

Unabhängig davon hat Corona den Blick auf das Leben für den Aachener verändert, der mit Ahlen, Saarlouis, Emsdetten und Hamm auf relativ wenige Senioren-Stationen zurückblickt („Ich bin kein Freund des ständigen Wechselns und muss eine emotionale Bindung zu meinen Vereinen und dem Umfeld haben.“). „Das ist eine Art Brennglas für das Leben. Ich glaube, dass vieles durch Corona offensichtlicher wurde. Am Spruch „Carpe Diem“, genieße den Tag, ist schon viel dran“, glaubt er. „Es ist so ungewiss, was morgen passiert, und es gibt so viele Variablen im Leben, die alles von einer Sekunde zur anderen ändern können. Das war vorher auch klar, aber man hat es nicht so reflektiert, wie jetzt, weil wir sonst in dieser Handballerblase waren.“

Womit wir wieder beim Tagesgeschäft angelangt wären. Da steht am Samstag die Partie beim HSV Hamburg auf dem Plan. Der bisher schwerste Gegner? „Ich glaube, dass die jüngste Vergangenheit uns gelehrt hat, dass jedes Spiel enorm schwer ist“, sagt Krings lächelnd.

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