Fußball

"Atta" Wicher gibt auch mit 80 die Pfeife noch nicht ab

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Alfred Wicher hat seine Erinnerungen in zahlreichen Ordnern festgehalten.

Hamm - Er ist der älteste aktive Schiedsrichter im Fußball-Kreis. „Solange ich noch hin- und herlaufen kann, will ich auch weiterpfeifen“, beteuert Alfred „Atta“ Wicher, der am Donnerstag 80 Jahre alt wird. „Erst wenn sie mir sagen, dass sie mich nicht mehr wollen, werde ich aufhören!“

Doch dazu ist der erfahrene Unparteiische vom VfL Mark, der in Osttünnen wohnt, zu ehrgeizig. „Was soll ich zuhause rumsitzen“, betont Wicher, dessen Frau Gisela, mit der er schon Goldhochzeit feierte, sich längst daran gewöhnt hat, dass „Atta“ die Wochenenden auf dem Fußballplatz verbringt. 

Wicher hat als Schiedsrichter Spiele bis in die zweithöchste Spielklasse geleitet, stand sogar in der Fußball-Bundesliga an der Linie. Aktuell wird er bei Spielen in der Kreisliga B eingesetzt, wenn Not am Mann ist in der Kreisliga A. Ansonsten freut er sich auch über Ansetzungen im Jugendbereich oder bei den Alten Herren. 4849 Begegnungen hat er in seiner Laufbahn schon geleitet. „Seit Mai warte ich auf mein 4850. Spiel.“ 

Denn er hat Buch geführt. Die ersten 98 Einsätze hat er zwar nicht notiert, doch 1956 erhielt er vom damaligen Lehrwart Fritz Hillebrand die Anregung, alles aufzuschreiben. In einem grünen Buch trägt er seitdem alle Partien sorgfältig ein. Mit Datum, Paarung und Ergebnis, teilweise auch mit kurzen Vermerken, wenn es besondere Ereignisse gegeben hat. Und die hat er in seiner Laufbahn reichlich erlebt. 

Fußball-Schiedsrichter ist er nur durch Zufall geworden. Sein Bruder Reinhold, der schon früh im Alter von 52 Jahren starb, hatte sich für einen Lehrgang angemeldet. Und den damals 15-jährigen Alfred, der im Nachwuchsbereich des damaligen VfL Berge (heute SSV Hamm) kickte, einfach mitgenommen. Mit 16, am 1. Juni 1954, sollte er sein erstes Spiel pfeifen. „Es war die Partie der A-Jugend des SV Ostwennemar gegen TuS Lohauserholz“, erinnert sich Wicher. „Doch das Spiel fiel aus, weil ein Verein keine komplette Mannschaft stellen konnte. Ich war damals richtig enttäuscht“, erzählt der Unparteiische. „Was dann wirklich mein erstes Spiel war, weiß ich nicht mehr.“

 Es folgte ein rasanter Aufstieg als Schiedsrichter. Schon im dritten Jahr pfiff er Begegnungen der Bezirksklasse, 1962 gab er in der damaligen Regionalliga West auf dem Platz den Ton an, stand im gleichen Jahr in der Oberliga West, damals die höchste deutsche Klasse, als Assistent an der Linie. 1965 stieg er als Spielleiter in die Regionalliga auf, was damals die 2. Liga war. Dort war er bis 1974 aktiv. In der Saison 1974/75 gehörte er zum Bundesliga-Gespann von Karl-Heinz Fork aus Unna, stand gemeinsam mit Hans Wahmann aus Recklinghausen an der Linie. 

Gut erinnert sich Wicher an den letzten Bundesliga-Auftritt am 14. Juni 1975 im Münchner Olympiastadion, als die Bayern vor 28000 Zuschauern auf den HSV trafen und 0:1 verloren. Im Abschluss fand die Feier zum 75-jährigen Bestehen der Münchner statt. „Spieler wie Sepp Maier oder Franz Beckenbauer waren richtig nette Kerle“, erinnert sich der Hammer. „Der Schauspieler Joachim Fuchsberger hat damals durch das Programm geführt, danach traf man den einen oder anderen an der Bar.“ Begegnungen dieser Art hat er reichlich genossen. Im Vorfeld eines Turniers in Bochum saß er gemeinsam mit dem früheren Bundestrainer Sepp Herberger am Tisch, der 1954 mit Deutschland in Bern Weltmeister geworden war. Auch Herbergers Nachfolger Helmut Schön traf er im Rahmen einer DFB-Veranstaltung in Dortmund. „Der stand da ganz verloren am Rande im Saal. Da habe ich erst einmal mit ihm ein Bier an der Theke getrunken. Der war ein Jahr zuvor erst Weltmeister geworden“, erzählt Wicher nicht ohne Stolz. 

Alfred Wicher (rechts) bei seinem letzten Bundesliga-Einsatz im Münchner Olympiastadion mit Schiedsrichter Karl-Heinz Fork aus Unna (Mitte) und Assistent Hans Wahmann aus Recklinghausen.

In Dortmund stand er bei einem Jubiläums-Jugendspiel des DFB zwischen Deutschland und England im Westfalenstadion als Assistent der damaligen Schiedsrichter-Größe Kurt Tschenscher an der Linie, auch mit Walter Eschweiler war er öfter unterwegs. So richtig negative Dinge hat „Atta“ Wicher, der vor seinem Wechsel zum VfL Mark 25 Jahre für Westfalia Rhynern pfiff, auf dem Rasen nicht erlebt. „Bei einem Spiel zwischen Hemmerde und Heeren hat mich mal einer mit der Faust leicht am Kinn erwischt. Die Partie habe ich dann abgebrochen“, sagt Wicher. 

In Braunschweig traf ihn mal eine Jägermeisterflasche am Rücken. Doch die Wiedergutmachung folgte prompt. Wicher, der bei der WDI in Hamm Draht- und Hanf-Seiler gelernt hatte, war damals schon in der Justizvollzugsanstalt in Werl tätig. Dort betreute er die Häftlinge als Sportlehrer, den Übungsleiterschein hatte er bei den Eltern von Leichtathletik-Olympiasiegerin Heide Rosendahl in Radevormwald gemacht. Jägermeister war damals der Hauptsponsor der Braunschweiger Eintracht. „Die haben mir damals einen kompletten Trikotsatz für die Jungs in der JVA geschickt. Weil wir im Knast aber keine Werbung für Alkohol machen durften, haben wir die Trikots damals eingefärbt“, berichtet der Jubilar. 

Die Erinnerungen an diese Geschichten bewahrt er alle in zahlreichen Ordnern auf, in denen er Zeitungsartikel, Fotos oder Belege sorgfältig archiviert hat. Eine der neueren Errungenschaften in seinem Archiv ist ein Beleg von 1967. Damals leitete er ein Freundschaftsspiel des SuS Schwarz-Gelb Unna, der damals sein 60-jähriges Bestehen feierte, gegen den Bundesligisten 1. FC Köln. „Die traten mit Wolfgang Overath an“, erinnert sich Wicher. Und die Quittung vom 4. Juni beweist, dass Wicher 15,20 Mark als Fahrtkosten und Spesen erhalten hatte. „Die hat mir jetzt ein Bekannter aus Unna gegeben, der die zufällig in alten Unterlagen entdeckt hat.“

 Ernsthaft verletzt war er nie. „Bei einem Alte-Herren-Spiel habe ich mir 1967 den Fuß gebrochen. Aber als Spieler, zwei Tore hatte ich schon geschossen“, schmunzelt Wicher. Dabei ärgerte er sich aber nur darüber, dass er viereinhalb Monate nicht als Schiedsrichter auflaufen konnte. Vermutlich wäre er dann heute schon sehr nahe an seiner 5000. Partie als Unparteiischer. Doch wenn er weiter so fit bleibt, wird er diese Zahl bestimmt noch erreichen.

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