Bayern-Präsident war seine Bezugsperson

Uli Hoeneß erzählt von emotionalen Gesprächen mit Sebastian Deisler: „Das war der Wahnsinn“

Sebastian Deisler hatte lange mit Depressionen zu kämpfen. Uli Hoeneß, seine Bezugsperson beim FC Bayern, erzählte nun eine bewegende Geschichte über das einstige Jahrhunderttalent.

  • Sebastian Deisler spielte von 2002 bis 2007 beim FC Bayern München.
  • Der heute 39-Jährige bekannte sich im Jahr 2003 zu seinen Depressionen und beendete 2007 seine Karriere.
  • Bayern-Präsident Uli Hoeneß erzählte bei einer Podiumsdiskussion eine bewegende Geschichte über Sebastian Deisler.

München - Für viele galt Sebastian Deisler als Jahrhunderttalent. Doch im Jahr 2003 bekannte sich der Mittelfeldspieler des FC Bayern München zu seinen Depressionen und begab sich in stationäre Behandlung. Nach fünf Monaten kehrte der deutsche Fußball-Nationalspieler zurück, hatte in der Folgezeit aber immer wieder mit depressiven Schüben und Verletzungspech zu kämpfen. Im Januar 2007 - mit 27 Jahren - gab Deisler schließlich sein Karriereende bekannt.

Uli Hoeneß, der am 15. November bei der Jahreshauptversammlung als Präsident des FC Bayern abtreten wird, galt damals als Bezugsperson von Deisler. Bei einer emotionalen Podiumsdiskussion zum zehnten Todestag von Robert Enke in Hannover sprach der 67-Jährige offen über seine Berührungen mit Depressionen im Spitzensport im Fall von Sebastian Deisler.

Deisler suchte in einem Trainingslager in Dubai jeden Abend das Gespräch mit dem FCB-Boss, der ihm einmal sogar ein Bett in seiner Suite anbot. Einen Tag nach der Rückkehr nach München kam Deisler dann in das Büro seines Chefs, der sich Hoffnung machte, dass es dem hochveranlagten Profi nun besser ging. „Dann sagt er: ‚Ich möchte aufhören, Fußball zu spielen.‘ Das war der Wahnsinn“, sagte Hoeneß.

Die komplette Geschichte von Hoeneß über Deisler gibt es oben im Video und im Folgenden im Wortlaut.

Uli Hoeneß über Sebastian Deisler: Die bewegende Geschichte im Wortlaut

„Bei uns war es so, dass mich eines Tages meine Sekretärin ganz aufgeregt angerufen hat und mir gesagt hat: ‚Der Sebastian ist am Telefon.‘ Dann habe ich mit ihm gesprochen und er sagte: ‚Herr Hoeneß, Herr Hoeneß, ich kann nicht mehr.‘

Für uns war das ziemlich überraschend. Dann habe ich sofort Ottmar Hitzfeld, der damals unser Trainer war, angerufen und wir sind dann zusammen in die Wohnung von den Deislers in Grünwald gefahren und haben einen Menschen vorgetroffen, der völlig verwirrt war. Wir wussten gar nicht, was wir damit anfangen sollten. Zum Glück gab‘s in München diese Klinik, die uns später sehr geholfen hat, aber es war ein sehr langer Prozess mit unglaublichen Erlebnissen. Ich war für ihn immer die Bezugsperson.

Ich kann mich an ein Trainingslager in Dubai erinnern, wo er - wir saßen da in einem Riesen-Hotel mit 50 Stockwerken, in so einem Glaspalast - immer um halb elf, wenn wir mit den Trainern noch im zehnten Stock waren, anrief und sagte: ‚Herr Hoeneß, kann ich sie jetzt sprechen?‘ Dann bin ich immer hochgefahren, obwohl ich immer Angst hatte, das war so ein offener Aufzug.

Also ich habe dann jeden Abend mit ihm gesprochen und am letzten Abend, als wir dann nach Hause fahren wollten - er wollte immer abreisen, ich habe ihn dann überredet -, da hat er mich nicht um halb elf angerufen, ich bin um zwölf ins Bett, sondern um halb eins ging mein Telefon und er sagte: ‚Herr Hoeneß, ich muss jetzt unbedingt mit Ihnen sprechen.‘ Dann hat er geklopft und ich war ja Manager des großen FC Bayern, ich hatte eine kleine Suite mit zwei Schlafzimmern, und dann kam er da und dann haben wir uns unterhalten.

Er hat immer ein Bier getrunken, das werde ich nie vergessen, immer eine Flasche Bier. Dann hat er gesagt: ‚Herr Hoeneß, das geht nicht mehr, ich kann nicht mehr.‘ Aber ich habe gesagt: ‚Morgen fahren wir nach Hause zu deiner Frau und deinem Kind.‘ Und er: ‚Ja, ok.‘ Dann habe ich gesagt, so um halb fünf in der Früh: ‚Du, ich muss jetzt irgendwann mal schlafen, aber ich habe da noch ein Zimmer, da kannst du dich hinlegen, wenn du willst.‘

Ich bin dann ins Bett und um halb neun bin ich aufgewacht und da lag er friedlich schlummernd in diesem Bett. Ich habe ihn dann geweckt und gesagt: ‚Sebastian, um neun Uhr ist Frühstück. Geh mal runter.‘ Und an dem Tag, das sagen alle, hat er trainiert wie ein Wahnsinniger, er war der beste Mann. Dann habe ich gedacht ‚Jetzt haben wir‘s geschafft‘.

Wir sind zurückgeflogen aus Dubai, das werde ich nie vergessen, und auf dem Weg von der Gangway vom Flugzeug in den Flughafen in München sagte er zu mir, es war Sonntagabend so gegen sechs Uhr: ‚Sind Sie morgen im Büro? Kann ich bei Ihnen vorbeikommen? So gegen fünf Uhr?‘ ‚Ja!‘ Dann kam er und ich habe gedacht, jetzt ist er euphorisch, jetzt sagt er, es geht besser und dann sagte er: ‚Ich möchte aufhören, Fußball zu spielen.‘ Das war der Wahnsinn.“

sk/SID

Rubriklistenbild: © dpa / Stephan Jansen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare