Rauswurf nach dem ersten Aufstieg

Joachim Krug: Aufregendes Jahr als erster Sportdirektor von RB Leipzig

Joachim Krug (rechts, mit Dietmar Beiersdorfer) war der erste Sportdirektor des Projekts RB Leipzig.
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Joachim Krug (rechts, mit Dietmar Beiersdorfer) war der erste Sportdirektor des Projekts RB Leipzig.

Joachim Krug war in der Saison 2009/2010 der erste Sportdirektor bei RB Leipzig. Trotz des Aufstiegs in die Regionalliga musste er nach einem Jahr wieder gehen. Vor dem DFB-Pokalfinale zwischen dem BVB und RB Leipzig ist er zwiegespalten.

Dortmund – Wem seine Sympathien gelten werden, weiß er gar nicht so recht. „Ich habe in der Bundesliga keinen absoluten Favoriten, dem ich die Daumen drücke“, sagt Joachim Krug und ist daher hin- und hergerissen, wen er am Donnerstagabend im Finale des DFB-Pokals am Ende jubeln sehen möchte: „Einerseits würde ich es den Leipzigern gönnen. Denn – und das wollen jetzt vielleicht nicht viele hören – die machen mit relativ wenig Geld eine super Arbeit. Denen stehen kleinere finanzielle Mittel zur Verfügung als bei vier, fünf anderen Bundesligisten, und trotzdem sind sie weit oben. Andererseits ist Dortmund natürlich unser Haus- und Hofverein, bei dem auch noch mein Sohn arbeitet. Von daher sage ich: Mir ist das schnurz.“

Ralf Rangnick Architekt der Geschichte

Dabei müsste der 65-Jährige, der derzeit in seiner dritten Amtszeit beim Regionalligisten RW Ahlen als Sportdirektor tätig ist, eigentlich hinter den Leipzigern stehen. Denn er war in der Saison 2009/10 der erste Sportdirektor von RB und ist damit einer der Grundsteinleger für den rasanten Aufstieg des umstrittenen Ostklubs – auch wenn Krug sich diesbezüglich eher zurückhaltend äußert: „Als Ralf Rangnick kam, da ging es bei RB erst richtig los. Er ist der Architekt von dieser Geschichte.“

„Mateschitz ist ein echter Menschenfänger“

Doch auch Krug, der von 2005 bis 2009 als Sportdirektor bei der Hammer SpVg gearbeitet hat, hat seinen Anteil daran – wobei er anfangs von dem Projekt gar nichts wissen wollte. Andreas Sadlo, der als Spielervermittler tätig war und den Krug zuvor durch den Transfer von Christian Mikolajczak nach Ahlen kennen gelernt hatte, rief bei ihm an und erzählte ihm von dem Plan, dass Dietrich Mateschitz, Miteigentümer von Red Bull, in einer der vier Top-Ligen Europas einen Verein kaufen möchte. Offensichtlich hatten die RB-Verantwortlichen das Beispiel in Ahlen vor Augen, wo Krug den Verein von der Bezirksliga bis in die 2. Liga geführt hatte. „Anfangs war ich sehr skeptisch. Aber als ich dann nach Salzburg eingeladen worden bin und dem Mateschitz gegenüber saß, da wusste ich recht schnell, dass ich bei diesem Projekt dabei sein will. Denn der ist ein richtiger Menschenfänger, hatte beim Erzählen leuchtende Augen, sodass ich da Gänsehaut bekommen habe“, erinnert sich der in Kamen lebende Krug.

Lok und Sachsen Leipzig gegen Zusammenarbeit

Zuerst musste aber noch der passende Partner-Verein gefunden werden, denn in der Kreisliga C sollte das Projekt nicht unbedingt gestartet werden. „Wir waren in Spanien, in Uerdingen, in Düsseldorf, ehe auf einmal Leipzig zur Sprache kam. Da war ich zuerst eher skeptisch. Denn ich war vorher 1971 das letzte Mal da gewesen und hatte die Vorstellung, die laufen da immer noch in kurzen Hosen über das Kopfsteinpflaster“, meint Krug. In Leipzig stand das für die WM 2006 umgebaute Zentralstadion seit drei Jahren leer, sodass dieser Standort sehr reizvoll erschien. Der frühere Sportrechtevermarkter Michael Kölmel besaß die Rechte an der Arena und war sofort Feuer und Flamme. „Endlich wieder was los hier“, soll er laut Krug gesagt haben. Allerdings blockten die Leipziger Traditionsvereine FC Sachsen und Lok eine Zusammenarbeit vehement ab, so dass die Idee entstand, dem damals in der Oberliga spielenden SSV Markranstädt das Startrecht abzukaufen. „Da die zweite Mannschaft von denen nur eine Liga tiefer spielte, war das für den Verein nicht schlimm“, erklärt Krug, der anschließend mit einem großen finanziellen Rahmen gemeinsam mit Trainer Tino Vogel eine Mannschaft zusammenbaute, die als haushoher Favorit in die Saison startete und dieser Rolle letztlich auch gerecht wurde. „Angesichts unseres gut besetzten Teams war es sportlich weniger eine Herausforderung. Die war eine ganz andere“, sagt Krug und erinnert daran, dass dem mit den Brausemillionen neu gegründeten Verein überall der blanke Hass entgegenschlug.

Unter Polizeischutz sofort zum Bus

So konnte das erste Heimspiel – die Premierensaison absolvierte RB noch im Stadion von Markranstädt – nicht ausgetragen werden, weil in der Nacht zuvor der Rasen verätzt worden war. Und bei der anschließenden Auswärtspartie beim FC Carl Zeiss Jena, die auf dem Nebenplatz des Stadions stattfand, standen laut Krug 500 gewaltbereite Fans der Gastgeber, „die unsere Spieler bespuckt, getreten und geschlagen haben. Da habe ich überlegt, wie wir da wieder heile rauskommen.“ So ließ Krug in der Halbzeit die Kabine räumen und alle Sachen in den Bus bringen, der direkt neben dem Spielfeld parkte. „Nach dem Abpfiff sind wir unter Polizeischutz sofort in den Bus gerannt“, sagt Krug, der sich über das Endergebnis an diesem Tag nicht wunderte: „Wir sind da nicht über ein 1:1 hinausgekommen. Wir haben uns im Laufe der Saison aber daran gewöhnt, denn es war überall so“, sagt er.

Das Aus kam einen Tag nach der Meisterfeier

Am Ende der Spielzeit standen dennoch die souveräne Meisterschaft sowie der Aufstieg in die Regionalliga fest – und die Entlassung von Joachim Krug. Denn nur einen Tag nach der Meisterfeier in der Leipziger Stadthalle musste Krug am nächsten Morgen im Büro von Dietmar Beiersdorfer erscheinen, der seit Jahresbeginn bei Red Bull „Head of Global Soccer“ war. Und der teilte ihm kurz und schmerzlos mit, dass seine Dienste bei RB nicht länger benötigt werden würden. „Beiersdorfer hätte das Team nicht sprengen dürfen, dadurch hat man letztlich zwei Jahre verloren“, sagt Krug, der dennoch keinen Groll hegt: „Dass ich nicht bis zur Champions League dabei gewesen wäre, war klar. Aber es hätten gerne mehr als nur das eine Jahr sein dürfen, ehe die Großkopferten das übernommen haben.“

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