Der einzige Spieler mit Erfolgen für beide Klubs

Lars Müller: Erst Meister mit dem BVB, später Pokalsieger mit RB

Lars Müller nimmt nach dem Spiel gegen Chemnitz den Sachsenpokal entgegen.
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Lars Müller nimmt nach dem Spiel gegen Chemnitz den Sachsenpokal entgegen.

Klassische Fußball-Karrieren beginnen mit Siegen in unterklassigen Wettbewerben und haben den Gewinn der Deutschen Meisterschaft als Höhepunkt. Bei Lars Müller ist es umgekehrt. Er holte zum Auftakt seiner Laufbahn mit dem BVB die Schale und am Ende den Sachsenpokal mit RB Leipzig.

Hamm – Leipzig, 1. Juni 2011, kurz vor 21 Uhr in der Arena: Kapitän Lars Müller reckt den Sachsenpokal in den Abendhimmel, präsentiert die erste Trophäe, die sich das Fußballprojekt des Brauseproduzenten Dietrich Mateschitz erarbeitet hat. Red Bull Leipzig, offiziell „RasenBallsport“, gewinnt das Finale mit 1:0 gegen den Chemnitzer FC – Vorarbeit Müller. 16 000 Fans sind dabei. „Nicht schlecht für zwei Regionalligisten“, sagt er rückblickend. Für Müller ist es das Abschiedsspiel nach mehr als 400 Einsätzen als Profi. Begonnen hatte für den heute 45-Jährigen die durchaus bemerkenswerte Laufbahn bei Borussia Dortmund – und das 1996 gleich mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Und so ist er der bisher einzige Spieler, der mit beiden Teams, die am Donnerstag das Finale um den DFB-Pokal bestreiten werden, einen offiziellen Titel gewonnen hat.

Mittleres Erdbeben, Epizentrum Leipzig

Es hatte in der Fußballszene ja ein mittleres Erdbeben ausgelöst, als der Konzern Red Bull das Projekt RB Leipzig ins Leben rief und dafür 2009 die Lizenz vom Oberligisten Markranstädt übernommen hatte. Zu den Pionieren beim „RasenBallsport“ gehörte Lars Müller, der zuvor als Kapitän des FC Augsburg keinen Anschlussvertrag mehr bekommen hatte. Zwei Jahre sollte der gestandene Profi nun noch einmal wichtige Starthilfe für die Roten Bullen leisten.

Ein Blick in den Keller seines Hauses in Werne zeigt, welchen Stellenwert die beiden Spielzeiten dort hatten. Müller bewahrt darin ein paar Erinnerungsstücke auf – neben der kleinen Meisterschale auch getauschte Trikots. „Das von Bixente Lizarazu zum Beispiel ist ein geiles Trikot“, sagt Müller, „aber als Welt- und Europameister hat er es bei mir nicht in einen Rahmen geschafft. Eingerahmt hängen nur die von Freunden.“

Zu jedem Auswärtsspiel mit Polizei

Zu denen zählen: Ingo Hertzsch, Sven Neuhaus oder Christoph Kläsener, allesamt Weggefährten aus Leipziger Zeiten. Sie kannten sich schon vorher aus Augsburg und waren befreundet, doch die Zeit bei RB schweißte so richtig zusammen. Der erste Kader war eine Mischung aus Profis und Oberliga-Akteuren. „Wir hatten ein gutes Klima“, sagt Müller, „und einen guten Zusammenhalt.“ Der war nötig, denn dem Team schlug bei seiner Premierentour durch Sachsen große Ablehnung und zum Teil blanker Hass entgegen: „Du bist zu jedem Auswärtsspiel nur mit Polizei gefahren. Ich erinnere mich an ein Spiel in Halle, da sind wir nach dem Frühstück spazieren gegangen – und die Polizei ist mitgelaufen, zusätzlich zu einer Handvoll Bodyguards, die uns Red Bull mitgegeben hat.“ Trotz aller Widerstände: Nach nur 25 Spieltagen stand RB als Aufsteiger in die Regionalliga fest. „Wir haben die Meisterschaft gefeiert, und im Fernseher lief parallel der ESC mit Lena. So erinnert man sich“, sagt Müller.

„Da kannst du jetzt nicht rausgehen“

Das machte RB bei vielen noch unbeliebter: „Anfeindungen, und dann so heftig, die kannten wir vorher nicht. Ich habe immer gedacht, dir kann körperlich nichts passieren. Da kam vielleicht mal ein Spruch oder bei einer Ecke ein Bierdeckel geflogen, mehr nicht. In Mainz oder Freiburg hat man uns sogar applaudiert. Aber mit Leipzig war es das erste Mal, dass wir im Bus saßen und dachten: Da kannst du jetzt nicht rausgehen.“

Heftig reagierten auch einige Alt-Leipziger auf die Neuankömmlinge, wenn am Trainingsgelände mal wieder Scheiben eingeschlagen waren oder Sprüche auf die Wände gesprüht waren wie „Gehen oder sterben“ oder „Wir erschießen euch“.

Insgesamt aber sei das Projekt schon damals sehr positiv aufgenommen worden, sagt Müller: „Wenn man die Neutralen gehört hat, oder hingehört hat, wenn man in der Stadt angesprochen wurde, dann kam meistens: Gut, dass sich was tut, man kann friedlich mit seinen Kindern ins Stadion gehen. Es sind halt die Unzufriedenen, die laut sind und Steine werfen.“ Widerstand kam vor allem aus den Traditionsvereinen 1. FC Lokomotive und Sachsen Leipzig, die es in den 19 Jahren nach der Wende nicht geschafft hatten, professionelle Strukturen aufzubauen.

Besondere Konstellation: RB, Lok und Sachen in einer Liga

Es sei halt die besondere Situation gewesen, dass sie anfangs gemeinsam mit RB in einer Liga spielten. „Es hat gedauert, bis sie begriffen haben, dass wir keine Konkurrenz sind, sondern ganz andere Ziele verfolgen und nach einem Jahr schon wieder weg sind“, sagt Müller, und weiter: „Ein solches Projekt ist für Fußball-Romantiker ja nur schwer zu akzeptieren. Dafür haben sie Gründe und die lassen sich durchaus nachvollziehen. Aber RB hat alles richtig gemacht, hatte ganz andere Startvoraussetzungen und ein sehr klares Konzept. Das Ganze ist durchstrukturiert und auch sehr innovativ.“

62 Spiele für die Roten Bullen

In 62 Spielen ackerte Müller bis zum Karriereende für RB Leipzig auf der linken Außenbahn, ließ dann seine Laufbahn als Spielertrainer bei der Hammer SpVg endgültig ausklingen. Die Stadt hat der Werner sehr genossen: „Leipzig ist super, absolut. Auch das Drumherum bietet viel.“ Heute noch pflegt er einige Verbindungen dorthin.

Das Herz schlägt für den BVB

Aber so schön und intensiv es auch war, Müllers Herz schlägt für den BVB. „Ein 3:1 wäre schön“, wünscht er sich für das DFB-Pokalfinale. Für die Borussia spielt er noch heute in der Traditionself, und dann ist da ja auch noch die räumliche Nähe. Schließlich kann Lars Müller von einigen Plätzen seiner Heimatstadt auf den Dortmunder Fernsehturm schauen – zumindest bei gutem Wetter.

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