"Bereit für den letzten Schritt"

"Jogi Bonito": DFB-Team will jetzt den 4. Stern

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Rekordschütze und stolzer Bundestrainer: Miroslav Klose (l.) und Joachim Löw.

Belo Horizonte - Das 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien war für alle Beteiligten nur schwer zu fassen. Joachim Löw und sein Team hielten sich auch nur kurz damit auf: Alles dreht sich nur noch ums Endspiel.

Die ganze Welt schwärmt von „Jogi bonito“, doch die deutschen Ball-Zauberer denken nach dem magischen Abend von Belo Horizonte nur noch an eines: ihren vierten Stern. Zum ersten Mal seit der WM 2002 ist der WM-Titel wieder zum Greifen nah - und keiner will sich den Goldpokal nach diesem unfassbaren 7:1 (5:0) gegen Brasilien jetzt noch nehmen lassen. Seine Mannschaft sei nun „bereit für den letzten Schritt“, versicherte Bundestrainer Joachim Löw, und die erste Twitter-Botschaft des Teams aus der Kabine lautete: „Rio, wir kommen!“

Löw und seine Spieler waren schon kurz nach dem Abpfiff voll fokussiert auf das Finale am Sonntag (21.00 Uhr MESZ/ARD). Im Fußball-Tempel Maracana in Rio de Janeiro können die goldene Generation des deutschen Fußballs, vor allem aber auch der Bundestrainer ihre Karriere krönen. Und Löw ist sich sicher, dass der grandiose Halbfinal-Triumph gegen Brasilien seinen Spielern nicht die Sinne vernebelt. „Ich spüre“, betonte der Bundestrainer, „dass die Mannschaft auf dem Boden bleibt und geerdet ist.“ Und er ergänzte: „Wir müssen Demut zeigen.“

Den Beweis für die Stimmung in der deutschen Mannschaft lieferte Toni Kroos, der „Man of the Match“, der nach seiner großartigen Leistung völlig emotionslos darauf hinwies, dass die Mannschaft ihr Ziel noch nicht erreicht habe. „Jeder bei uns weiß, dass wir noch einen schweren Schritt vor uns haben. Wir brauchen noch einmal eine Topleistung“, betonte der zweifache Torschütze. Dann aber fügte er noch sehr entschlossen klingend an: „Wir sind gut drauf und wollen am Sonntag den Pokal in den Händen halten.“

Auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach wollte sich bei aller Begeisterung und auch Fassungslosigkeit über den triumphalen Einzug in das achte WM-Finale einer deutschen Mannschaft nicht lange mit dem Geschehenen aufhalten. „Das war Fußball von einem anderen Stern. Das ist historisch für den deutschen Fußball und für den Weltfußball“, sagte er, um dann aber gleich in aller Deutlichkeit festzustellen: Gewonnen ist noch nichts. „Jetzt wollen wir den nächsten Schritt machen. Der vierte Titel muss her“, forderte der 63-Jährige.

Der vierte Stern steht über allem. Torjäger Thomas Müller, der mit seinem fünften Turniertreffer seine neuerlichen Ambitionen auf die Torjägerkrone unterstrich, bekräftigte deshalb nach dem Schützenfest gegen völlig desolate Brasilianer: „Wir müssen die Kirche im Dorf lassen.“ Der WM-Torschützenkönig von 2010 wies schon mal darauf hin, worauf es am Sonntag ankommt, wenn der Traum von ganz Fußball-Deutschland in Erfüllung gehen soll: „Jetzt müssen wir noch einmal durchziehen, ackern und dann dieses Ding holen.“

Nein, „von diesem Sieg können wir uns wenig kaufen“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff. Auch der abermals herausragende, bärenstarke Torwart Manuel Neuer sieht das so: „Wir dürfen uns von dem Ergebnis nicht blenden lassen. Wir stehen im Finale, aber wir haben noch nichts erreicht.“ Allerdings machte der Mannschaftskapitän deutlich, dass für das alles entscheidende Spiel die Brust aller Beteiligten nun noch ein wenig breiter geworden ist. „Wir gehen nun mit viel Selbstvertrauen ins Finale“, sagte Kapitän Philipp Lahm.

Dass in Argentinien oder den Niederlanden zwei außergewöhnlich starke Mannschaften der DFB-Auswahl noch einen Strich durch die Rechnung machen können, weiß er aber ebenso wie Löw: „Das wird ein ganz anderes Spiel, eine ungleich schwerere Aufgabe.“ Um am Sonntag im Maracana bestehen zu können, wird die Mannschaft in ihrer Wohlfühloase Campo Bahia ein, zwei Tage ausruhen, ehe sie dann Freitag zum Showdown nach Rio fliegt. Am Sonntag will dann auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, der deutschen Mannschaft liebstes „Maskottchen“, vor Ort sein.

Löw wirkte nach dem größten Sieg seiner Karriere völlig cool. Er blieb bescheiden im Augenblick dieses Triumphs, in dem ihm der vernichtend geschlagene Trainerkollege das wohl schönste Lob aussprach. „Die deutsche Mannschaft“, sagte Luiz Felipe Scolari, „hat brasilianisch gespielt, wir leider nicht.“ Das einstige „jogo bonito“ der Selecao hatte die DFB-Auswahl bis zur Perfektion kopiert und damit am Ende eine ganze Nation mit ihren 200 Millionen Einwohner in ein Tal der Tränen gestürzt und eine kollektive Trauer ausgelöst.

Seine persönliche Mission bereits erfüllt hat Miroslav Klose. Der 36-Jährige krönte sich mit seinem 16. WM-Treffer zum alleinigen Rekordhalter vor Brasiliens Idol Ronaldo. „Keinem ist es mehr zu gönnen“, sagte Löw über den DFB-Rekordtorjäger, der bereits 2002 bei der Finalniederlage gegen Brasilien dabei gewesen war. „Es ist wichtig, da oben alleine zu stehen“, sagte Klose. Aber noch wichtiger ist die Mannschaft und am Schluss das Ding in der Hand zu halten.„

SID

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