Trauma vom Elfmeterpunkt

Southgate sucht das Heilmittel gegen "die englische Krankheit"

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Auf dem Trainingsplatz hat Southgate seine Auswahl nicht erst kurz vor der WM, sondern seit Monaten auf den Ernstfall vorbereitet.

K.o.-Runde bedeutet auch bei der WM 2018 in Russland, es droht Elfmeterschießen. England und Teammanager Gareth Southgate wollen das Trauma hinter sich lassen. Wird es diesmal klappen?

Repino/Moskau - Die Gespenster der Vergangenheit verfolgen Gareth Southgate auch 22 Jahre später noch. Jetzt, da bei der WM in Russland die K.o.-Runde begonnen hat, sind die Bilder von seinem Fehlschuss im Halbfinale der Heim-EM 1996 gegen Deutschland wieder allgegenwärtig. Doch solch schmerzhaft in die englische Fußball-Seele eingebrannten Momente sollen der Vergangenheit angehören. Denn der Teammanager, selbst ein Symptom des nationalen Elfmeter-Traumas, forscht seit Jahren akribisch an einem Heilmittel gegen die "englische Krankheit" (The Times).

Der Kernansatz des einstigen "Elfer-Deppen" klingt in der Theorie so simpel: "Es geht nicht um Glück. Es geht nicht um Zufall. Es geht darum, eine Fähigkeit unter Druck auszuüben. Und daran kann man individuell arbeiten. Wir können viel tun, um den Prozess zu kontrollieren und nicht von ihm kontrolliert zu werden."

Das gelang englischen Nationalspielern bekanntermaßen bislang so gut wie nie. Die Bilanz bei großen Turnieren ist miserabel. In sechs von sieben Elfmeterschießen gingen die Three Lions als begossene Pudel vom Platz. Das Trauma verselbstständigte sich, Namen wie Gareth Southgate, Stuart Pearce oder Chris Waddle sind untrennbar mit ihm verwoben.

Also schob Southgate, seit 2011 beim Verband FA tätig, nach dem englischen Aus im EM-Viertelfinale 2012 im Elfmeterschießen gegen Italien ein umfassendes Interventionsprogramm an. Ein Forschungsteam studierte alles rund um das Nervenspiel vom Punkt. Sportpsychologen arbeiten eng mit dem Nationalteam, um "Strategien für den Umgang mit Stress" zu vermitteln, die Spieler mussten sich sogar psychometrischen Tests unterziehen.

Konfrontationstherapie: „Wir sind physisch und mental auf alles vorbereitet“

Auf dem Trainingsplatz hat Southgate seine Auswahl nicht erst kurz vor der WM, sondern seit Monaten auf den Ernstfall vorbereitet. Mit einer Art Konfrontationstherapie, in der sogar der Weg zum Elfmeterpunkt analysiert wird. "Wir trainieren Elfmeter seit März und sind verschiedene Strategien durchgegangen. Wir sind physisch und mental auf alles vorbereitet, was kommen könnte und was es braucht", sagte er vor dem Achtelfinale gegen Kolumbien am Dienstag (20.00 Uhr MESZ/ARD und Sky Deutschland) im Spartak-Stadion von Moskau.

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Den "Weg in die Dunkelheit", wie der 47-Jährige seinen von Andreas Köpke parierten Elfmeterschuss in Wembley heute nennt, will Southgate seinen Schützlingen um jeden Preis ersparen. Wurde der damals 25-Jährige vor seinem folgenschweren Fehlschuss als unerfahrener Elfmeterschütze spontan gefragt, sind jetzt die ersten fünf Schützen und deren Backup-Optionen bereits festgelegt. Sicher ist sicher.

Übrigens: Der Mann, der das Fußball-Drama auf den Punkt brachte, kam - wie sollte es anders sein - aus Deutschland. Karl Wald, geboren im oberbayrischen Penzberg und seines Zeichens Schiedsrichter und gelernter Friseur, erfand den "Krimi vom Punkt" als Alternative zu Münzwurf oder Wiederholungsspielen. Erst 1976 nahm der Weltverband FIFA die "Schüsse von der Strafstoßmarke zur Siegerermittlung" in sein Regelwerk auf. Und das englische Trauma nahm seinen Lauf.

SID

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