"Ennatz" im Interview

Dietz: "Das ist nicht mehr meine Welt"

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Bernard Dietz.

Nach seinem Rücktritt als Vizepräsident des MSV Duisburg erklärt Bernard "Ennatz" Dietz, warum der Fußball nicht mehr seine Welt ist - und er analysiert die Lage auf Schalke.

Hamm – Zu seiner aktiven Zeit galt er als der Musterprofi schlechthin in der Bundesliga. Der aus Hamm stammende Bernard Dietz spielte Fußball mit Herz und Leidenschaft, identifizierte sich voll mit seinen Vereinen MSV Duisburg und FC Schalke 04. Mit 71 Jahren hat sich der Kapitän der deutschen Europameister-Mannschaft von 1980 jetzt auch aus dem operativen Fußball-Geschäft verabschiedet. Im Gespräch mit Peter Schwennecker erklärte er, warum das nicht mehr seine Welt ist.

Sie sind vor einigen Tagen als Vizepräsident des MSV Duisburg zurückgetreten, haben sich damit auch aus dem operativen Fußball-Geschäft verabschiedet. Ist dieser Abschied endgültig, werden Sie sich jetzt mit 71 Jahren ganz ins Privatleben zurückziehen?

Bernard Dietz: Das auf jeden Fall. Doch der MSV Duisburg wird natürlich immer mein Verein bleiben. Ich werde warten, bis ein wenig Gras über die Sache gewachsen ist und dann hin und wieder mal zu einem Spiel fahren. Das ist aber nicht mehr meine Welt. Der Fußball ist in den Hintergrund getreten. Es geht oft nur noch um Selbstdarstellung. Das muss ich nicht mehr haben. So leid es mir tut – Fußball ist so eine schöne Sache. Aber da laufen so viele Leute rum, die glauben, sie haben den Fußball erfunden. Und dadurch wird er so kompliziert gemacht. Fußball ist eigentlich ein einfaches Geschäft, man muss es nur richtig anpacken.

Duisburg war über Jahrzehnte Ihr Verein. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, jetzt zu sagen, ich höre beim MSV auf?

Dietz: Diese Entscheidung ist mit der Zeit gereift, die kam nicht von heute auf morgen. Als ich nach einem Jahr Aufsichtsrat in den Vorstand gewechselt bin, habe ich das auch meinem Präsidenten zuliebe getan. Mit wirtschaftlichen Dingen hatte ich nicht viel zu tun, sah meine Aufgaben eher im sportlichen Bereich. Es hat sich eigentlich gut entwickelt. Aber es wurde alles immer komplizierter. Es fing an mit dem Zwangsabstieg. Wir haben damals alle um die Lizenz gekämpft. Doch es ist uns nicht gelungen. Das hat sehr weh getan. Dann sind wir nach zwei Jahren 3. Liga wieder aufgestiegen, jetzt folgte der erneute Abstieg. Das hat mir den Rest gegeben. Der war hausgemacht, der hätte verhindert werden können. In den letzten fünf Jahren sind einige Dinge geschehen, nach denen ich mich gefragt habe, was machst du hier überhaupt noch. Es sind viele Kleinigkeiten passiert, die ich einfach nicht mittragen wollte.

Ist Ihre Meinung nicht mehr gefragt gewesen?

Dietz: Nur herum zu laufen und 'hallo' zu sagen, ist nicht mein Ding. Wegen meiner Herzgeschichte hatte mir mein Arzt ohnehin geraten, es etwas ruhiger angehen zu lassen. Zuletzt sind sehr viele Dinge falsch gelaufen. Das musste nicht sein. Wir haben noch nie eine so schlechte Saison gespielt wie zuletzt. Da stellt man sich die Frage, warum. Ich habe in meiner aktiven Zeit in Duisburg nie über Abstieg gesprochen, obwohl wir fast sieben Jahre immer um den Klassenerhalt kämpfen mussten. Ich bin stets auf den Platz gegangen, um zu gewinnen. Hier hatte ich zuletzt das Gefühl, dass alle nur auf den Platz gingen, um nicht zu verlieren.

Der MSV Duisburg ist nur noch drittklassig. Klubs wie der Hamburger SV, 1. FC Nürnberg oder VfB Stuttgart spielen in der 2. Liga. Ist in der Bundesliga kein Platz mehr für Traditionsvereine?

Dietz: Das will ich nicht sagen. Entscheidend ist immer, wie ein Verein aufgestellt ist. Das ist ja so ein großer Apparat geworden. Es gibt viele Leute, die außerhalb des Fußballs eine Rolle spielen, aber nicht viel Ahnung haben, doch weil sie ein bisschen Geld haben, mitreden wollen. Die Spieler werden heute von Managern verpflichtet. Der Trainer ist nur die Nabe zwischen den ganzen Speichen, die aus Vereinsführung, Sponsoren, Spielern, Beratern und Medien bestehen. Der Trainer ist mittendrin und muss mit allen klarkommen. Das ist nicht einfach.

Ist das nicht mehr Ihr Fußball?

Dietz: Der Fußball hat immer noch einen sehr hohen Stellenwert. Ich will nicht sagen, früher war alles besser. Wir haben früher unsere Zeit gehabt, die haben heute ihre Zeit. Heute sind die Betreuung und die Ausbildung ganz anders, gibt es eine ständige Kontrolle durch Ärzte. Damals haben die uns im Training rauf und runter gejagt. Da haben wir manchmal auch über unsere Verhältnisse trainiert. Heute müssen alle Spieler groß und schnell sein. Früher haben sie uns ausgepfiffen, wenn wir den Ball zweimal zurück zum Torwart gespielt haben. Heute nennt man das Ballbesitzfußball oder Ballkontrolle. Im Fußball geht es aber immer noch um Leidenschaft und Bereitschaft. Das spüren die Fans. Und damit kann man sie weiterhin begeistern. Die Menschen verändern sich, der Fußball auch.

Heute verdient ein durchschnittlicher Profi in einem Jahr vermutlich mehr, als sie in ihrer gesamten Laufbahn erhalten haben. Ärgern Sie sich darüber, vielleicht zum falschen Zeitpunkt geboren worden zu sein?

Dietz: Ich werde oft darauf angesprochen: "Mensch Ennatz, wenn du heute spielen würdest, würdest du Millionen verdienen." Ich sage dann immer, dann hätte ich den Verein aufgekauft und für Ordnung gesorgt. Aber Scherz beiseite. Ich habe damit nie Probleme gehabt. Ich habe einen großen Vorteil: Geld brauche ich nur, um zu leben. Was ich 1980 in dem Jahr verdient habe, als wir mit der Nationalmannschaft Europameister geworden sind, haben die Profis heute am Tag. Ich bereue nichts, ich bin zufrieden, und mir geht es immer noch sehr gut.

Sie haben am Ende der Laufbahn auch noch ein paar Jahre auf Schalke gespielt. Gibt es da noch Kontakte?

Dietz: Ja, vor allem zu Olaf Thon. Der kam damals in unsere Mannschaft, als er gerade 17 war. Ich war 35. Die Schalker machen das ganz toll. Zum letzten Heimspiel des Jahres werden immer alle ehemaligen Spieler mit ihren Frauen eingeladen. Da kommen 70, 80 Leute zusammen. Man trifft viele gute Jungs, die man lange nicht gesehen hat. Da gibt es immer einiges zu erzählen.

Wie sehen Sie denn die Entwicklung beim FC Schalke 04?

Dietz: Die Knappenschmiede hat den Schalkern in den vergangenen Jahren viel Geld eingespielt. Leute wie Manuel Neuer oder Leroy Sane waren nicht zu halten, haben dem Verein aber etliche Millionen gebracht und mit dafür gesorgt, dass die Schalker heute so eine tolle Anlage besitzen. Norbert Elgert hat in den vergangenen 20 Jahren in der Jugend sensationelle Arbeit geleistet, viele Talente geformt. Wenn die alle zusammenspielen würden, hätte Schalke heute eine ganz große Mannschaft.

Aber sportlich ist es auf Schalke nach der Vizemeisterschaft im Vorjahr nicht besonders gut gelaufen.

Dietz: Das war schon überraschend. Im ersten Jahr waren alle von Domenico Tedesco begeistert. Da kam ein neuer Trainer, da gibst du erst einmal richtig Gas. Ich glaube, dass er die Mannschaft im zweiten Jahr übergecoacht hat. Fußballer sind überwiegend einfache Menschen. Hier ist das Tor, da musst du hin. Ich glaube, er hat das taktisch zu kompliziert gemacht und durch seine Vorgaben einigen Spielern die Stärke genommen.

Würden Sie als Trainer anders arbeiten?

Dietz: Ich habe als Trainer nach Stärken entschieden, wo wer spielt. Heute wollen viele Vereinsverantwortliche und Trainer nach einem bestimmten System spielen lassen, haben aber überhaupt nicht die Leute dafür. Fußball fängt im Kopf an, nicht in den Füßen. Da kannst du rennen so viel du willst.

Wenn heute ein junges Talent zu Ihnen kommen und um Rat bitten würde, was würde Sie empfehlen?

Dietz: Ich würde zunächst fragen, wo er spielt und was er macht, und ihn erst einmal selbst beobachten. Dann kann man darüber reden, was überhaupt Sinn macht. Wichtig sind aber erst einmal Schule und Ausbildung. Viele Vereine haben das erkannt und bringen die Talente im eigenen Internat unter. Nur wenige schaffen am Ende den Sprung, die meisten werden wieder weggeschickt. Deshalb sind Schule und Ausbildung schon sehr wichtig.

Was unternimmt Bernard Dietz jetzt noch als Fußball-Rentner?

Dietz: Der Fußball wird für mich immer im Mittelpunkt stehen, ich werde weiterhin auch ins Stadion gehen. Und woanders vorbeischauen. Sebastian Schindzielorz ist Sportdirektor in Bochum, der Rouven Schröder Sportvorstand bei Mainz 05, Frank Fahrenhorst Jugendtrainer auf Schalke. Das sind alles meine Jungs aus meiner Bochumer Trainerzeit, zu denen ich heute noch sehr gute Kontakte habe. Da ist etwas hängen geblieben.

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