Fußball

Nachgefragt: DFB-Elf nicht mehr „Deutschlands liebstes Kind“?

Einer der neuen Spieler in der Nationalmannschaft, die zuletzt überzeugten: Philipp Max (rechts).
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Einer der neuen Spieler in der Nationalmannschaft, die zuletzt überzeugten: Philipp Max (rechts).

Die deutsche Nationalmannschaft hat nach dem Sieg gegen die Ukraine den Gruppensieg in der Nations League vor Augen. Dennoch hat das Interesse an der DFB-Elf spürbar nachgelassen. Der WA hat sich auf Spurensuche begeben und bei heimischen Fußballern nachgefragt.

Drensteinfurt/Rinkerode/Walstedde – Es ist schon skurril. Nach dem Vorrunden-Aus als Titelverteidiger bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland und dem Beinahe-Abstieg in der Uefa Nations League 2018/19 läuft es für die deutsche Nationalmannschaft viel besser – zumindest was die Ergebnisse betrifft. Sie hatte die EM-Qualifikation im vergangenen Jahr als Gruppensieger vor den Niederlanden abgeschlossen und hat vor dem entscheidenden Duell mit Spanien an diesem Dienstag (20.45 Uhr) in der aktuellen Nations League die Tabellenführung in der Gruppe 4 der Liga A übernommen. Seit September 2019 (2:4 gegen die Niederlande) ist das Team von Joachim Löw ungeschlagen. Und für die anstehende Auslosung zur WM-Qualifikation landen die Deutschen sicher im Lostopf der zehn besten europäischen Teams. Trotzdem nahm die Kritik am Bundestrainer zuletzt zu und das Interesse an der Elf des Deutschen Fußball-Bundes ab. DFB-Direktor Oliver Bierhoff räumte kürzlich ein, dass die Nationalmannschaft „derzeit nicht gerade Deutschlands liebstes Kind“ sei.

Was sind die Gründe dafür? Der Anzeiger hat sich bei Spielern, Trainern und einem Abteilungsleiter erkundigt, wie groß respektive gering ihr Interesse an der DFB-Elf zurzeit ist, warum das so ist und ob Jogis Jungs heute den Gruppensieg perfekt machen.

Umbrüche notwendig

Es werde alles ein bisschen hochgespielt von den Medien, sagt Burkhard Weber, Abteilungsleiter Fußball beim SV Rinkerode. „Die Leistungen vor zwei Jahren und der Umbruch, der teilweise überhaupt nicht zu verstehen war, waren zwar schon enttäuschend“, aber insgesamt sei nicht alles so schlecht, wie es dargestellt werde. Umbrüche seien ab und an notwendig. „Man kann darüber streiten, ob es sinnvoll ist, so viele Spieler auszuprobieren, oder ob ich irgendwann mal anfange, mich auf wenige zu konzentrieren und die weiter zu fördern.“ Löw habe den ersten Weg gewählt. „Das ist ein Weg, den ein Trainer gehen kann. Letztendlich kräht kein Hahn mehr danach, wenn er erfolgreich damit ist. Allerdings wird er richtig Probleme kriegen, wenn er keine Erfolge vorweisen kann. Dann werden viele Kritiker sagen, hätte man doch mal auf die Etablierten gesetzt.“

Weber ist jemand, der „noch in der ersten Reihe sitzt“, also nur Spiele bei den Öffentlich-Rechtlichen und gegebenenfalls den frei empfangbaren, privaten Sendern verfolgt und auf Pay-TV (Bezahlfernsehen) verzichtet. „Ich habe keinerlei Abos. Deswegen werden mir viele Spiele vorenthalten“, sagt der Rinkeroder. „Das, was ich gucken kann, gucke ich schon.“ Das Spiel gegen die Ukraine am Samstag hat sich Weber angeschaut. „Ich freue mich über die vielen jungen Spieler, die dabei sind, gute Leistungen bringen und ordentlich Druck machen. Nach vorne haben wir eine unheimliche Qualität, nach hinten funktioniert das Mannschaftsgefüge noch nicht.“

Mein Interesse ist schon da, aber nicht mehr so intensiv wie früher. Das liegt daran, dass ich die Kommerzialisierung im Profisport nicht gutheiße.

Burkhard Weber

Insgesamt „ist mein Interesse schon da, aber nicht mehr so intensiv wie früher. Aber das liegt mehr daran, dass ich die Kommerzialisierung im Profisport nicht gutheiße“, sagt Weber. Wenn er Spiele „freiwillig“ verfolgt, dann welche der 3. Liga.

Der Abteilungsleiter des SVR geht vor dem Nations-League-Spiel in Spanien davon aus, dass mindestens ein Unentschieden machbar ist. „Dann hätten sie es ja geschafft.“ Aber: „Es wird wieder ein ganz neues Spiel.“

Interesse an Spielern aus der zweiten Reihe

Bei Elmar Fengler ist das Interesse an der DFB-Elf weiterhin vorhanden. „Bei der Nations League aber nicht so groß wie bei richtigen Qualifikationsspielen zur EM oder WM“, sagt der Trainer der Alten Herren II des SV Drensteinfurt. „Mich interessiert, wie die neuen Spieler aus der zweiten Reihe sich präsentieren, zum Beispiel Philipp Max oder Robin Koch. Außerdem kann man nicht WM-Titel feiern, aber wenn es mal nicht so gut läuft oder aussieht, sich zurückziehen. Das macht man beim Bundesliga-Verein ja auch nicht.“

Freundschaftsspiele vor 15 Jahren waren erheblich schlimmer.

Elmar Fengler

Der Wille der Spieler müsse auf jeden erkennbar sein, sagt Fengler. „Da waren Freundschaftsspiele vor 15 Jahren erheblich schlimmer. Damals waren Spieler dabei, denen anzusehen war, dass sie keine Lust haben.“ Derzeit sei die Mannschaft nicht eingespielt. „Man weiß nicht, wer spielen darf/kann, und die Leistungen schwanken“, so Fengler. Wenn er tippen müsste, würde er heute auf Deutschland setzen.

In die Herzen zurückspielen

Eine andere Meinung vertritt René Schlüter. „Mein Interesse an der Nationalmannschaft ist seit dem WM-Titel 2014 doch gesunken, da die Mannschaft es mit teilweise katastrophalen Leistungen in der Nations League und bei der WM 2018 verpasst hat, die guten Leistungen zu bestätigen“, sagt der Co-Trainer des C-Kreisligisten Fortuna Walstedde II. Seiner Meinung nach liegt es daran, das viele Spieler nicht an die Auftritte anknüpfen können, die sie bei ihren Vereinen zeigen. „Nur durch gute Ergebnisse und Leistungen ist es möglich, sich in die Herzen der deutschen Zuschauer zurückzuspielen“, sagt Schlüter.

Der Fußball, der aktuell gespielt werde, spiegele sich auch in den jüngsten Ergebnissen (drei Siege in sieben Spielen 2020) wider. „Das lässt doch stark zu wünschen übrig und sollte nicht der Anspruch einer jungen und talentierten Truppe sein“, betont Schlüter. „Vielleicht würde die meines Erachtens nach von vielen Fans geforderte Veränderung im Bereich der Verantwortlichen eine Änderung bewirken und den Spaß zurückbringen.“

René Schlüter hofft, dass die Deutschen das Duell mit den Spaniern und damit auch die Gruppe gewinnen. „Es wäre ein Zeichen an die anderen großen Teams der Welt, dass mit Deutschland immer noch zu rechnen ist.“

„Alberne“ Wettbewerbe

Bei Henning Thiel, der früher für die erste Mannschaft des SVD auflief, ist das Interesse an der Nationalmannschaft zwar ist immer noch da, aber deutlich geringer als früher. „Der Grund sind zu viele Spiele in albernen zusätzlichen Wettbewerben“, meint er. Thiel ist optimistisch, was das „Endspiel“ betrifft. In Bestbesetzung habe Deutschland eine gute Chance, die Gruppe zu gewinnen.

Attraktivität abhandengekommen

Lars Hülsmann spielt für den B-Kreisligisten SV Drensteinfurt II – mal im Feld, mal im Tor. „Momentan habe ich wenig Interesse“, sagt er. „Ich finde, die Attraktivität ist abhandengekommen.“ Aber vielleicht ändere sich das. „Es ist ja eine recht junge Mannschaft.“ Außerdem ist Hülsmann wie Thiel der Meinung, das es einfach zu viele Wettbewerbe gebe. „Ich kenn keinen, der sich für die Nations League wirklich interessiert.“

Sein Tipp für heute Abend: „Gegen die Spanier wird es schwer, auch wenn sie nur 1:1 gegen die Schweiz gespielt haben. Ich denke, dass es einen knappen 1:0-Sieg für die Deutschen gibt.“

Interesse am Fußball generell gesunken

Auch Mark Ploczicki ist überzeugt, dass die Löw-Truppe sich durchsetzt. „Deutschland gewinnt die Gruppe, weil ein Unentschieden reicht, um Erster zu werden, und sie daher in der taktisch besseren Position sind.“ Sein Interesse an der DFB-Elf sei jedoch gering, sagt der Spieler der SVD-Altherren II, „weil mein Interesse am Fußball generell gesunken ist“.

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