Fußball

Misere des FC Schalke 04 deprimiert die Drensteinfurter Fans

Bezeichnendes Bild für Schalkes Krise: Ozan Kabak kann es nicht fassen.
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Bezeichnendes Bild für Schalkes Krise: Ozan Kabak kann es nicht fassen.

Die Pandemie und die daraus resultierenden langwierigen Beschränkungen auf der einen, die nicht enden wollende Negativserie ihres Lieblingsclubs auf der anderen Seite: Für die Anhänger des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 ist die Situation nicht nur besonders hart, sondern auch doppelt deprimierend.

Drensteinfurt – Die sportliche Misere der Königsblauen kurz zusammengefasst: saisonübergreifend seit 25 Ligaspielen sieglos, nur neun von 75 Punkten in dieser Zeit und im Schnitt drei Gegentore pro Spiel seit dem Saisonstart Mitte September. Der letzte Sieg in der Bundesliga datiert vom 17. Januar (2:0 gegen Borussia Mönchengladbach). Von der legendären Pleitenserie, für die Tasmania Berlin bekannt ist, ist Schalke nicht mehr weit entfernt. Der Negativrekord des ehemaligen Vereins aus dem Bezirk Neukölln: 31 Partien nacheinander ohne Sieg in der Saison 1965/1966.

Dass seine Schalker diese historische Marke am 9. Januar 2021 im Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim auch erreichen, will sich Uwe Heinsch nicht ausmalen. Der ehemalige Geschäftsführer und Seniorenfußballobmann des SV Drensteinfurt hofft natürlich, dass S04 noch in diesem Jahr die Kurve kriegt. „Wir haben ja die Weihnachtszeit und ich würde es mir wünschen. Aber ich glaube nicht dran“, sagt er vor den Spielen gegen den Tabellendritten Bayer Leverkusen am Sonntag (18 Uhr) sowie den durchaus lösbaren Aufgaben beim FC Augsburg, gegen den SC Freiburg und Arminia Bielefeld.

Uwe Heinsch hat drei Abstiege in den 80er-Jahren miterlebt.

Auch wenn Heinsch die drei Abstiege in den 80er-Jahren (1981, 1983 und 1988) miterlebt und Schalke bei Preußen Münster spielen sehen hat – die Erfolglosigkeit macht ihm zu schaffen. „Ich muss ganz ehrlich sagen: Es tut natürlich richtig, richtig weh, weil es für mich keine wirkliche Erklärung dafür gibt, warum die Situation so ist.“ Wahrscheinlich hätten sich Spieler und Verantwortliche davon blenden lassen, dass die Mannschaft in der vergangenen Saison in der Hinserie so viele Punkte gesammelt hatte, obwohl die Leistungen auch nicht so überzeugend gewesen seien, sagt der 57-Jährige.

Aus Sicht von Heinsch gibt es ein Hauptproblem: „Ich bin ja auch ein Fußballromantiker, aber die Zeit ist, glaube ich, vorbei. Die Ausgliederung, die vorbereitet wird, ist ganz wichtig, wenn man im Konzert der Großen mitspielen möchte. Das sind alles Wirtschaftsunternehmen. Und ein e. V. schießt keine Tore“, sagt er. „Es gibt gewisse Spieler, die wären wahrscheinlich heute noch auf Schalke, wenn es dort eine mittel- bis langfristige Perspektive gegeben hätte. Es tut schon weh, dass man diese Leute in anderen Vereinen sieht.“ Heinsch trauert namhaften Abgängen hinterher. „Ein Leon Goretzka (FC Bayern München/Anmerkung der Redaktion) wird immer stärker. Thilo Kehrer war bei Schalke nicht der überragende Spieler, bei Paris St. Germain aber Stammspieler.“ Und Sead Kolasinac (FC Arsenal) sei ein Schalker-Urgestein. Heinsch ist sich sicher: „Das sind Spieler, die dem Verein sehr guttun würden.“ Und es gebe noch viele andere Beispiele wie Leroy Sané (FC Bayern), bei dem allerdings schnell klar gewesen sei, dass er woanders landen wird.

Konferenz statt Einzelspiel

Wann Heinsch zum letzten Mal im Stadion war? „Das ist schon ganz, ganz lange her. Da muss ich echt überlegen. Drei Jahre ist es bestimmt schon her“, sagt er. Auch im Fernsehen schaut er sich die Spiele der Königsblauen nicht mehr so intensiv an wie früher. „Das hat sich emotional geändert. Ich verfolge die Bundesliga, aber ich muss zugeben, dass ich zum Teil, wenn ich Schalke live gucke, nach 60 Minuten auf Konferenz umstelle.“

Zuletzt gegen Borussia Mönchengladbach sei die Leistung in der ersten Halbzeit gut gewesen. „Du denkst, es sieht nach 45 Minuten gar nicht so schlecht aus und kriegst nach der Pause gleich das 1:3. Das tut schon weh.“ Danach sei es wie in den Wochen zuvor nur noch um Schadensbegrenzung gegangen. „Als Fan muss man sich in dieser Saison eingestehen: Es ist nicht mehr drin. Es gibt nur ein Ziel: den Klassenerhalt.“

Eine gewisse Distanz aufgebaut

Heinsch hat einen Weg gefunden, mit den Pleiten, dem Pech und den Pannen umzugehen. Er hat mittlerweile eine gewisse Distanz aufgebaut. Denn dann sind die Niederlagen leichter zu ertragen.

Auch bei Peter Saphörster macht sich langsam so etwas wie Gleichgültigkeit breit. „Die Distanz ist da, weil du es nicht im Stadion verfolgen kannst“, sagt er mit Blick auf die Geisterspiele. Der 46-Jährige ist „immer schon“ Schalke-Fan, besitzt seit 1997 eine Dauerkarte und besucht regelmäßig mit drei Freunden die Heimspiele. Zuletzt war er Anfang März beim Duell mit Hoffenheim auf Schalke – direkt vor der Corona-bedingten, zehnwöchigen Bundesliga-Pause. „Mit Publikum wäre das so nicht passiert“, meint Saphörster, dass die Königsblauen mit der Unterstützung ihrer Fans in dieser Saison mehr Punkte geholt hätten.

Dass ich sage, es wird schon klappen – die Zeit ist vorbei. 

Peter Saphörster

„100 Prozent Optimist“ ist er nach dem desaströsen Start nicht mehr. „Dass ich sage, es wird schon klappen – die Zeit ist vorbei. Ich sehe die Gefahr, dass es ganz schön schwierig wird.“ Das größte Problem aktuell sei das fehlende Selbstvertrauen der Spieler. Dennoch hofft er auf eine Trendwende vor dem Jahreswechsel. „Minimum sechs Punkte musst du holen. Gegen Freiburg und Bielefeld musst du auf jeden Fall gewinnen“, sagt Saphörster.

Weil er zurzeit nicht ins Stadion darf, verfolgt er die Partien im Bezahlfernsehen. „Ich gucke die Schalke-Spiele, meistens bis zum Ende, viel mehr aber nicht.“ Sein Interesse an der Bundesliga insgesamt ist während der Corona-Pandemie nämlich etwas verloren gegangen. „Hin und wieder läuft die Konferenz“, sagt Saphörster.

Schalke-Fan: Christoph Semptner.

Eine klare Meinung vertritt Christoph Semptner. Für den Stewwerter wäre Schalke 04 „der Abstiegskandidat Nummer eins“, sollte das Team an Weihnachten immer noch Letzter sein. Der eingefleischte Schalke-Fan („seit der Kindheit“) sieht momentan „kein Leben in der Mannschaft. Die Spieler sind total verunsichert und untereinander zerstritten, es gibt überhaupt keine Hierarchie. Ich glaube nicht, dass das was wird. Wo sollen die Punkte herkommen?“

Kritik übt der stellvertretende Juniorenobmann des SV Drensteinfurt, der jahrelang eine Dauerkarte hatte, samstags aufgrund seines Ehrenamtes aber nicht mehr so viel Zeit hat, an den Verantwortlichen des Bundesligisten. „Sie haben den Abstieg mit der Transferpolitik heraufbeschworen“, sagt Semptner. Sie hätten es verpasst, die Verträge mit den Spielern aus der eigenen Jugend zu verlängern, und diese ablösefrei gehen lassen. Auf der anderen Seite gehörten Spieler zum Kader, „die sich mit dem Verein in keinster Weise identifizieren. Ob das Sinn macht bei einem Traditionsverein, wage ich zu bezweifeln.“ Die Jungen seien in der 1. Liga überfordert.

Es ist kein Leben in der Mannschaft.

Christoph Semptner

Auch die vielen Trainerwechsel in den vergangenen Jahren kann Christoph Semptner nicht gutheißen. „Man muss dem Trainer auch mal die Möglichkeit geben, das durchzusetzen, was er will“, sagt er. Insgesamt zeichnet Semptner ein düsteres Bild von seinem Herzensklub: „Ich glaube nicht, dass sie den Ernst der Lage erkannt haben. Sie werden den Weg in die 2. Liga gehen müssen.“ Schalke sei übermäßig verschuldet. „Ich kann es nicht nachvollziehen, wie man einen Verein so runterwirtschaften kann.“

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