Barkholt und Sommer erinnern sich 

„Jahrhundertspiel“ und Verbandsliga-Zeiten: Frauenfußball bei Fortuna

Angelika Barkholt (links) und Martina Sommer wissen viel über die Geschichte des Frauen- und Mädchenfußballs bei Fortuna Walstedde zu erzählen.
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Angelika Barkholt (links) und Martina Sommer wissen viel über die Geschichte des Frauen- und Mädchenfußballs bei Fortuna Walstedde zu erzählen.

Im Jahr 1965 gründete Fortuna Walstedde eine Fußballabteilung. Eine Frauenmannschaft wurde erstmals in der Saison 1978/79 für den Spielbetrieb gemeldet. Seitdem gab es Verbandsliga-Aufstiege und ein „Jahrhundertspiel“ gegen den Deutschen Meister in Walstedde.

Walstedde – Bis vor Kurzem waren es 20 Ordner mit Zeitungsartikeln, Plakaten und anderen Aufzeichnungen aus den 80er- und 90er-Jahren. Um einen besseren Überblick über die Geschichte des Frauen- und Mädchenfußballs bei Fortuna Walstedde zu behalten, haben sich Angelika Barkholt und Martina Sommer zusammengesetzt und das Archiv auf vier Ordner reduziert. Barkholt und Sommer haben selbst gespielt, engagieren sich seit Jahren für den Verein und wissen einiges zu berichten – über ein „Jahrhundertspiel“, viele Aufstiege, eine Partie im Pokal und eine Spielerin, die erst für Fortuna und danach in der Bundesliga auflief.

Als der Sportverein DJK Fortuna Walstedde am 23. September 1953 im Lokal Hankmann gegründet wurde, war an Frauenfußball noch nicht zu denken. Zwei Jahre später verbot der DFB diesen sogar. Nachdem Fortuna 1965 eine Fußballabteilung gegründet hatte, wurde in der Saison 1978/79 erstmals eine Frauenmannschaft für den Spielbetrieb gemeldet. Die Mannschaft, in der unter anderem Mechthild Wittenbrink spielte, war aus der Landjugend hervorgegangen. In ihrer Premierensaison wurden die Walstedderinnen in der Kreisliga mit null Punkten Tabellenletzter. „Wir haben Lehrgeld bezahlt“, erinnert sich Barkholt. Als sie und Sommer (damals Ternes) 1980 im Alter von gerade mal 14 Jahren anfingen zu spielen, war Heiner Döbbe Trainer. Er fungierte von Beginn an auch als Abteilungsleiter.

Als „Jahrhundertspiel“ wurde das Testspiel von Fortuna Walstedde am Samstag, 1. August 1987, gegen den Deutschen Meister und Pokalsieger TSV Siegen bezeichnet. 0:14 verloren die Gastgeberinnen.

1985 wechselten viele Spielerinnen altersbedingt von den Mädchen zu den Frauen, sodass diese in der Saison 1985/86 mit zwei Teams starten konnten. In dieser Spielzeit gelang der ersten Mannschaft auch der erste Aufstieg – in die Bezirksliga. Und es kam noch besser: Fortuna schaffte als Meister den Durchmarsch. Der Aufstieg in die Landesliga 1987 unter Coach Döbbe wurde mit dem Spielmannszug vor dem Vereinslokal Kessebohm gefeiert.

Mit einem Cabrio-Konvoi durchs Dorf ging es 1991, als Walstedde den Aufstieg in die Verbandsliga, die dritthöchste Klasse, realisierte. Damals war Barkholt Betreuerin. „Ich war Mädchen für alles“, blickt sie zurück. Zur Mannschaft gehörten Einheimische, aber auch Spielerinnen aus Ahlen und Sendenhorst.

Ein Jahr später, 1992, schaffte auch die Zweitvertretung unter Trainer Hermann Borgschulte den Aufstieg – in die Bezirksliga. 1994 kehrte sie aber in die Kreisliga zurück.

Ära Döbbe endet

In der Saison 1999/2000 endete eine Ära. Es kriselte zwischen der ersten Mannschaft und Coach Döbbe, ab Anfang des Jahres 2000 gingen beide Seiten getrennte Wege. Sigrid Kiedel wurde Abteilungsleiterin, zum Führungsteam gehörten aber auch Tanja Nettebrock (früher Naujocks) und Barkholt. Im gleichen Jahr konnten die Frauen unter Interimstrainer Martin Averkamp den Abstieg nicht verhindern. 2001 gelang unter Achim Schütz der direkte Wiederaufstieg in die Verbandsliga, danach übernahm Akcan Özkan. Nettebrock beendete 2003 ihre Laufbahn, sie konnte als Spielerin (Mädchen und Frauen) und Trainerin (Mädchen) insgesamt acht Meisterschaften feiern. Auch Torjägerin Birgit Schlüter (heute Broszeit) ragte in dieser Zeit heraus. „Ohne sie wären wir aufgeschmissen gewesen. Sie hat immer um die 30 Tore erzielt“, sagt Barkholt und fügt hinzu: „Die Nummer sieben ist legendär.“

Bis 2004 kämpften Fortunas Frauen in der Verbandsliga um Punkte, danach sieben Jahren in der Landesliga. Woran Barkholt ungern zurückdenkt: „Es gab Spielerinnen, die finanzielle Ansprüche gestellt haben.“ Und auch Sommer sagt, dass sich zu der Zeit „viel gewandelt hat“. 2011 ging Fortuna freiwillig runter in die Bezirksliga, ein Jahr später zog der Verein die Mannschaft nach einer erfolglosen Hinrunde zurück und stieg in die Kreisliga ab.

Meister unter Rüsing

Im Mai 2015 feierten die Frauen unter Trainer Volker Rüsing nach 19 Siegen aus 22 Spielen die Meisterschaft in der Kreisliga Beckum und kehrten in die Bezirksliga zurück. Außerdem gewannen sie den Kreispokal. „Das war eine schöne Zeit“, sagt Barkholt. Bis 2020 gehörte Walstedde der Bezirksliga an. Vor der aktuellen Saison bildete der Verein mangels Personal eine Spielgemeinschaft mit dem benachbarten SVE Heessen und spielt als SG Walstedde/Heessen in der Kreisliga Unna/Hamm.

Barkholt und Sommer blicken immer wieder gern zurück. Die 54-Jährige aus Walstedde, die von ihrer Freundin Sommer als „Urgestein“ bezeichnet wird, war erfolgreiche Leichtathletin und zunächst Spielerin bei Fortuna. Seit 1982 war sie als Trainerin, Co-Trainerin, Betreuerin und Teammanagerin ehrenamtlich im Einsatz, seit 2017 kümmert sie sich für den Verein um das Passwesen.

Pokalsieger und Meister zu Gast

Sommer lief von 1980 bis 1990, unter anderem in der Landesliga, für Fortuna auf – die ersten Jahre als Stürmerin, danach im Mittelfeld. „In einer Saison bin ich in der Kreisliga auf 29 Tore gekommen“, erinnert sich die 54-Jährige, die im Ortsteil Drensteinfurt wohnt. Eine schwere Knieverletzung stoppte sie damals. „Danach war ich erst mal nur Zuschauerin.“ 2002, als ihre Tochter Annalena bei den Mädchen anfing, stieg Sommer bei Fortuna wieder ein – erst unterstützend, dann als Teammanagerin.

In den 42 Jahren gab es neben den sportlichen Glanzpunkten in der Meisterschaft viele andere Höhepunkte. Am 1. August 1987 wurde ein Freundschaftsspiel gegen den TSV Siegen ausgetragen, der zu der Zeit als „der FC Bayern München des Frauenfußballs“ bezeichnet wurde. Mit 14:0 gewann der damalige Deutsche Meister und Pokalsieger, dessen Trikot die ehemalige Nationalspielerin und Bundestrainerin Silvia Neid trug. Torhüterin Barbara Kröger verhinderte im „Jahrhundertspiel“ weitere Gegentore. Sommer war dabei. „Sie haben uns schwindelig gespielt“, sagt sie. Und Trainer Döbbe sagte damals: „So ein Spiel kann man nur genießen.“ Am 23. August 1989 kam es in der Qualifikation zum DFB-Pokal zum erneuten Aufeinandertreffen mit Siegen. Diesmal verkaufte sich Fortuna besser (0:5), für den TSV lief neben Neid die aktuelle Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg auf.

Mädchen zweimal Vize-Westfalenmeister

Im Januar 1983 gründete Fortuna Walstedde eine Mädchenmannschaft, erster Trainer war Hermann Borgschulte. In den ersten beiden Spielzeiten wurde das Team gleich Meister (1983/84 und 1984/85) und 1985 sogar Vize-Westfalenmeister. Auf dem Gelände der Sportschule Kaiserau mussten sich Fortunas Mädchen dem VfB Rheine mit 2:3 geschlagen geben. „Die waren stark“, erinnert sich Angelika Barkholt an Walstedder Spielerinnen wie Tanja Nettebrock und Birgit Schlüter. In der Saison 1992/93 wurde Fortuna erneut Vize-Westfalenmeister. Zwischendurch stellte der Verein mehrere Mädchenmannschaften, 2006/07 waren es zum Beispiel drei. Aktuell gibt es in Walstedde „nur“ die C-Juniorinnen, die in der Vorsaison als U13 Tabellenerster in der Kreisliga wurden.

Ebenfalls im Jahr 1989 kam es zu Vergleichen mit Teams aus den USA. Chicago Sparta war zu Gast in Walstedde. Fortunas Mädchen mussten sich der U14 knapp mit 2:3 geschlagen geben, die Frauen setzten sich mit 3:0 durch.

Auch sonst gibt es aus den vergangenen 42 Jahren Frauenfußball bei Fortuna Walstedde einiges zu berichten. Annika Schmidt, die früher für die Mädchen spielte, lief für den Bundesligisten FFC Flaesheim-Hillen und mit Kerstin Stegemann auf und stand 2001 im DFB-Pokal-Finale gegen den 1. FFC Frankfurt mit Steffi Jones, Birgit Prinz und Nia Künzer.

Groß gefeiert wurde das 20-jährige Bestehen der Abteilung. Auch an die Wettbewerbe um die Torjägerkanone, die vielen Ausflüge und die Hallenturniere (heute Fortuna-Cup) erinnern sich Angelika Barkholt und Martina Sommer gern zurück – auch wenn gerade der Fortuna-Cup immer viel Arbeit bedeutete. „Das war Stress“, sagt Barkholt. Erwähnenswert sei auch, dass Bernhard Südfeld den Mädchen und Frauen immer seine Bullis zur Verfügung gestellt hat.

Es war eine wunderschöne Zeit.

Angelika Barkholt

In diesem Jahr haben Barkholt und Sommer einen Schlussstrich gezogen. Koordinatorin für den Frauenfußball ist nun Franziska Homann. Sie wird unterstützt von ihren drei Teamkolleginnen Anna Weile, Vanessa Kalus und Anna-Maria Walters.

„Es war eine wunderschöne Zeit damals, im Vergleich zu heute aber eine ganz andere“, sagt Barkholt. Und: „Wir haben viel erlebt, es gab natürlich auch Ärger.“ Auch für Sommer war und ist der Fußball ein fester Bestandteil ihres Lebens. Wichtig ist ihr, dass der Frauenfußball bei Fortuna Walstedde vom Vorstand immer anerkannt worden sei. Auch das ist ein Grund dafür, dass die Abteilung seit mehr als 40 Jahren auch über die Kreisgrenzen hinweg bekannt ist.

Der Artikel ist Teil einer Serie des Westfälischen Anzeigers (Ausgabe Drensteinfurt) über den Mädchen- und Frauenfußball in der Stadt Drensteinfurt. Weitere Fotos in der Ausgabe vom 12. Dezember 2020.

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