Michael Tenbrink als Selbstständiger von der Krise besonders betroffen

Kommunikation spielt im Leben von Michael Tenbrink aus Ahlen eine große Rolle.
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Kommunikation spielt im Leben von Michael Tenbrink aus Ahlen eine große Rolle.

Durch die Pandemie geraten insbesondere Soloselbstständige in finanzielle Schwierigkeiten. Einer von ihnen ist Michael Tenbrink. Der 51-Jährige, Coach der Fußballer von Fortuna Walstedde ist, gab einen sicheren Job auf und machte sich als Verhaltenstrainer selbstständig. Aufträge sind Mangelware.

Walstedde/Ahlen – Das Coronavirus hat die Welt im Griff und den Tagesablauf vieler durcheinandergebracht. Vor allem Selbstständige sind von der Pandemie betroffen und müssen zum Teil auf Einnahmen verzichten. Einer von ihnen ist Michael Tenbrink. Der 51-Jährige, der seit dem Sommer Coach der Kreisliga-A-Fußballer von Fortuna Walstedde ist, hatte einen sicheren Job, gab den aber auf und machte sich als Verhaltenstrainer selbstständig. Aufträge in diesem Bereich sind Mangelware während des erneuten Lockdowns, Trainingseinheiten und Spiele, die den Ahlener zumindest zeitweise auf andere Gedanken bringen würden, dürfen nicht stattfinden. Doch unterkriegen lässt Tenbrink sich nicht, wie er im Gespräch mit dem WA versichert.

25 Jahre lang war er Polizist und arbeitete in unterschiedlichen Bereichen. Zunächst war er „ganz normal“ im Streifendienst“, danach sechs Jahre in Dortmund bei der Bereitschaftspolizei. Seine Aufgaben: „Alles, was Hundertschaften so machen.“ Für Tenbrink gab es Stadioneinsätze bei Borussia Dortmund, beim FC Schalke 04, beim VfL Bochum und bei der SG Wattenscheid 09 am Lohrheidestadion. „Dortmund gegen Schalke war natürlich immer sehr brisant. Wenn die Schalker Fans kamen, dann wackelte schon der Zug“, erinnert er sich. „Aber das lief – auch auf Schalke – bis auf wenige Ausnahmen immer recht glimpflich ab, weil genügend Polizeibeamte da waren. Aber wenn Hansa Rostock oder Eintracht Frankfurt kamen – das waren Mannschaften, da wusste man im Vorfeld, das kann Ärger geben.“

Wenn die Schalker Fans kamen, dann wackelte schon der Zug.

Michael Tenbrink

Einmal ging es sogar richtig zur Sache. „Ich glaube, das war, als Wattenscheid noch in der Bundesliga gespielt hat mit Souleymane Sané und Marek Lesniak. Wir hatten gar nicht damit gerechnet und waren mit relativ wenigen Leuten da. Nach dem Spiel kam es zu größeren Ausschreitungen, weil sich Hooligans aus Dortmund und Bremen getroffen haben, die auf der Rückfahrt von Auswärtsspielen waren. Wir mussten mit ein paar Männekens zusehen, wie wir das Ganze bewerkstelligen und so eine große Ansammlung auflösen. Das war mit das Heikelste, weil wir nicht vorbereitet waren und es auf einmal abging.“ Die Einsätze bei Fußballspielen waren rückblickend aber nicht das Schlimmste für Tenbrink. „Das Krasseste waren die Großdemos in Berlin am 1. Mai.“

Nach dem Dienst bei der Bereitschaftspolizei kehrte Tenbrink 2005 zurück in den Kreis Warendorf. Er arbeitete kurze Zeit im Streifendienst, bewarb sich dann auf die Aus- und Fortbildung und bekam den Zuschlag. Sechs Jahre lang war er in diesem Bereich tätig. In Warendorf bildete er bis 2012 angehende Polizeibeamte aus und andere fort. „So kam ich letztendlich darauf, dass das, was ich heute ausübe, für mich was ist.“ In seinen letzten Berufsjahren als Polizist war Tenbrink auf unterschiedlichen Wachen tätig, unter anderem in Oelde, Beckum, Ahlen.

Sicheren Job aufgegeben

Der Grund für seinen Jobwechsel: „Ich habe deswegen aufgehört, weil ich im Laufe der Jahre erkannt habe, dass es was für mich ist, etwas nachhaltig zu vermitteln.“ Von seinen Kollegen habe er positive Rückmeldungen bekommen. „Sie haben mir zugehört, während man bei anderen Fortbildungen nach einer halben Stunde weggenickt ist. Da kam eins zum anderen: Mir gefällt‘s, den Kollegen gefällt‘s, dann bleib doch dabei, dachte ich.“

Der Prozess habe allerdings „ein paar Jahre gedauert, weil es nicht so einfach ist, einen sicheren Job aufzugeben“. Am Ende traf Michael Tenbrink aber die Entscheidung, noch mal was anderes im Leben zu probieren. Er suchte sich 2017 ein Betätigungsfeld in der Kinder- und Jugendarbeit und machte sich als Verhaltenstrainer selbstständig. „Bis jetzt habe ich es nicht bereut“, betont er trotz der schwierigen Lage aktuell.

Studium Mitte der 90er

Die Qualifikationen für seinen neuen Job hat der Ahlener während des Studiums Mitte der 90er-Jahre und natürlich bei der Polizei erworben. „Hochgerechnet habe ich vier, fünf Monate auf Lehrgängen zugebracht“, erläutert Tenbrink. Rhetorik, Didaktik, Kommunikationstraining, Konfliktlösung – all das stand auf dem Stundenplan.

In den vergangenen Jahren setzte er sein Konzept an Schulen und Ausbildungsbetrieben im Kreis Warendorf um. Bislang habe er sich überwiegend um Kinder und Jugendliche an Schulen gekümmert. „Unter anderem war ich ein halbes Jahr an der Sekundarschule in Ahlen“, sagt Tenbrink. „Jetzt konzentriere ich mich mehr auf Ausbildungsbetriebe.“ Die Ziele seines Coachings in Umrissen beschrieben: Umgangsformen, Stressbewältigung, Konfliktfähigkeit und Kommunikation verbessern und das Selbstbewusstsein stärken. „Gute Kommunikation = weniger Konflikte und weniger Gewalt. Das ist die Leitformel, an der ich mich entlang hangele“, sagt Tenbrink. Ein Baustein dabei sind auch die Grundlagen der Selbstverteidigung.

Auftragslage in zwei Worten: „fast nichts“

Seine momentane berufliche Situation beschreibt der Fortuna-Coach als „nicht gerade schön“, die Auftragslage fasst er in zwei Worten zusammen: „fast nichts“. Viele Betriebe hätten erst zugesagt, aber dann mitgeteilt, dass es aufgrund der aktuellen Umstände doch keinen Bedarf gebe. „Zum Frühsommer hin war es besser geworden, aber in den letzten Wochen war es bescheiden.“

Tenbrinks Tagesablauf ist in Zeiten der Corona-Krise auf den Kopf gestellt. Denn neben den Aufträgen fehlt auch der Fußball. Langweilig werde ihm dennoch nicht. „Wir haben drei Kinder im Haushalt, darunter einen Dreieinhalbjährigen. Dadurch, dass meine Frau den ganzen Tag arbeitet, spannt er mich ein.“ Wenn der Sohn in der Kita ist, kann Tenbrink sich um andere Dinge kümmern: zum Beispiel Sport treiben, um fit zu bleiben, und seine Unterlagen durchgehen, „um zu gucken, was ich noch verbessern kann“. Außerdem liest er viel. „Ich hole mir Inspirationen, was ich noch einbauen kann.“

Mit staatlicher Förderung für Soloselbstständige hat Tenbrink sich zwar auseinandergesetzt, diese bislang jedoch nicht in Anspruch genommen. „Es ist mir zu undurchsichtig, wie die Modalitäten sind. Bevor ich etwas beantrage, was mir nicht zusteht, lasse ich die Finger davon.“ Tenbrink befürchtet, dass er das Geld zurückgeben muss, wenn die Corona-Krise vorbei ist. „Dann stehst du da im kurzen Hemd und musst gegebenenfalls was zurückzahlen, was du schon lange nicht mehr hast.“

Ich sehe einen großen Sinn in dem, was ich mache.

Michael Tenbrink

Da seine Frau berufstätig ist, sei die Situation „nicht ganz so schlimm“. Daran, dass sich seine Auftragslage kurzfristig verbessert, glaubt Michael Tenbrink nicht. „Ich sehe einen großen Sinn in dem, was ich mache. Von daher hoffe ich immer, dass es bald wieder besser wird.“ Auf der anderen Seite sieht er die aktuellen Infektionszahlen – und die machen wenig bis gar keine Hoffnung. „Jetzt kommt erst mal das bescheidene Wetter“, sagt er. Den Optimismus lässt sich Tenbrink aber auch davon nicht gänzlich nehmen. „Wir kommen da auch so durch, das werden wir schon schaffen“, sagt der Fortuna-Trainer.

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