Neuer BVB-Coach offiziell präsentiert

Thomas Tuchel kommt angriffslustig, aber ohne Forderungskatalog

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Thomas Tuchel - flankiert von Hans-Joachim Watzke (links) und Michael Zorc.

[Update 15.28 Uhr] Dortmund - Thomas Tuchel hat beim Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund am Mittwoch offiziell das Erbe von Jürgen Klopp angetreten. Der 41-Jährige präsentierte sich im Presseraum der Dortmunder Arena um 12.08 Uhr erstmals seit seiner Verpflichtung den Medien - flankiert von Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc.

Von großem Druck war trotz des Blitzlicht-Gewitters wenig zu spüren. Thomas Tuchel wirkte bei seinem Amtsantritt in Dortmund bemerkenswert aufgeräumt und angriffslustig. Auch der mächtige Schatten von Jürgen Klopp konnte die Vorfreude auf die neue Aufgabe nicht schmälern.

Ähnlich wie sein von den Fans als Kulttrainer verehrter Vorgänger sieben Jahre zuvor traf der 41-Jährige gleich am ersten Tag an neuer Wirkungsstätte den richtigen Ton. "Wir wollen für das Quartett Bayern München, VfL Wolfsburg, Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen ein ernstzunehmender Herausforderer sein."

Kämpferisch fügte Tuchel an: "Die vor uns liegenden Teams sollen den Druck spüren. Wir wollen eine besondere Hingabe entwickeln - mit Fleiß, Bescheidenheit, Mut und Beharrlichkeit."

Thomas Tuchel wurde am Mittwochmittag von Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc offiziell vorgestellt.

Tuchel läutet beim Revierclub eine neue Zeitrechnung ein. "Von heute an sind wir wieder im Kampfmodus", kommentierte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke mit Bezug auf den zuletzt alles dominierenden Klopp-Abschied. Laut Sportdirektor Michael Zorc war der Wechsel zu Tuchel eine "logische Entscheidung": "Er hat eine klare Vorstellung, wie Fußball auszusehen hat, verfügt über große taktische Flexibilität und die Fähigkeit, Spieler weiterzuentwickeln." Nach einem Sabbatjahr, das er vor allem zur persönlichen Entschleunigung nutzte, hat Tuchel große Lust auf eine neue Herausforderung.

Dem Angebot des Branchenriesen konnte der zuvor angeblich von Schalke 04, Galatasaray Istanbul, RB Leipzig und vom VfB Stuttgart sowie Hamburger SV umworbene 41-Jährige nach eigener Aussage nicht widerstehen.

"Mein großer Wunsch war es, einen Topverein zu trainieren, einen Traditionsclub und einen Herausforderer. Wir wollen den Rückstand auf die ersten vier Teams aus München, Wolfsburg, Mönchengladbach und Leverkusen verkleinern."

Thomas Tuchel beim BVB offiziell vorgestellt

Großen Umbaubedarf sieht Tuchel vorerst nicht, weder beim Personal noch bei der Spielphilosophie. "Borussia Dortmund hat schon einen Stil geprägt. Es geht nicht darum, einen neuen Stil zu erfinden", antwortete er auf entsprechende Fragen. Dabei galt das auf gnadenlosem Pressing und schnellem Umschaltspiel basierende Klopp-System, das zu zwei Meisterschaften und einem Pokalsieg führte, zuletzt als entschlüsselt.

Wohl auch deshalb brachte Tuchel zumindest in einem Nebensatz seinen Wunsch nach mehr taktischen Varianten des Teams zum Ausdruck. In dem Leverkusener Gonzalo Castro ist ein erster namhafter Profi bereits verpflichtet. Welche Verstärkungen noch hinzu kommen, ließ Tuchel offen.

Die Unterschrift unter den Vertrag bis 2018 sei nicht mit dem Wunsch nach einer großen Einkaufstour auf dem Transfermarkt verknüpft gewesen: "Von mir gibt es keinen Forderungskatalog. Schließlich verfügt die Borussia über einen tollen Kader."

Tuchel wird damit leben müssen, vor allem von den Fans mit Klopp verglichen zu werden. Dabei gibt es mehr Unterschiede als Parallelen. Beide debütierten als Profitrainer beim FSV Mainz und feierten schnell bemerkenswerte Erfolge, beide haben einen akademischen Hintergrund, beide gelten als rhetorisch begabte Motivationskünstler.

Doch anders als der Emotionsriese Klopp, der das BVB-Motto "Echte Liebe" mit extrem viel Leben erfüllte, gilt Tuchel als distanzierter Taktik-Tüftler mit weniger Nähe zu den Fans. Dennoch faszinieren auch ihn die Leidenschaft der Anhänger und die mitunter brodelnde Atmosphäre im heimischen Stadion: "Ich bin ein sehr emotionaler Typ. Deshalb freue ich mich darauf, zu erleben, wie daraus eine Macht und Energie entsteht."

Dass man auch ohne die Rampensau-Qualität eines Klopp die Herzen der Anhänger erobern kam, bewies einst Ottmar Hitzfeld. Der eher analytische Fußball-Lehrer genießt dank seiner Erfolge in den 90er-Jahren beim BVB ähnlichen Kultstatus. Auch Tuchel könnten Siege und leidenschaftlicher Fußball schnell zu großer Beliebtheit verhelfen.

Um seinen Nachfolger den Einstieg zu erleichtern gab Klopp den Fans an einem seiner letzten Tage in Dortmund noch eine kleine Empfehlung mit auf den Weg: "Der Vergleich schadet der Erinnerung und erschwert die Zukunft."

Thomas Tuchel im Stenogramm

- geboren am 29. August 1973 in Krumbach - Alter: 41

- verheiratet, zwei Töchter

Laufbahn als Spieler:

Stuttgarter Kickers (1992 bis 1994, 8 Zweitligaspiele)

SSV Ulm (1994 bis 1998), dann Karriereende wegen einer Knieverletzung

Laufbahn als Trainer:

VfB Stuttgart Nachwuchs (2000 bis 2006)

FC Augsburg U19 und FC Augsburg II (2006 bis 2008)

FSV Mainz 05 U19 (2008 bis 2009)

FSV Mainz 05 (2009 bis 2014),

Borussia Dortmund (ab 1. Juli 2015)

Erfolge als Trainer:

Meisterschaft der A-Junioren mit dem VfB Stuttgart (2005) und dem FSV Mainz (2009).

Ehrung:

Trainerpreis des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) 2011

Diese Trainer haben die Schwarz-Gelben seit 1991 trainiert:

Ottmar Hitzfeld (2191 Tage):

Nach dem Verschleiß von 23 Trainern in 28 Jahren prägt Hitzfeld von Juli 1991 an eine Sechs-Jahre-Ära: Vizemeister 1992, UEFA-Cup-Finalist 1993, deutscher Meister 1995 und 1996, Champions-League-Sieger 1997. Hitzfeld tritt schließlich vom Trainerposten zurück, wird kurzzeitig BVB-Sportdirektor.

Nevio Scala (364 Tage):

Der Italiener unterschreibt beim BVB im Juni 1997 einen Zweijahresvertrag - ein knappes Jahr später kündigt er schon wieder seinen Rücktritt an. Der harte, aber faire Arbeiter gewinnt mit dem BVB zwar den Weltpokal, am Ende der Saison steht aber ein enttäuschender Platz zehn.

Michael Skibbe (583 Tage):

Im Mai 1998 präsentiert der Weltpokalsieger den neuen Chef. Die Verpflichtung des Neulings löst Diskussionen aus, dennoch qualifiziert sich der BVB für die Champions League. Trotz dortigem Erstrunden-Aus und Liga-Mittelmaß wird der Vertrag im November 1999 bis 2002 verlängert - drei Monate später scheitert Skibbe.

Bernd Krauss (67 Tage):

Krauss rutscht mit der Mannschaft, die er auf Platz sechs mitten in der Saison 1999/2000 übernommen hat, dramatisch in den Tabellenkeller. In größter Abstiegsgefahr wird der gebürtige Dortmunder im April geschasst.

Udo Lattek (75 Tage):

Völlig überraschend gibt Trainer-Legende Lattek im April 2000 zusammen mit Ex-Profi Matthias Sammer sein Comeback und rettet den Ex-Champions-League-Sieger in höchster Not vor dem Abstieg. Danach zieht sich der inzwischen 65-Jährige wieder zurück.

Matthias Sammer (1460 Tage):

Als Chefcoach gelingt Sammer 2000 ein starker Einstand: Der Beinahe-Absteiger qualifiziert sich für die Königsklasse, 2002 wird der BVB deutscher Meister und UEFA-Cup-Finalist. In den darauffolgenden beiden Spielzeiten verpasst das Starensemble aber die direkte Qualifikation für die Champions League: der Anfang des wirtschaftlichen Desasters. Sammer zieht den Schlussstrich und wechselt zum VfB Stuttgart.

Bert van Marwijk (900 Tage):

Der Niederländer setzt beim BVB, der 2004 mitten in einer schweren Wirtschaftskrise steckt, auf die Jugend - mit Erfolg. Dortmund erreicht die Qualifikation für den UI-Cup. Nach einem mäßigen Herbst 2006 kommt es wegen unterschiedlicher Auffassungen zum Bruch zwischen Verein und Trainer. Van Marwijk kündigt seinen Abschied zum Saisonende an, wird dann aber schon kurz vor Weihnachten rausgeworfen.

Jürgen Röber (83 Tage):

Der Berliner Kult-Coach erhält im Dezember 2006 einen Vertrag bis zum Saisonende, muss aber nach sechs Niederlagen in acht Spielen schon im März gehen.

Thomas Doll (433 Tage):

Zunächst mit einem Einjahresvertrag ausgestattet erhält Thomas Doll trotz einer durchwachsenen Hinrunde schon im Januar 2008 einen neuen Kontrakt bis 30. Juni 2010. Sein Rücktrittsgesuch nach dem ernüchternden Saisonabschneiden auf Rang 13 und der Niederlage im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern nehmen die BVB-Verantwortlichen dann aber an.

Jürgen Klopp (2555 Tage):

2011 deutscher Meister, 2012 Double-Sieger, 2013 Champions-League-Finalist: Unter schwierigen finanziellen Bedingungen beim Amtsantritt 2008 leitet Jürgen Klopp einen Umbruch ein. Klopp mausert sich in sieben Jahren beim BVB zu einem der gefragtesten deutschen Fußball-Lehrer. - sid/dpa

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