In sieben Jahren vom Abgrund zum Gipfel

DORTMUND - Reinhard Rauball kann sich noch gut an den 14. März 2005 erinnern... - an das "wichtigste Auswärtsspiel der Klubgeschichte":

Von Stefan Tabeling

Um 10 Uhr morgens waren an jenem Montag 5800 Anteilseigner des Stadionfonds "Molsiris" in die Event Terminal Halle des Düsseldorfer Flughafens geladen und mussten über das Schicksal des tief gestürzten Bundesliga-Traditionsklubs Borussia Dortmund entscheiden. Das "wichtigste Auswärtsspiel der Klubgeschichte" ist das laut Rauball gewesen, und es wurde gewonnen. Nicht mit 1:0 oder 2:1, sondern mit exakt 94,43 Prozent.

So fiel das eindeutige Votum der Fondsanleger - notwendig war eine Zustimmung von 75 Prozent - zum Sanierungskonzept des börsennotierten Vereins aus. Es ging um eine Stundung der Raten für das Zurückleasen des Dortmunder Westfalenstadions, womit eine Insolvenz gerade noch abgewendet wurde. Einen Tag später konnte der BVB gerade noch rechtzeitig die Lizenzunterlagen für die Saison 2005/06 bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt einreichen. Es war der Beginn einer einzigartigen Erfolgsgeschichte.

"Das Wohl und Wehe des Vereins hing an einem äußerst dünnen Faden. Ich habe es so empfunden, dass im März 2005 die Wiedergeburt des Vereins stattgefunden hat. Das waren Schicksalstage. Es musste da jedes Komma, jeder Punkt und jeder Strich stimmen. Das ist auf die Minute passiert", sagt Rauball heute. Heute ist sieben Jahre später, und aus dem scheinbar hoffnungslosen Fall ist ein Klub geworden, der nur noch einen winzigen Schritt davon entfernt ist, dem großen FC Bayern München zum zweiten Mal in Folge die Meisterschaft wegzuschnappen.

Damals hatte auch Bayern-Präsident Uli Hoeneß Aktien des BVB gekauft - aus Mitleid. Wenn einer am Boden liegt, werde er immer helfen. Ob er heute noch einmal so entscheiden würde ... Derlei Gedanken hat Hoeneß jedenfalls nicht mehr, längst meldet sich wieder die "Abteilung Attacke" zu Wort, was wohl das größte Kompliment für die Macher des BVB ist. Wenn Hoeneß derart austeilt, ist die Gefahr groß.

Und in Dortmund wächst tatsächlich wieder eine echte Gefahr für die Bayern und deren Vormachtstellung heran. Seit jenem 14. März 2005 haben Rauball, Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc den 1909 gegründeten Klub wieder zu einer Top-Adresse im deutschen Fußball gemacht. "Wir haben jetzt wieder die Situation, dass die Banken sagen: Sollen wir euch nicht ein bisschen Geld leihen?", sagt Watzke.

Doch aus den Fehlern der Vergangenheit, als Ex-Präsident Gerd Niebaum und sein (Schulden)-Manager Michael Meier den Klub mit ihren millionenschweren Fehlentscheidungen an den Rande des Abgrunds getrieben haben, wollen sie nicht wiederholen. Gut 140 der einst 180 Millionen Euro Schulden hat der BVB in den vergangenen sieben Jahren abgebaut. Der Umsatz im Geschäftsjahr 2010/11 belief sich auf 151,5 Millionen Euro, in dieser Saison soll die Marke von 195 Mio. geknackt werden, was mehr als doppelt so viel wie vor sieben Jahren wäre. "Bayern München können wir nicht erreichen, nicht mittelfristig", sagt Watzke und verweist auf den Umsatz der Münchner von gut 290 Millionen Euro.

Sportlich präsentiert sich der BVB aber auf Augenhöhe, und vielleicht sogar ein wenig darüber. Die größte Leistung von Rauball, Watzke und Zorc war wohl, neben der finanziellen Rettung eine derart schlagkräftige Mannschaft aufzubauen und in Jürgen Klopp den passenden Projektleiter zu verpflichten. Nahezu alle wichtigen Verträge - Mittelfeldstar Shinji Kagawa mal ausgenommen (Verhandlungen laufen seit Wochen) - wurden langfristig verlängert. Dazu kommt in Nationalspieler Marco Reus ein weiterer Hochkaräter dazu. So empfiehlt Watzke seinem Münchner Widersacher Hoeneß, weitere BVB-Aktien zu kaufen. Ein Risikogeschäft ist der Klub längst nicht mehr. - dapd

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