Experte im Interview

Freund: Es bringt nichts, beim BVB die Reißleine zu ziehen

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Steffen Freund war als Profi sowohl für den BVB als auch für Schalke 04 aktiv.

Steffen Freund erklärt vor dem Revierderby, warum er trotz der Negativ-Serie von Borussia Dortmund in der Trainer-Frage nichts überstürzen würde. Schalke 04 habe derweil noch nichts erreicht.

Hamm - Steffen Freund kennt die Bedeutung des Revierderbys, schließlich stand er bei zwölf davon selbst auf dem Platz. Vor dem nächsten Duell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 am Samstag (15.30 Uhr) sprach der Ex-Profi mit Marcel Guboff über die Krise beim BVB, die Situation von Trainer Peter Bosz und erklärt, warum Königsblau noch nichts erreicht hat.

Herr Freund, zwei Jahre Schalke, fünfeinhalb Borussia Dortmund: Lässt das darauf schließen, dass Ihr Herz eher schwarz-gelb als königsblau ist?

Steffen Freund: Das kann man so nicht sagen. Sportlich habe ich in Dortmund eine unglaubliche Zeit erlebt, aber Schalke war 1991 als Aufsteiger das Sprungbrett, um sportlich den nächsten Schritt zu gehen. Heute habe ich sogar ein besseres Verhältnis zu Schalke als zu Dortmund. Der Klub kümmert sich sehr um seine ehemaligen Spieler.

Hätten Sie vor zwei Monaten für möglich gehalten, dass Schalke als Tabellenzweiter mit drei Punkten Vorsprung auf den BVB ins Derby geht?

Freund: Welcher Experte das nach sieben ungeschlagenen Spielen der Dortmunder geahnt hatte, verdient Respekt. Dieser Lauf war ja der Wahnsinn. Nach dem 6:1 gegen Gladbach am 6. Spieltag hatte ich zwar schon ein paar defensive Schwächen gesehen, aber offensiv war der BVB so stark und so voller Spielfreude, dass ich an so eine Negativ-Serie keinen Gedanken verschwendet hätte.

Wie erklären Sie sich diese Serie?

Freund: Ein Punkt aus fünf Spielen ist ein Abstiegswert. Ich sehe aber alles im Zusammenhang: Es war vorher bereits nicht alles sensationell: Es gab auch Spiele wie das 0:0 in Freiburg, wo du auch verlieren kannst. Man hat gesehen, dass Dortmund im Defensivverhalten verwundbar ist. Aber mit dieser offensiven Dynamik haben sie es umso besser hinbekommen. Daher glaube ich, dass es aktuell nur eine Phase ist. Der BVB braucht ein Erfolgserlebnis und hat jetzt im Derby die Chance, vieles wieder zu drehen. Grundsätzlich war ich allerdings erschrocken, dass sie das nicht schon in Stuttgart geschafft haben.

Haben sie sich in Dortmund vielleicht zu sehr von den klaren Ergebnissen zu Beginn der Saison blenden lassen?

Freund: Das kann sehr gut sein, denn im Erfolg macht man die meisten Fehler, weil man zu wenig auf die Probleme eingeht. Gerade dann muss man darauf aufmerksam machen, dass man nicht so kompakt steht. Vor allem, wenn du sehr hoch verteidigt, brauchst du eine sehr gute Organisation der Viererkette, damit der Gegner nicht sofort dahinter kommt. Beim 1:2 in Stuttgart war es ja nur ein langer Ball – und der VfB war durch. Dazu kommt, dass der Gegner mit jedem Spiel der Dortmunder mehr Infos bekommt, wo die Stärken, aber eben auch die Schwächen des BVB liegen. Die Gegner stellen sich dann sehr, sehr gut darauf ein. Das spricht für die Trainer, dass sie versuchen, gegen die Dortmunder klug zu spielen und ihnen wenig Räume zu lassen.

Ist es denn mehr eine Sache des Kopfes als der Qualität?

Freund: Die Psyche spielt natürlich auch eine Rolle. Individuelle Fehler sind oft eine Folge dessen, dass man im Kopf falsche Entscheidungen trifft. Die muss man abstellen, um aus so einer Situation herauszukommen. Es gibt auch individuelle falsche Entscheidungen des Trainers. Ich würde Marc Bartra doch nicht als Rechtsverteidiger aufstellen, wenn du einen Jeremy Toljan dafür hast. So etwas ist nicht nötig, ich muss erst die Zentrale stark besetzen.

"Im Moment sieht alles ein bisschen statisch aus"

Wir sind bei Peter Bosz angekommen: Nimmt er zu wenig Korrekturen an seiner Taktik vor, um den BVB nicht so berechenbar dastehen zu lassen?

Freund: Das ist nicht unwichtig. Der Trend im Fußball in Sachen Taktik geht schon in Richtung Flexibilität. Es gibt Verschiebungen, die man der Mannschaft beibringen muss. Aber er ist ja noch nicht allzu lange da. Durch den Erfolg am Anfang hast du vielleicht nicht gesehen, dass das Team noch gar nicht so weit ist. Du brauchst auch in der Offensive eine gewisse Rotation. Im Moment sieht alles ein bisschen statisch aus und ist daher einfacher zu verteidigen für die Konkurrenz. Es ist ein wichtiger Punkt für die Zukunft, dass Bosz diese Flexibilität ins Dortmunder Spiel bringt. Auf der anderen Seite muss er seinen Spielern zeigen, dass in der Viererkette immer ein Außenverteidiger hinten bleiben muss: Nur mit den beiden Innenverteidigern kannst du die letzte Linie nicht verteidigen.

Fehlt Bosz demnach ein Plan B?

Steffen Freund ist ehemaliger Fußballer und heutiger Trainer. Seine erste Profistation war 1991 der FC Schalke 04, für den er zwei Jahre lang auflief. 1993 wechselte er zu Borussia Dortmund, wo er fünfeinhalb Jahre spielte. Nach weiteren Stationen bei Tottenham Hotspur, dem 1. FC Kaiserslautern und Leicester City beendete er seine Profi-Karriere und wurde Trainer. In dieser Funktion war er für diverse DFB-Juniorenteams aktiv, ehe er ab 2012 zwei Jahre lang Co-Trainer bei den Spurs war. Aktuell ist er als TV-Experte unterwegs.

Freund: Das ist mir zu einfach. Mit dem 4-3-3 war er in Amsterdam auch erfolgreich, und die ersten sieben Spiele hat es mit dem System auch funktioniert. Man darf diese positive Phase nicht komplett vergessen. Außerdem wollen sie beim BVB ja diesen offensiven Fußball sehen. Bei Domenico Tedesco und Schalke ist es aktuell ein bisschen einfacher: Da kann man über die Defensive Sicherheit gewinnen. Sie haben gegen Hamburg ja nicht gut gespielt, sind aber effektiv und erfolgreich. Auf Schalke kann man das im Moment so umsetzen, in Dortmund fragen sie dann, wo denn die Torchancen sind. Eine Balance aus allem wäre da wohl der richtige Weg für die Borussia.

Braucht Bosz noch Zeit, oder kann das Derby schon zum Endspiel werden?

Freund: Es ist doch logisch, dass du als neuer Trainer eine gewisse Zeit brauchst. Deswegen ist die Situation so gefährlich: Weil es anfangs so gut lief, haben alle gedacht, es sei alles schon erledigt und dass es keine Probleme geben werde. Jetzt fühlt sich das daher umso extremer an, wenn du aus fünf Spielen nur einen Punkt holst. Es bringt jetzt nichts, die Reißleine zu ziehen. Aber wenn er das Derby nicht unglücklich, sondern hoch verlieren sollte, ist das Geschäft zu gnadenlos geworden. Davor dürfen wir nicht die Augen verschließen.

Es gibt Experten, die so weit gehen zu sagen, dass Bosz nicht gut genug für die Bundesliga ist.

Freund: So etwas finde ich sehr respektlos. Als er so erfolgreich war, haben ihn alle für seinen Offensiv-Mut und den tollen Fußball gelobt. Das soll alles nach fünf Spielen vergessen sein? Das geht mir viel zu schnell.

"Aubameyang ist in der Verantwortung"

Zuletzt gab es dann noch den Wirbel um Pierre-Emerick Aubameyang. So wichtig er sportlich ist: Sind solche Typen, die meinen, einen Sonderstatus zu haben, auf Dauer dann doch nicht gut für das Teamgefüge und die Ziele des Klubs?

Freund: Genau das passiert ja im Moment. Eine Suspendierung aufgrund von unprofessionellen Verhaltens ist immer etwas, wo ich beim Spieler anfangen muss. Wenn man so etwas nicht anspricht, vervielfältigt sich das, und dann verliest du irgendwann den Teamgeist. Gerade, wenn es schwierig ist, muss man noch mehr Profi sein, um Verein und Mannschaft zu helfen. Das sehe ich bei Aubameyang nicht. Dann hat er auch lange nicht getroffen und Chancen en masse ausgelassen. Jetzt ist er in der Verantwortung, seine Stärken wieder voll auf den Platz zu bringen.

Muss ein Aubameyang nicht auch mehr vorweg gehen? 

Freund: Die Offensiv-Spieler bekommen oft zu Recht einen bestimmten Bonus. Wenn ihn einer beim BVB verdient hat, dann ist es Aubameyang. Aber in der Krise ist er dann auch irgendwann aufgebraucht. Das ist es sein Job, den Unterschied auszumachen – obwohl es das Schwierigste ist im Fußball.

Aber ein Führungsspieler ist er im eigentlichen Sinne nicht?

Freund: Genau! Davon sehe ich bei Borussia Dortmund aktuell ohnehin wenige. Wenn das einer umgesetzt hat, war es bisher Nuri Sahin. In so einer Phase brauchst du Führungsspieler im Team ansonsten wird es viel schwieriger aus der Krise herauszukommen.

Hier ist also Bosz gefordert.

Freund: Er kann am besten einschätzen, inwieweit ein Spieler weiter ist als ein anderer. Ich habe in den ersten sieben Wochen Nuri Sahin überragend gesehen. Da frage ich mich grundsätzlich, warum er in so einem wichtigen Spiel wie in Stuttgart nicht auf dem Platz steht. Es wäre sehr wichtig, dass Bosz seine Führungsspieler erkennt. Und die müssen dann auch spielen. Du brauchst drei, vier solcher Profis, die dann auch gesetzt sind – auch wenn sie mal eine schlechtere Partie abliefern.

"Schalke hat noch gar nichts erreicht"

Kommen wir zu den Schalkern, die mit Domenico Tedesco auch einen neuen Trainer haben. Wie ist Ihr Eindruck?

Freund: Die Ergebnisse erzeugen eine positive Stimmung. Das ist auch ganz wichtig, denn so überragend hat Schalke bisher nicht gespielt. Das Gute ist: Der Trainer ist flexibel und stellt um, wenn es mal nicht läuft so wie in der ersten Halbzeit in Freiburg. Da hätten die Königsblauen eigentlich in Rückstand geraten müssen, gewinnen dann aber noch sehr, sehr glücklich. Schalke ist auf einem guten Weg, hat aber noch gar nichts erreicht. Das Ganze braucht auch hier Zeit. Das Gesamtpaket schnürt natürlich der Trainer, und er scheint die Mannschaft damit zu erreichen.

Gibt es da einen Unterschied zum BVB?

Freund: Ja. Tedesco kann die Mannschaft immer in Ruhe vorbereiten, während Dortmund wichtige Champions-League-Spiele hat. Das sind Partien, die physisch und psychisch immer an die Substanz gehen. Genau das passierte jetzt vor dem Derby. Schalke hat nicht diese Dreifach-Belastung und konnte die Begegnung der Dortmunder gegen Tottenham am Dienstag in aller Ruhe analysieren. Das ist ein ganz anderer Wochenplan, durch den Schalke einen kleinen Vorteil hat. Was aber wiederum positiv für die Borussia ist: Es ist ein Derby. Davon habe ich zwölf gespielt. Daher weiß ich, dass da immer alles möglich ist, erst recht zu Hause.

Er bringt kein fertiges System mit, sondern passt es an, nimmt Rücksicht auf seine eigenen Spieler und der Gegner. Ist er der Anti-Bosz?

Freund: Das würde ja heißen, dass Tedesco der bessere Trainer ist. Bosz hat mehr erreicht als Tedesco: Er hat Ajax Amsterdam mit einer jungen Mannschaft in die Spitze geführt und ist ins Europa-League-Finale eingezogen. Das alles muss Tedesco erst noch schaffen.

Schritt für Schritt der bessere Weg, auf dem man auch mal in Kauf nimmt, dass das eigene Spiel zwar nicht sexy, aber effektiv und erfolgreich ist?

Freund: Das ist eine Momentaufnahme. Grundsätzlich lässt sich das ohnehin nicht vergleichen. Denn auch hier darf man nicht vergessen, dass Borussia Dortmund in den ersten sieben Begegnungen ungeschlagen war und sechs Spiele kein Gegentor kassiert hat. Dann darf man nicht außer Acht lassen, dass die Dortmunder einige Spiele unglücklich verloren haben, weil sie ihre eigenen Chancen nicht genutzt haben. Ich würde den BVB nicht abschreiben, aber er braucht in dieser Phase einfach dieses Erfolgserlebnis.

Ihr Tipp für Samstag?

Freund: Vieles spricht unter diesen Voraussetzungen für ein Unentschieden: 1:1.

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