BVB-Coach

Dortmunds Glücksgriff Favre: Pedanterie und Philosophie

+
Lucien Favre ist seit Sommer 2018 Cheftrainer von Borussia Dortmund.

Lucien Favre ist für Borussia Dortmund ein Glücksgriff. Die vielen jungen Spieler schauen zum erfahrenen, zuweilen etwas kauzigen Trainer auf.

Dortmund - Manuel Akanji war einigermaßen perplex, das lässt sich ohne Übertreibung sagen. Nach einem Spiel, in dem er sich seiner bescheidenen Selbsteinschätzung zufolge haarscharf am Rande der Perfektion bewegt hatte, wollte sich der Innenverteidiger von Borussia Dortmund sein Sonderlob abholen. Und Lucien Favre? Naja, habe der Trainer gesagt, "schlecht war es nicht".

So ist er: Lucien Favre. Seinem Ruf der Detailversessenheit, durchaus grenzend an Detailbesessenheit, wird der bisweilen etwas kauzige Schweizer beim BVB gerecht.

Er führt diese junge, sehr talentierte Mannschaft mit Pedanterie - und mit großem Erfolg. Vor dem Bundesliga-Gipfel gegen den FC Bayern München (Samstag, 18.30 Uhr/bei uns im Live-Ticker) steht Favre dort, wo dessen Trainer Niko Kovac gerne wäre: an der Tabellenspitze.

Talente folgen Favre blind

Das hat seinen Grund. Die Supertalente Jadon Sancho (18), Christian Pulisic (20), Dan-Axel Zagadou (19) schauen zu ihm auf, sie folgen dem Mentor blind. Auch, weil es (noch) keine harten Rückschläge gab. Etablierte Stars wie Marco Reus und Mario Götze vertrauen Favre, seiner Akribie, seiner unverkennbaren Philosophie des schnellen Flachpasses.

Der Erfolg beschleunigt den Umbruch und das Zusammenwachsen. Credo des Trainers dabei: "Ob wir gewinnen oder verlieren, wir lernen immer."

Ab jetzt hat Favre das Kommando: Bilder des ersten Trainings als BVB-Coach

Wobei das Gefühl des Verlierens ganz neu ist - das 0:2 bei Atletico Madrid am Dienstag war die erste Niederlage im 16. Pflichtspiel der Saison.

Ob seine Jungs nun verunsichert seien? "Ach", sagt der 61-Jährige väterlich, "junge Spieler vergessen da sehr, sehr schnell."

Wie ein zerstreuter Professor

Dies lässt sich von Lucien Favre keinesfalls behaupten. Er wirkt häufig wie ein zerstreuter Professor, doch das täuscht: Er ist ein extrem analytischer Geist, der aus jeder Information Erkenntnis ziehen will, sei sie noch so klein.

Während der Spiele sieht man ihn ständig auf Zetteln kritzeln, dennoch lässt er sich in den groben Zügen seiner fußballerischen Handschrift nicht beirren.

BVB stellt Lucien Favre als neuen Trainer vor

Lucien Favre relevante Informationen zu entlocken, endet oft wie der Versuch, ein trockenes Handtuch auszuwringen. Mit einem ironischen Lächeln antwortet er dann, bleibt bewusst vage, aber freundlich, pendelt Fragen aus, wie Muhammad Ali früher Schlägen auswich.

Sportlich kein schlechtes Wort

Das Rezept für Samstag sei, sowohl intelligent zu verteidigen als auch intelligent anzugreifen. Es ist eine Favre-Antwort - wenig gesagt, nichts verraten.

Seine Akkuratesse schlägt gelegentlich ins übertrieben Grüblerische um. Davon können Funktionäre seiner früheren Stationen spannende Geschichten erzählen.

Von Köppel bis Favre: Die BVB-Trainer seit den Neunzigern

In Mönchengladbach soll Favre regelmäßig seinen Rücktritt angeboten haben, bei Hertha BSC nervte er Dieter Hoeneß mit seinem Zögern bei Transfers. "Das kostet Kraft", klagte der Manager. Doch sportlich gab und gibt es kein schlechtes Wort.

Von Tag eins an eine klare Vision

In Dortmund ohnehin nicht. "Lucien hatte vom ersten Tag an eine klare Vision, wie diese Mannschaft Fußball spielen soll", berichtete BVB-Sportdirektor Michael Zorc während einer gemeinsamen Pressekonferenz am Donnerstag. "Die Mannschaft ist ihm komplett gefolgt und vertraut ihm." Favre reagierte favrehaft: "Es gibt noch viel zu tun."

Diese Einstellung ist längst auch bei Manuel Akanji angekommen. So sei der Trainer halt, sagt Akanji: "Er will immer etwas verbessern."

sid

Verpassen Sie keine Nachricht zu Borussia Dortmund und werden Sie Fan unserer Facebook-Seite.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare