Interview mit Pfarrer Dietmar Kehlbreier

"Die Kirche kann vom Fußball viel lernen"

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Im Stadion ist er vor allem Fan der Dortmunder Borussia: Dietmar Kehlbreier ist Vorsitzender der "Bördemalocher" und teilt seine Leidenschaft für den Fußball mit der für Gott.

Soest/Recklinghausen – Wenn in der nächsten Woche zigtausende evangelische Christen ihren Kirchentag feiern, wird Dietmar Kehlbreier sich ganz sicher nicht gemütlich zurücklehnen – alleine schon, weil er einer der Organisatoren des „Zentrum Sport“ ist, das erstmals zu einem Kirchentags-Programm gehört. Mit dem Diakoniepfarrer, der inzwischen in Recklinghausen arbeitet, aber nach wie vor in Soest wohnt und hier auch seit vielen Jahren Vorsitzender des BVB-Fanclubs „Bördemalocher“ ist, sprach Achim Kienbaum. 

Beten, diskutieren und singen – das kennt man von Kirchentagen. Aber Sport? Das ist neu. Was hat das bitteschön mit der Kirche zu tun? 

Sport ist der Themenpunkt, den die westfälische Landeskirche als Gastgeber zum Kirchentag beisteuert. Das macht unter anderem deshalb Sinn, weil gerade das Ruhrgebiet eine ausgesprochen sportbegeisterte Region ist. Und da denke ich nicht nur an den Fußball, sondern auch an den Breitensport. Und außerdem gibt es in Westfalen eine lange Allianz zwischen Kirche und Sport, unter anderem in dem gleichnamigen Arbeitskreis, der sich mit der Schnittmenge zwischen beiden beschäftigt. Wir stellen zum Beispiel den Olympiapfarrer, einen Kollegen aus Gevelsberg, der die deutschen Teilnehmer bei den Spielen jeweils vor Ort begleitet. 

Was ist Ihr Beitrag in der Arbeitsgruppe, die das „Zentrum Sport“ vorbereitet? 

Zunächst einmal bin ich Mitglied der Projektgruppe, die das „Zentrum Sport“ mit seinen Angeboten vorbereitet. Ich bin wohl auch dazu eingeladen worden, weil ich in meiner Freizeit Vorsitzender eines BVB-Fanclubs bin, eben der „Bördemalocher“ in Soest. Als Pfarrer, der sich auch auf diese Weise engagiert, habe ich ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Das sind halt die beiden Leidenschaften in mir. Außerdem habe ich in der Vergangenheit einige Arbeiten zum Thema Fußball und Religion geschrieben. 

Pfarrer und Fanclub-Vorsitzender, ist das eine einzigartige Kombination? 

Es gibt eine Reihe von christlichen Fanclubs. Da ist aber nicht zwingend ein Pfarrer auch Vorsitzender. Und ehrlich gesagt frage ich mich auch häufig, ob sich die darin organisierten Fußball-Fans nicht vor allem als Fans treffen und weniger als christlich engagierte Menschen. Für die „Bördemalocher“ kann ich sagen, dass wir offen für alle Fans des BVB sind, egal welcher Religion. Sie müssen nur Dortmund-Fans sein. 

So manchem Hardcore-Fan scheinen die Spieler auf dem grünen Rasen deutlich näher zu sein als der liebe Gott. Was hat die Kirche da falsch gemacht? Oder andersrum: Kann die Kirche vom Sport etwas lernen?

Sicher kann die Kirche vom Sport lernen, mit welcher emotionalen und gedanklichen Bindung Menschen an ihrem Verein hängen. Ich denke da zum Beispiel an den großen Einsatz von Geld und Zeit und dass der Besuch von Spielen wie Wallfahrten angegangen wird. Das ist der positive Gegenpol zu Kreuzzügen. Da sehe ich nämlich genau die Ambivalenz, wo das Ganze kippen kann. 

Und wie sieht es mit möglichen Fehlern der Kirche aus? 

Ob die Kirche etwas falsch gemacht hat weiß ich nicht. Die Fußballbegeisterung entsteht ja nicht aus einem Vakuum heraus. Fußball hat schon immer eine große Bedeutung für viele Menschen gehabt. Das ist vielleicht auch deshalb in den vergangenen Jahren noch einmal mehr geworden, weil es so öffentlichkeitswirksam und professionell inszeniert wird. Der Fußball ist ein großer Wirtschaftsfaktor geworden, da ist viel Geld im Spiel. Auch das dürfte dazu beitragen, dass Fußball im Leben vieler Menschen sehr bestimmend und in ihrem Alltag auch präsent ist. 

Sehen Sie Parallelen zwischen der inszenierten Unterhaltung rund um das Spiel auf dem grünen Rasen und kirchlicher Praxis? 

Die gibt es sicher. Was da im Fußball stattfindet, hat ja teilweise schon liturgische Züge, Abläufe, die immer gleich sind. Ich stelle fest, dass Fans jetzt in der Sommerpause zwischen zwei Spielzeiten schon wieder auf den ersten Spieltag der neuen Saison hinfiebern. Menschen brauchen wohl in ihrem Leben Ankerpunkte, die Struktur geben. Das war früher stärker bei der Kirche, heute suchen und finden sie das im Stadion. Mir stellt sich da vor allem die Frage, inwieweit Rituale im Sport Menschen in ihrem Alltag Hilfestellung geben und sie ihnen Antworten auf die großen Sinn- und Existenzfragen liefern. Da habe ich große Zweifel. 

Wenn der Lieblingsclub zur Religion wird, müssen Sie als evangelischer Pfarrer doch ins Grübeln kommen. Gibt es einen Unterschied zwischen Fanatismus und Religion – und wenn ja, worin besteht er? 

Den Unterschied gibt es ganz sicher. Die Kirche hat sich ja seit dem 19. Jahrhundert der allgemeinen Religionskritik stellen müssen. So gab es die Fragestellung, ob Religion nicht doch den Blick auf den Alltag der Menschen vernebelt, anstatt ihnen da mehr Klarheit zu verschaffen. Ich glaube, dass der Fußball sich diese Frage auch stellen lassen muss, wenn Fans wirklich glauben, dass der Fußball für sie eine Religion ist. Komme ich also aus dem Drama des Wochenendes wieder raus, wenn ich da ganz starke Emotionen wie Wut, Enttäuschung, Glück oder gar Ekstase durchlebt habe? Oder komme ich nicht raus, und der Alltag ist verglichen damit trostlos, öde und grau und ich hangele mich eigentlich nur von Samstag zu Samstag? Wenn jemand nicht nur den Fußball, sondern auch die Religion so für sich erlebt, würde ich da natürlich gleichermaßen auch für die Religion ein dickes Fragezeichen machen. Schließlich soll sie immer dazu taugen, auch und gerade im Alltag existieren zu können. 

Sie selber sind Vorsitzender der „Bördemalocher“ in Soest. Fragen Sie sich da nicht manchmal auch, ob es wirklich Sinn macht, der Sünde zu entsagen, wenn auch Schalker in den Himmel kommen können – theoretisch? 

Wenn es denn wirklich so sein sollte, dass auch Schalker in den Himmel kommen können, dann wäre ich froh. Ehrlich. Beim Kirchentag werden sich Dortmunder und Schalker aber schon hier auf Erden treffen. Es gibt zum Beispiel ein Podium, das Fans von rivalisierenden Vereinen zusammenbringen wird. Da wird unter anderem Reinhard Rauball, bekanntlich DFL-Chef und Präsident des BVB, dran teilnehmen. Ich weiß aber auch ohne dieses Podium, dass Fußballfans sowieso deutlich mehr verbindet als trennt.

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