Nach Vorfälle vor Leipzig-Spiel

Fan-Projekt-Leiter warnt vor Schnellschüssen: "Unentschuldbar"

Vor dem Heimspiel des BVB gegen Leipzig kam es zu mehreren Vorfällen.
+
Vor dem Heimspiel des BVB gegen Leipzig kam es zu mehreren Vorfällen.

Dortmund - Die Vorfälle in Dortmund haben nicht nur in der deutschen Fan-Szene für Entsetzen und Kritik gesorgt. Thilo Danielsmeyer vom Fan-Projekt spricht über die Ursachen und Folgen des Gewaltexzesses gegen die Fans von RB Leipzig.

Die Vorfälle in Dortmund haben nicht nur in der deutschen Fan-Szene für Entsetzen und Kritik gesorgt. Jens Greinke sprach mit Thilo Danielsmeyer über die Ursachen und Folgen des Gewaltexzesses gegen die Anhänger von RB Leipzig am Samstag. Der 58-jährige Sportwissenschaftler ist seit 1992 beim Fan-Projekt des BVB tätig und leitet die Einrichtung seit vielen Jahren.

Wie bewerten Sie persönlich die Vorfälle im Schatten des Dortmunder Stadions?

Thilo Danielsmeyer: Das kann kein Mensch schön finden, das ist unentschuldbar. Aber bei der jetzigen Entwicklung konnte es eigentlich niemanden überraschen. Wenn man sich den Hype ansieht, der von den Medien und den Klubs vor dem Spiel gemacht wurde – da wurde diese Partie ja quasi zum „Kampf der Systeme“ hochgeschaukelt. Jede Äußerung wurde total wichtig und Leipzig als Feind schlechthin ausgemacht. Da sind Grenzen dann schnell überschritten.

Sind es weiterhin einige wenige oder mittlerweile viele Fans, die derart gewaltbereit sind?

Danielsmeyer: Das waren nicht alles Ultra-Fans. Das Spiel gegen Leipzig hat viele angelockt, auch solche, die ansonsten nicht so oft ins Stadion gehen. Ich habe Gestalten gesehen, die mir lange nicht über den Weg gelaufen sind. Wir haben hier in Dortmund derzeit unglaublich viel Bewegung in der Fan-Szene, es bilden sich immer wieder neue Gruppen. Gruppen, die die Gewaltbereitschaft der Hooligans an den Tag legen und zugleich die hohe Selbstorganisation der Ultras. Die „Borussenfront“ hat sich in Jung und Alt aufgespalten. Dazu kommt, dass wir in Dortmund die Neonazi-Hauptstadt Deutschlands sind. Diese Leute wollten die Beliebtheit des BVB als Vehikel benutzen. Wir haben in Dortmund eine wahnsinnige Gemengelage. Es ist eine sehr komplizierte Struktur.

Thilo Danielsmeyer vom BVB-Fan-Projekt.
Die Ausschreitungen dürften für Borussia Dortmund sozusagen einen Boomerang-Effekt haben, die Vorfälle dürften arg Image-schädigend sein...

Danielsmeyer: Ja, es war ein klassisches Eigentor, das kann man nicht anders sagen. Es hat aber auch sehr viel kreativen Protest unserer Fans gegeben, das haben viele Transparente im Stadion bewiesen.

Welche Strafen halten Sie für gerechtfertigt, falls Täter ermittelt werden können?

Danielsmeyer: Natürlich müssen Einzeltäter hart bestraft werden. Doch ein großer Rundumschlag wird nichts bringen. Sie können jetzt die Südtribüne sperren, aber die Probleme werden bleiben. Solche Maßnahmen haben sich in der Vergangenheit nicht bewährt.

Wie können solche Vorfälle künftig verhindert werden?

Danielsmeyer: Wir müssen jetzt gemeinsam mit dem Verein möglichst unaufgeregt in die Analyse gehen und dürfen auf keinen Fall das Gespräch mit den betreffenden Gruppierungen abbrechen. Wir müssen uns Fragen stellen: Was kann der Verein jetzt tun? Waren genug Sicherheitskräfte vor Ort? Vor Schnellschüssen kann ich nur warnen. Sicher ist: Die Fanarbeit in Deutschland steht in den nächsten Jahren vor einer großen Herausforderung.

Auba-Salto ins Leipziger Herz

Borussia Dortmund sieg in der Bundesliga gegen RB Leipzig: Die Bilder
Borussia Dortmund sieg in der Bundesliga gegen RB Leipzig: Die Bilder
Borussia Dortmund sieg in der Bundesliga gegen RB Leipzig: Die Bilder
Borussia Dortmund sieg in der Bundesliga gegen RB Leipzig: Die Bilder
Auba-Salto ins Leipziger Herz
Es gibt einen Aufruf zur „Selbstreinigung“ in der Dortmunder Fan-Szene. Wie sollten die „normalen“ BVB-Fans auf die Ausschreitungen reagieren?

Danielsmeyer: Ich denke, es gibt Sachen, die absolut tabu sein müssen. Es kann nicht sein, dass Unbeteiligte wie Frauen und Kinder da hinein gezogen werden, dass Leute menschenverachtend behandelt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es etwas bringen würde, wenn im nächsten Heimspiel entsprechende Transparente gezeigt werden. Das ist der Verein als Mediator gefragt. Er muss sagen, was geht und was nicht. Was zur Fankultur von Borussia Dortmund gehört.

Verpassen Sie keine Nachricht zu Borussia Dortmund und werden Sie Fan unserer Facebook-Seite.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare