40.000 Unterstützer für Mehrwegbecher

Kritik an Einwegbechern im Stadion: BVB ist deutscher Müll-Meister

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Nach den Heimspielen des BVB bleiben viele Einweg-Plastikbecher auf den Tribünen zurück.

Borussia Dortmund verkauft seit 2015 Bier, Cola und Co. in vermeintlich umweltfreundlichen Einwegbechern. Fans und die Deutsche Umwelthilfe fordern eine Rückkehr zum Mehrwegsystem. Wie klimafreundlich sind die verwendeten Becher wirklich?

Dortmund - Nick Heubeck ist seit seiner Kindheit Fußballfan. Ihm gefällt die Atmosphäre in den Stadien der Fußball-Bundesliga, die oft ein Schmelztiegel der Emotionen sind. Ganz besonders mag er schnellen und spektakulären Fußball, so wie ihn der BVB seinen Fans zuhause im Signal Iduna Park regelmäßig bietet. Was ihm gar nicht gefällt? Der viele Plastikmüll, der nach dem Abpfiff zurückbleibt. Wenn es auf der Südtribüne still und das Flutlicht ausgeschaltet wird. Berge von zertrampelten Einwegbechern und kaputte Papphalter. Deshalb setzt er sich mit einer Petition dafür ein, dass der Einsatz von Plastikbechern nachhaltiger wird – mit ersten Erfolgen.

„Diese Becher werden auch aus dem Stadion raus getragen und liegen dann auf der Straße oder an Bahnsteigen. Das muss einfach nicht sein“, sagt der 19-Jährige, der in Bamberg Kommunikation und Politik studiert. „Bis 2015 gab es in Dortmund auch Mehrwegbecher, die dann abgeschafft wurden. Das war eine Fehleinscheidung, die revidiert werden sollte.“

Auf eine Email an die Medienabteilung antwortete der BVB zunächst nicht. Erst im Januar bekam Heubeck eine Rückmeldung – als seine Petition bereits tausendfach geteilt wurde. Die Antwort des Traditionsvereins fiel indes äußerst knapp aus: „Bitte beachten Sie, dass 82.000 Menschen, welche anstehen müssen um einen Becher zurückzugeben, ein großes Sicherheitsrisiko darstellen, welches wir minimieren wollten“, heißt es dort unter anderem im Wortlaut. „Ich wurde in der Mail mit schlecht vorbereiteten Argumenten abgespeist. Durch die Petition ist der Druck danach aber noch einmal gestiegen“, sagt Heubeck.

Petition wird tausendfach geteilt

Nick Heubeck startete die Petition auf der Plattform Change.org.

Rund 40.000 Menschen haben sich bisher in die Liste auf der Internet-Plattform Change.org eingetragen, um ihre Unterstützung für die Petition zu signalisieren. Damit wäre das Dortmunder Stadion bereits halb voll. Und auch über die sozialen Netzwerke erreicht Heubeck durchweg eine positive Resonanz auf seinen Einsatz. „Viele Unterstützer sind Dauerkarteninhaber beim BVB. Die haben sich 2015 über die Umstellung geärgert.“

Im Petitionstext zieht der 19-Jährige einen Vergleich, der die Dimensionen des Becherverbrauchs verdeutlichen soll. Beim BVB seien in der zurückliegenden Bundesliga-Saison über 1,5 Millionen Einwegbecher weggeworfen worden. Mit so vielen Bechern könnten Heubeck und seine Freunde 186 Jahre lang jeden Abend ein Turnier im Beer Pong veranstalten – ein unter jungen Menschen beliebtes Trinkspiel, bei dem Tischtennisbälle in aufgereihte Becher geworfen werden.

Auf Anfrage bestätigt BVB-Mediendirektor Sascha Fligge die klare Position der Schwarz-Gelben. „Bei uns gibt es zurzeit keine Überlegungen, das aktuelle System umzustellen. Wir halten es für ein sehr gutes. Das perfekte, das alle Seiten jubeln lässt, gibt es gegenwärtig leider noch nicht“, so Fligge. „Kritik nehmen wir immer an und überprüfen regelmäßig unser Handeln. Es ist unser Anspruch, uns in Sachen Umweltschutz ständig zu verbessern.“ In ihrem Nachhaltigkeitsbericht räumen die Westfalen dem Klimaschutz fünf Doppelseiten ein. „Erste Schritte zu einer besseren Umweltbilanz sind die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Stadions und tonnenweise CO2-Einsparungen. Das hat Priorität bei uns.“ 81.360 Tonnen CO2 will der Verein langfristig weniger verursachen und damit genau eine pro Platz auf den Zuschauerrängen. Ein ambitioniertes Ziel.

Umweltbilanz nur auf den ersten Blick positiv

Mithilfe der aus Sicht des BVB ökologischen Becher dürfte diese Marke nicht erreicht werden. Auch wenn die Umweltbilanz auf den ersten Blick positiv ausfällt. Der Energieexperte Martin Patel von der Universität Utrecht hat in einer Studie ermittelt, dass bei der Herstellung rund 20 Prozent weniger Energie benötigt wird als bei herkömmlichen PET-Varianten. Die Polymilchsäure (PLA) als Grundstoff für die in Dortmund eingesetzten PLA-Becher wird allerdings aus Zuckerrüben oder Maisstärke gewonnen. Diese Rohstoffe werden zumeist in intensiver und gentechnisch unterstützter Landwirtschaft in den USA angebaut. Von dort aus machen sie sich auf eine umständliche Reise um die Welt, bis sie schließlich als Endprodukt in Dortmund landen. Als Naturstoff ist Polymilchsäure zwar bei der Verbrennung oder Zersetzung CO2-neutral, lässt sich aber nur industriell aufwendig in einer Biogasanlage kompostieren.

Interview: Deutsche Umwelthilfe wirft BVB "dreistes Greenwashing" vor

Eine Ökobilanz, die von den Umweltministerien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft 2008 in Auftrag gegeben wurde, kam bereits vor zehn Jahren zu dem Ergebnis, dass Mehrweg-Systeme Einweg-Lösungen unter ökologischen Gesichtspunkten deutlich überlegen sind. Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe rechnet sich ein Wiederbefüllen nach dem fünften Mal. Im Durchschnitt seien Becher 41-mal problemlos verwendbar. Der reale Schnitt liegt sogar noch deutlich höher: 107-mal wurde ein einzelner Mehrwegbecher im Schnitt in der Bundesliga-Saison 2015/16 verwendet.

DFB lässt Vereine entscheiden

Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) positioniert sich in einem Faktencheck in seinem Nachhaltigkeitsbericht 2016 deutlich: „Mehrwegbecher verbrauchen in der Herstellung mehr Energie, sind aber in der Gesamtbilanz deutlich umweltfreundlicher als Einwegbecher.“ Trotzdem stellt es der Verband den Vereinen frei, selbst darüber zu entscheiden, ob sie Ein- oder Mehrwegbecher nutzen. Für den BVB waren zwei Hauptprobleme entscheidend für den Umstieg: Zum einen sei der Spülwasserverbrauch immens gewesen, zum anderen gab es Probleme mit der Sicherheit . „Wir hatten leider immer wieder Verletzte nach Mehrwegbecher-Würfen. Auch das gehört zur Wahrheit“, erklärt Mediendirektor Fligge. „Wir halten das System einer Einkompostierung für umweltfreundlich. Die Verarbeitung findet in einer nahegelegenen Biogasanlage statt. Wir fahren die Becher nicht noch hunderte Kilometer durch Deutschland.“ Nach Vereinsangaben landet der Abfall in einer 20 Kilometer entfernten Verwertung. Der erzeugte Strom fließe ins Ökostromnetz.

Rückgabestationen an den Blöcken

Im Dortmunder Stadion wurden 140 Röhren installiert, um die leeren Plastikbecher einzusammeln.

Um die leeren Becher einzusammeln, haben die Schwarz-Gelben die Aktion „Gib mich den Becher“ eingeführt. An vielen Blöcken stehen dafür Röhren bereit. Mit einem eigens dafür produzierten Werbespot macht der Verein regelmäßig auf die Aktion aufmerksam. Wie gut diese Röhren aber angenommen werden und wie viel Prozent der Becher tatsächlich dort landen, kann Fligge nicht beziffern. „Die Sammelstellen werden gut und sogar zunehmend besser angenommen.“ Zum Start der Aktion waren es 140 Röhren.

Auf Schalke werden nach wie vor Einwegbecher aus herkömmlichem Plastik verwendet.

In der Bundesliga verwenden neben dem BVB mit Hamburg, Mainz, Leverkusen, Augsburg, Hoffenheim und Wolfsburg noch sechs andere Vereine PLA-Becher. Nur der FC Schalke 04 und der 1. FC Köln teilen herkömmliche Plastikbecher aus. Zumindest bei den Gelsenkirchenern hat offenbar ein Umdenken stattgefunden. Sie wollen ein neues Nachhaltigkeitssystem einführen, mit dem Ziel, „der erste nachhaltigkeitszertifizierte Bundesligist“ zu werden. Auch Abfallvermeidung und Recyclingfähigkeit stehen dabei auf der Maßnahmenliste des Klubs. Ein Umstieg auf die beim BVB eingesetzten Becher ist für die Knappen aber kein Thema. „Eine Nutzung von kompostierbaren PLA-Bechern würde so gut wie keine positiven Auswirkungen auf die Umweltbilanz erbringen“, heißt es in einer Mitteilung.

FC Bayern stellt im Sommer komplett um

Die Hälfte der Bundesliga-Vereine nutzt derzeit Mehrwegbecher, darunter Eintracht Frankfurt und der SV Werder Bremen. Nick Heubeck hofft darauf, dass andere Klubs diesen Beispielen folgen und Einwegbecher bald komplett abgeschafft werden. Bis dahin bleibt für ihn der BVB Umweltsünder Nummer eins. Unterstützung bekommt Heubeck seit Anfang des Jahres von der Deutschen Umwelthilfe, die einige Klubs in Sachen Nachhaltigkeit berät. Zuletzt haben Serienmeister Bayern München und Hannover 96 auf die Mehrwegvariante umgestellt. Die Münchner befinden sich in der Übergangsphase und wollen ab Sommer komplett auf wieder verwertbare Krüge setzen. „Über die Expertise der DUH bin ich sehr froh“, sagt Heubeck, der so kein Einzelkämpfer mehr ist – und mittlerweile 40.000 weitere Unterstützer hinter sich versammelt hat.

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