Kevin Großkreutz im Interview

"Ohne Rotation geht es auf dem Niveau nicht"

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LA MANGA - Nach acht Tagen Trainingslager trat Dortmunds Mittelfeldspieler Kevin Großkreutz am Freitagachmittag mit einem Infekt den Heimflug nach Deutschland an. Deshalb wird er am Samstag im Testspiel beim Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern (15.30 Uhr/live bei SWR 3) fehlen.

Aus La Manga berichtet Peter Schwennecker

Vor der Abreise aus Südspanien spicht der Ur-Dortmund im Interview über die harten Tage in La Manga, über die ungewohnte Rolle als Außenverteidiger und seinen Traum von der WM.

Wie fühlt man sich nach einer Woche Trainingslager? Was tut alles weh?

Kevin Großkreutz: Die Einheiten waren umfangreich und echt intensiv, aber nichts Anderes hatte ich erwartet. Leider habe ich mir am vorletzten Tag einen Infekt zugezogen, der mich für den Test in Kaiserlautern schachmatt setzt.

Sind Sie froh, ab sofort wieder in den normalen Rhythmus mit Spielen und Training zu kommen?

Großkreutz: Na klar. Für die Pflichtspiele, die sportlichen Herausforderungen, lebe ich als Profi. Über unsere Hinrunde wurde ja viel gemeckert. Aber Fakt ist: Wir sind in der stärksten Champions-League-Gruppe Erster geworden, wir sind im DFB-Pokal noch vertreten und in der Bundesliga in Schlagdistanz. Der BVB kann all seine im Sommer verkündeten Saisonziele erreichen, und in der Königsklasse den eigenen Anspruch sogar übererfüllen. Manchmal kommt mir das in der Öffentlichkeit zu kurz.

Am Mittwoch sind Sie mit einem Eisverband um den rechten Fuß in den Bus gestiegen. Was gab es für ein Problem, und behindert Sie diese Blessur noch?

Großkreutz: Eine Prellung. Ist ein bisschen dick geworden. Ganz normal, da musst du als Fußball-Profi hin und wieder durch.

Gibt man bei Google Kevin Großkreutz und muskuläre Probleme ein, findet man so gut wie keine Einträge. Es gibt viele andere Spieler, die oft über muskuläre Probleme klagen. Warum ist das bei Ihnen nicht so, haben Sie einen speziellen Zaubertrank, oder machen sie zusätzliches, spezielles Training?

Großkreutz: Vielleicht ist das ein Stück weit Veranlagung, aber sicher auch Arbeit. Ich mache jetzt mehr Einheiten in unserem Fitnessstudio als zu Beginn meiner Karriere. Stabilisation ist wichtig. Das gehört zur Körperpflege, und der Körper ist als Kicker mein Kapital.

Sie haben eine starke Hinrunde auf der ungewohnten Position des rechten Außenverteidigers gespielt. Wie schwer fiel Ihnen die Umstellung, welche Schwierigkeiten gab es zu Beginn, und wie haben Sie die so schnell gelöst?

Großkreutz: Natürlich dauert es ein wenig, bis die Automatismen auf einer neuen Position greifen. Als Außenverteidiger musst du taktisches Verständnis mitbringen, gut verschieben, Zweikämpfe führen, Angriffe einleiten, flanken. Ich bin froh, wenn andere Leute sagen, dass ich das ganz ordentlich gemacht habe.

Jürgen Klopp hat einmal gesagt, dass Sie die Umstellung sehr schnell geschafft haben. Er hätte Ihnen nur sagen müssen, dass ein Außenverteidiger auch mal Einwürfe machen muss. Haben Sie das dann noch speziell trainiert?

Großkreutz: (lacht) Nein, ehrlich gesagt nicht. Das passiert ja ganz automatisch.

Jetzt ist Lukasz Piszczek zurück. Erwarten Sie jetzt einen Konkurrenzkampf um diese Position, oder suchen Sie sich einen anderen Platz in der Mannschaft, frei nach dem Motto "Ich kann ja überall spielen"?

Großkreutz: Ich glaube, dass es ein Plus ist, auf mehreren Positionen spielen zu können. Der BVB war in der jüngeren Vergangenheit zweimal Meister, Pokalsieger, Double-Gewinner, Champions League-Finalist. Es erstaunt mich, dass wir immer noch sinngemäß die Frage gestellt bekommen, ob einzelne Spieler interne Konkurrenz okay finden. Klar ist das okay. Ohne geht es doch gar nicht auf diesem Niveau.

Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Lukasz? Spricht man intern über diese Dinge?

Großkreutz: Völlig in Ordnung. Keine Sorge. Lukasz ist ein Super-Typ, wir sind seit Jahren ein verschworener Haufen. Und die neuen wie Micky, Papa und Auba (Henrikh Mkhitaryan, Sokratis und Pierre-Emerick Aubameyang, Anm. d. Red.) sind Charakter-Raketen.

Der größte Moment in der Hinrunde war sicherlich Ihr entscheidendes Siegtor zum Weiterkommen in der Champions League in Marseille. Wissen Sie heute noch, was Sie in diesem Moment gedacht haben, als der Ball die Torlinie überquerte?

Großkreutz: In solchen Momenten genießt du nur den Adrenalinschub. Und der ist der Wahnsinn! Ich bin dann gleich zu den Fans und habe auch schnell an unsere ganzen Verletzten zu Hause auf dem Sofa gedacht. Für uns alle geht die Reise jetzt weiter. Sehr, sehr genial!

Sie hatten bis zu diesem Zeitpunkt alle Spiele in der Bundesliga, im Pokal und in der Königsklasse bestritten. Und ausgerechnet nach diesem Höhepunkt in Marseille gönnt Ihnen Jürgen Klopp in der folgenden Bundesliga-Partie in Hoffenheim eine Pause. Wurmt es Sie im Nachhinein, dass Sie deshalb nicht komplett alle Pflichtspiele der Hinrunde mitgemacht haben, oder waren Sie froh, einmal nach den Strapazen und wenig Schlaf in der Nacht nach Marseille einmal durchatmen zu können?

Großkreutz: Wenn du nicht spielst, bist du nie froh. Aber wie eben schon angedeutet: Ohne Rotation geht es auf dem Niveau mit Spielen im Drei-Tage-Rhythmus nicht.

Sieht man einmal von der Schlussphase der ersten Serie in der Bundesliga ab, hat der BVB doch ein ordentliches Halbjahr gespielt. Was ist in der Rückrunde noch machbar?

Großkreutz: Alles. Wir setzen uns keine Limits. In ein oder zwei Spielen können wir jeden Gegner schlagen. Natürlich muss dann aber alles stimmen: Gegenpressing und Chancenverwertung zum Beispiel. Die direkte Champions League-Quali ist natürlich unser Hauptziel! Aber wir wollen auch wieder nach Berlin.

Für viele Experten sind Sie nach Philipp Lahm derzeit der beste deutsche Rechtsverteidiger. Zudem behauptet Jürgen Klopp, dass so ein vielseitiger Spieler mit zur WM sollte. Freuen Sie sich über diese Unterstützung, und glauben Sie daran, dass das Bundestrainer Joachim Löw beeinflussen kann?

Großkreutz: Natürlich freue ich mich darüber. Aber so weit ich weiß, hat sich noch niemand selbst in die Nationalmannschaft reden können. Da kommt man nur über nachhaltig gute Leistungen im Verein rein. Die will ich zeigen. Alles andere kann ich nicht beeinflussen.

Würden Sie für sich persönlich eine Nominierung für die WM ähnlich hoch bewerten wie den Gewinn eines Titels in der Bundesliga?

Großkreutz: Beides ist beziehungsweise wäre wunderschön. Aber auch nicht miteinander zu vergleichen.

Zum Schluss noch eine Frage zu Ihrer Vielseitigkeit. Gibt es irgendeine Position, die Sie auf gar keinen Fall spielen möchten? Schließlich haben Sie sich ja sogar auch schon ins Tor gestellt.

Großkreutz: (überlegt) Ganz ehrlich: Nein.

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