Viele Erinnerungen im Gepäck - Uwe Manz aus Tokio zurück

Die Hand am Gold: Vor der Heimreise traf Uwe Manz den Kubaner Mijain Lopez am Tokioter Flughafen. Mit seinem vierten Olympiasieg hat sich der Schwergewichtler zum erfolgreichsten Ringer aller Zeiten gekrönt.
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Die Hand am Gold: Vor der Heimreise traf Uwe Manz den Kubaner Mijain Lopez am Tokioter Flughafen. Mit seinem vierten Olympiasieg hat sich der Schwergewichtler zum erfolgreichsten Ringer aller Zeiten gekrönt.

Als in Tokio das olympische Feuer in der späten Nacht erlosch, wartete Uwe Manz bereits am Flughafen auf seinen Rückflug.

Bönen – Wie für die Sportler war auch für Kampfrichter wie ihn die Abreise bis spätestens 48 Stunden nach dem letzten Wettbewerb vorgesehen. Zeit, wenigstens noch die Abschlussfeier genießen, die gab es für den Bönener nicht. Es waren wegen der Pandemie halt andere Olympischen Spiele als sonst.

Immerhin, am letzten Tag in Japan, konnten sich Manz und seine Kampfrichterkollegen etwas Muße gönnen und von den acht langen Wettkampftagen erholen. Am Samstag um 22 Uhr Ortszeit war das letzte Finale auf den olympischen Ringermatten beendet, in der Nacht auf Montag, kurz nach Mitternacht, ging der Flieger gen Heimat. „Da konnten wir schön frühstücken und alles in Ruhe machen“, sagt Manz. Eine Ruhe, die ihm entgegenkam. „Nach dem letzten Tag bei dem ganzen Stresslevel vorher habe ich schon gemerkt, dass ich in ein Loch falle. Da war ich schlagartig kaputt.“

Keine Chance auf Sightseeing

Der Tag zum Runterkommen war also gut – und brachte auch die Gelegenheit, ordentlich zu packen. „Die ganze Ausrüstung, die wir bekommen haben und mit nach Hause nehmen, ist ja relativ viel“, so Manz. Der Koffer war also voller als auf dem Hinflug, obwohl es mit dem ursprünglich geplanten Sightseeing in der Millionenmetropole nichts wurde. Eigentlich wollte der Bönener die Gelegenheit nutzen, Land und Leute besser kennen zu lernen, so der Plan vor der Pandemie, und deshalb nach Olympia eine Woche in Japan dranhängen. Wegen Corona wurde daraus nichts.

Selbst am letzten Tag, als die Wettkämpfe beendet waren, sollten die Offiziellen ihr Hotel nicht verlassen. Sich ins Getümmel zu stürzen, wäre Manz allerdings auch nicht eingefallen. Genauso wie an den Tagen vorher auch nicht. „Die Gefahr, sich anzustecken, ist immer da. Und ich möchte nicht noch länger da bleiben“, sagt Manz, der bei einem positiven Test in Quarantäne gemusst hätte. Außerdem habe er eine Verantwortung „insbesondere für mich und meine Familie“. Und für seine Sportart: Ein oder gar mehrere Coronafälle unter den 40 Kampfrichtern hätten den olympischen Zeitplan der Ringer empfindlich gestört.

35 Einsätze an acht Wettkampftagen

35 Mal war der Bönener an den acht Wettkampftagen im Ringen in der keine fünf Minuten Fußweg vom Hotel entfernten Halle im Einsatz, darunter war auch der Finalkampf im griechisch-römischen Stil in der Klasse bis 67 Kilogramm. Meist war er Mattenpräsident, der so eine Art Oberaufseher über das Geschehen ist, bei Challenges zurate gezogen wird und bei Verwarnungen das letzte Wort hat. Einmal, gleich am zweiten Tag, sei es strittig geworden, als in einem engen Kampf eine von Manz ausgesprochene Verwarnung für Diskussionen sorgte. „Aber wer durch so ein großes Turnier ohne Diskussion geht, war nicht dabei, sage ich immer. Das gehört auch dazu. Und wenn das alles auf einem fairen Level verarbeitet wird, ist das in Ordnung“, so der 57-Jährige, der schon bei den Olympischen Spielen in London 2012 und Rio de Janeiro 2016 sowie bei unzähligen Weltmeisterschaften und internationalen Turnieren im Einsatz war. „Danach lief aber alles reibungslos.“

Der Ringerverband, der sich vor einigen Jahren erfolgreich gegen das Internationale Olympische Komitee (IOC) gestemmt hatte, das die Sportart ab 2020 von den Spielen ausschließen wollte, zog diesmal eine positive Bilanz. „Es war alles ruhig. Wir hatten keine Skandale“, bilanziert Manz und sprach vom großen Lob des Verbandspräsidenten an die Kampfrichter. 2016 hatte das IOC noch kritisch beim Verband nachgefragt, als sich zwei mongolische Trainer in einem Medaillenkampf aus Protest gegen eine Entscheidung bis auf die Unterhose ausgezogen hatten.

Was nimmt Manz nun von Tokio 2020 mit? Die Spiele, die im Jahr 2021 unter strengen Hygienebedingungen oder erheblichen Kontaktbeschränkungen ausgetragen wurden, entsprachen ja so gar nicht dem olympischen Geist des Austausches der Menschen aus allen Ländern. Dem Bönener fallen als Erstes die zuvorkommenden Japaner ein. „Das ist ein superfreundliches Volk. Die leisten Hilfe auf allen Ebenen, egal wer. Wenn man ein Problem hat, wird man an die Hand genommen“, sagt Manz.

Paris 2024 bleibt ein Ziel

Darüber hinaus weist der Kampfrichter auf die drei Medaillen der deutschen Ringer hin, die die Sportart, die seit langem von anderen Nationen dominiert wird, zu einer der erfolgreicheren im Team D gemacht haben. „Drei Medaillen und dazu eine goldene, eine von nur zehn des ganzen Teams“, unterstreicht Manz: „Schade, dass unsere beiden Zugpferde (Aline Rotter-Focken und Frank Stäbler – Anm. d. Red.) aufhören.“

Ans Aufhören denkt der Bönener mit seinen 57 Jahren nicht. In Paris 2024 dürfte er vom Alter her noch dabei sein. Und dann gibt es ja jemanden, der irgendwann in seine Fußstapfen treten könnte. Sohn Marvin hat im Frühsommer seine internationale Kampfrichterlizenz erhalten. Der war am vergangenen Wochenende in Paris und beobachtete, wie die Kunstflugstaffel der französischen Luftwaffe, als am anderen Ende der Welt die olympische Fahne eingeholt wurde, symbolisch für die Übergabe der Spiele die Tricolore an den Himmel malte, während sein Vater in Tokio auf den Heimflug zu seiner Familie wartete.

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