Uwe Manz fliegt als Kampfrichter nach Tokio

Mit einem weinenden Auge zu den Olympischen Spielen

Nach London und Rio de Janeiro (oben) wird Uwe Manz zum dritten Mal an Olympischen Spielen teilnehmen.
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Nach London und Rio de Janeiro wird Uwe Manz zum dritten Mal an Olympischen Spielen teilnehmen.

Wenn am 28. Juli sein Flieger von Frankfurt nach Tokio abhebt, ist das für Uwe Manz auch eine Reise ins Ungewisse. Nicht weil der Bönener als Kampfrichter im Ringen beim größten Sportereignis der Welt mit über die Medaillen entscheidet, sondern weil diese Olympischen Spiele wegen der Corona-Pandemie so anders sein werden. „Alles ist auf ein Minimum reduziert. Eine Olympia-Stimmung kann gar nicht aufkommen“, sagt der 57-Jährige, der schon in London und Rio de Janeiro dabei war.

Bönen – Schon bei der Vorbereitung muss Manz einen höheren Aufwand als 2012 und 2016 betreiben. Verpflichtend muss er sich zwei Apps herunterladen und darin alles eintragen, was er in den 14 Tagen vor seinem Abflug macht. Zusätzlich muss er jeden Tag Fieber messen. In den letzten 96 Stunden vor der Reise ist dann sogar ein PCR-Test vorgeschrieben – und zwar nicht irgendeiner, sondern einer, den die japanischen Behörden akzeptieren. Die gibt es zum Beispiel am Düsseldorfer und Frankfurter Flughafen. „Vielleicht fahre ich deshalb schon einen Tag eher nach Frankfurt. Man muss ja genau aufpassen, dass man die Tests rechtzeitig macht“, sagt Manz.

Die Strapazen nimmt der Kampfrichter-Obmann im Deutschen Ringer-Bund gerne in Kauf: „Aller guten Dinge sind drei. Ich freue mich schon, dass ich zu Olympia hinfahren kann. Das ist trotzdem das sportliche Highlight.“ Die Nominierung durch den Weltringerverband United World Wrestling (UWW) sei die Bestätigung für die Leistung der vergangenen fünf Jahre, meint Manz. Aus Deutschland ist neben dem Bönener nur noch Jeffrey Spiegel als Schiedsrichter im Einsatz, dazu fungiert Antonio Silvestri vor Ort als Kampfrichterchef.

Internationale Wettkämpfe in einer Blase

Obwohl Manz schon zweimal bei den Olympischen Spielen mit souveränen Auftritten überzeugte, musste er sich von Neuem beweisen. Der internationale Wettkampfterminplan war auch in diesem Jahr gut gefüllt. Anfang des Jahres war er in Nizza, im März bei der ersten Qualifikation der Sportler in Budapest, zwei Wochen später bei der Europameisterschaft in Warschau und wieder nur 14 Tage darauf bei der zweiten und letzten Quali in Sofia. Dort machte er auch endgültig seine Nominierung perfekt. „Die Top-Wettkämpfe haben alle in einer Blase stattgefunden“, erklärt Manz.

So wird es auch in Tokio sein. Manz und seine Kollegen sind in einem Hotel nur fünf Minuten von der Sporthalle entfernt untergebracht. Mehr wird der 57-Jährige nicht von der japanischen Hauptstadt sehen – und darauf achten die Veranstalter penibel. „Wir dürfen nicht mal joggen“, sagt Manz. Darüber hinaus habe er eine Einverständniserklärung unterschreiben müssen, damit seine Bewegungen über eine App nachverfolgt werden können.

Wie bei der EM in Warschau (unten) wird Uwe Manz bei den Olympischen Spielen in Tokio ein Visier tragen.

Abreise nur einen Tag nach den Wettkämpfen

Die Tage in Tokio sind durchgetaktet. Der 29./30. Juli dient der Akklimatisation sowie der Einkleidung mit den Olympia-Outfits. Am 31. Juli folgt die Einweisung, welche Wege die Kampfrichter in der Halle nehmen dürfen und welche nicht. Vom 1. August bis zum 7. August dauern die Wettkämpfe, tags darauf müssen alle Offiziellen wieder ausreisen. „Ich wollte eigentlich noch eine Woche verlängern“, trauert der Bönener der verpassten Gelegenheit nach. Obwohl er als international hoch angesehener Kampfrichter schon viele Länder gesehen hat, in Japan war er noch nie. „Umso mehr habe ich ein weinendes Auge, dass man keine Zeit bekommt, um Kultur und Landschaft kennenzulernen.“

An den Wettkampftagen werden vormittags die Vorrunden bestritten, jeweils tags darauf die Medaillen ausgerungen. Die Finals gehen bis in den späten Abend. Viel Freizeit bleibt da nicht. „Wir werden nur den sportlichen Aspekt abarbeiten“, bedauert der 57-Jährige. „Das olympische Feeling, was die Spiele ausmacht, Land und Leute kennenzulernen, geht nicht.“

Paris 2024? Theoretisch möglich ist es

Er trägt es mit Fassung: „Das ist halt so. Aber es ist immer noch besser, als die Spiele ganz absagen.“ Manz denkt dabei an die Sportler, die jahrelang auf die Olympischen Spiele hintrainiert haben, für die sich mit der Teilnahme ein Lebenstraum erfüllt. Er erinnert an die Boykotte der Spiele 1980 und 1984. „Wie haben sich die Athleten da gefühlt. Das ist eine Katastrophe für die gewesen.“

Auch wenn er sich seinen dritten Olympia-Einsatz anders vorgestellt hat, Manz wird mit Hingabe seine Aufgaben erledigen. Ob er noch ein viertes Mal Olympia erleben wird, daran denkt er noch nicht. Theoretisch möglich ist es jedenfalls. Die Altersgrenze für Kampfrichter liegt bei 60 Jahren, das würde für den Bönener mit Paris 2024 perfekt passen. Viel hinge aber davon ab, was der Verband bis dahin plant. Weitermachen will der 57-Jährige allerdings auf jeden Fall.

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