Jochen Heringhaus

Die Stimme des Laufsports hat die Moderatoren-Karriere beendet

Über 20 Jahre lang moderierte Jochen Heringhaus die Laufveranstaltungen in Flierich und Bönen.
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Über 20 Jahre lang moderierte Jochen Heringhaus die Laufveranstaltungen in Flierich und Bönen.

Über 20 Jahre lang moderierte Jochen Heringhaus die Laufveranstaltungen in Flierich und Bönen. Jetzt ist Schluss.

Bönen - „Es ist nach wie vor der Lauf der Lauffreunde Bönen, nicht der erste nach Jochen Heringhaus“, stellt der Genannte gleich klar. Ohne die ehrenamtlichen Helfer würde weder die Veranstaltung am Förderturm noch der Berlin-Marathon funktionieren, begründet der Moderator von insgesamt 3081 Laufveranstaltungen in ganz Deutschland. 

Aber auch, wenn der Wahlpfälzer aus Flörsheim-Dahlheim (im Kreis Alzey-Worms) die „Promirolle“ ablehnt, mit seinen launigen Kommentaren und der unglaublichen Kenntnis der Vita vieler Aktiver stand er am Veranstaltungstag beim Bönener Volkslauf ebenfalls stets im Mittelpunkt: erst bei dem Vorgänger-Wettbewerb „Rund um Flierich“, dann beim Umzug zum Turm und auch bei seinem letzten Auftritt im Januar 2019. Im vergangnen Jahr erklärte er dann seinen Rückzug.

Die Anfänge bei „Rund um Flierich“ hat Heringhaus nur spärlich in Erinnerung. „Zwischen 88 und 92 hatte ich so einen Doppeldeckerbus“, sagt er, „mit dem war ich auch an der Ermelingschule, meine ich.“ Im Bus war der gebürtige Schwelmer seitdem immer unterwegs. Das Markenzeichen brachte ihm den Spitznamen „Vanman“ ein. „Jochen war 1996 zum ersten Mal in Bönen“, korrigiert Lauffreunde-Chronist Jürgen Korvin, der sich jüngst beim Silvesterlauf von Werl nach Soest persönlich vom Stammgast verabschiedete. Mit dem Jubiläumslauf im Sommer 2010 käme Heringhaus zu immerhin 25 Einsätzen in Flierich und Bönen.

Seit 1988 quer durch die Republik

1985 stieg der gelernte Industriekaufmann bei einem Sportschuhhändler in dessen erster Berliner Filiale ein. „Da war ich noch aktiver Läufer und Heimleiter für Schulklassen, die Berlin besuchten.“ Ein Jahr später wechselte Heringhaus in den Südwesten, arbeitete in einer Mainzer Filiale. „Ich kam ja nicht aus dem Handel, mein Chef meinte, ich müsste Verkaufen noch lernen“, erklärt der 63-Jährige den Impuls zu seiner Moderatorenlaufbahn. Gemeinsam wurde das Format der Vorort-Werbung entwickelt. Seit 1988 tingelte Heringhaus durch die Republik. „Bis auf 1993, da war Pause, weil mein Arbeitgeber meinte, Fernsehwerbung machen zu müssen, und ich war bei jeder Neueröffnung einer Filiale dabei.“

Ob Tschechiens Lauflegende Emil Zatopek, in dessen handsigniertem Trikot er 1984 seinen ersten Marathon lief, dem er später als Starter persönlich begegnete, oder Ironman Sebastian Kienle. Heringhaus erlebte bis zu seinem letzten Lauf, dem Frankfurt-Marathon 2019, einige Höhepunkten an den Strecken. Vom Lauf in Flierich blieb zumindest eine „Kuriosität“ hängen. „Da war einmal ein 80-plus-Läufer, der so einen Rückstand hatte, also keinen Blickkontakt zu den anderen, dass er sich verlaufen hat. Das Rote Kreuz fuhr dann hinter ihm her.“ Helfer und Läufer seien beide erst Stunden später ins Ziel gekommen. „Aber gesund. Ich hab ja auch einige erlebt, die tot umgefallen sind.“

Aktiv bleibt Rentner Heringhaus nach eindrucksvollen 48 Berufsjahren weiterhin. „Ich laufe durch die Weinberge, werde versuchen, in einem notenfreien Kurs mein Saxofonspiel zu verbessern.“ Er habe sich schon beim einzigen örtlichen Sportverein vorgestellt, um mit seiner administrativen Erfahrung zu helfen.

Neuerdings mit dem Lastenrad unterwegs

Auch den ehrenamtlichen Ortsbürgermeister von Flörsheim-Dahlheim will er unterstützen. Das hat mit seiner ehemaligen Profession wenig zu tun. Wie auch ein weiteres Anliegen des 63-Jährigen. „Das Bündnis für Vielfalt und Toleranz hat die Ausstellung ‘70 Jahre Grundgesetz’ nach Bad Dürkheim geholt, und die suchen so genannte Reiseleiter. Also Leute, die die Schulklassen durch die Ausstellung begleiten.“ Heringhaus findet es wichtig, in der heutigen Zeit die Bedeutung der Verfassung zu unterstreichen. Und sich dort zu engagieren, wo er seit gut 20 Jahren lebt. Die 600 000 Kilometer mit dem Auto aus der Zeit als Streckensprecher sind also passé. „Ich mache hier fast alle Fahrten seit einem Vierteljahr mit einem Lastenrad“, erklärt Heringhaus.

Kritisch sieht der Westfale einige Entwicklungen der Laufszene. Zum einen sei die steigende Anzahl ostafrikanischer Läufer, die von Managern eingeflogen werden, nahe am „Menschenhandel.“ Andererseits hätte sich die Szene professionalisiert. „Es läuft doch keiner von einer Stammtischwette ausgehend.“ Viel Geld würde zudem für den „Technik-Zirkus“, Herzfrequenzmessung ausgegeben. Ein Trainer meinte einmal treffend zu Heringhaus. „Haste schon mal eine Ergebnisliste mit Puls gesehen.“

Zum fünften Lauf am Turm wird Heringhaus nicht kommen, auch wenn er auf Einladung von Veranstalter Ingo Schaffranka gleich nebenan in Werl noch den Silvesterlauf 2019 startete. „Ich kann jedem in die Augen schauen, habe die Vereine angeschrieben, dass ich nicht mehr zur Verfügung stehen werde. Der Vorlauf, sich um jemand anderen zu kümmern, war lang genug. Es wird so kein Ranking geben nach dem Motto schönster oder liebster Lauf.“

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