Beim BVB einen Traum erfüllt

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Der BVB-Anzug gehört zur Arbeitskleidung von Sercan Engin (rechts). So wie in diesem Derby seiner E-Jugend bei Schalke 04 mit seinem Cheftrainer Yakub Göksu.

BÖNEN -  Wenigstens dreimal in der Woche fährt Sercan Engin zu dem zweitschönsten Arbeitsplatz, den sich der Bönener vorstellen kann. Dann biegt er auf den Parkplatz des Trainingsgelände von Borussia Dortmund ein und zieht seine Sportsachen an. Nur der Signal-Iduna-Park, die Spielstätte des Bundesligisten, wäre für den Fußballer und BVB-Fan wohl ein noch reizvollerer Ort. Dennoch: „Für mich ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen“, sagt der 24-Jährige mit strahlenden Augen.

Seit dem November vergangenen Jahres gehört der schwarz-gelbe Anzug zu seiner Arbeitskluft. Damals begann der Student ein Praktikum beim BVB. Sechs Wochen sah das Studium vor, Engin wollte erhielt gleich ein halbjähriges Engagement bei der U 12 des Profi-Klubs. Der Bönener war glücklich, doch es sollte noch besser kommen. Nach drei Monaten, in denen Engin komplett in die Übungspläne integriert war, wurde eine Stelle als Co-Trainer der U 10 frei. Engin sagte sofort zu und tourt nun mit dem Borussia-Nachwuchs durch halb Europa.

„Als Fußballer hat man das Ziel das Wappen seines Vereins zu tragen“, sagt Engin, für den der Traum indirekt als Coach in Erfüllung gegangen ist: „Lars Ricken ist mein Vorgesetzter. Das habe ich erst nicht ganz realisiert“, beschreibt er das erste Treffen mit der BVB-Legende.

Für den Bönener ist das nicht nur ein Zwischenspiel, das sich schön auf dem Lebensweg macht. Er möchte tatsächlich als Fußball-Lehrer arbeiten. Dafür hat er auch seine eigenen aktive Laufbahn, die in der Jugend der SpVg Bönen startete, mehr oder weniger aufgegeben. Vor Studiumbeginn wechselte er zu Roland Beckum, einem damals ambitionierten Bezirksligisten, der mittlerweile in der Oberliga spielt, entschloss sich aber nach dem Abitur am Marie-Curie-Gymnasium in Köln „Sport und Leistung“ zu studieren und das Kicken in den Hintergrund zu stellen. Zwischendurch machte er den C-Lizenz-Trainerschein, den er Ende des Jahres mit der B-Lizenz aufwerten möchte. Dazu kommen Weiterbildungen im Fitness- und Athletikbereich sowie ein Personal-Trainer-Schein. „Ich möchte mich gerne im Bereich Fußball selbstständig machen“, erklärt Engin seine Lebensplanung, bei der er momentan an der Bachelor-Arbeit sitzt.

Daneben steht aber der BVB an erster Stelle. Und der Umgang mit dem Nachwuchs eines Profiklubs unterscheidet sich gewaltig von der bei einem kleinen Verein wie der SpVg. „Es ist schon etwas anderes, wenn man mit zwölf Hochbegabten zusammenarbeitet. Die haben eine Siegermentalität“, sagt Engin über seine E-Jugend. „Die können Fußballspielen und wollen weit kommen. Die Jungs haben ein Riesentalent. Da muss man immer gucken, dass man sie fordert.“

Am allerwichtigsten sei jedoch, dass alle das richtige Benehmen lernen – auf und neben dem Platz. In dem Alter, in dem Engins Schützlinge sind, holt der BVB die Spieler aus einem Umkreis von etwa 20 bis 30 Kilometern. Voraussetzung ist, dass die schulischen Leistungen stimmen und auch nicht abfallen. Dann müssen die Kinder lernen, was es heißt, das schwarz-gelbe Trikot anzuhaben. Schließlich präsentieren sie den Verein . „Man ist Lehrer und Kumpelfigur für das Kind“, sag Engin Im Gegenzug sind die Zehnjährigen schon erstaunlich selbstständig. „Bei Turnieren kennen alle das Warmmachprogramm. Da können wir uns ein bisschen zurückziehen.“ Engin setzt in den Einheiten den Spaß am Fußball in den Vordergrund. „Wir versuchen den Leistungsdruck so gering wie möglich zu halten. Die machen sich schon selber genügend Druck.“

Über Erfolge freut sich der Bönener aber dennoch. So wurde sein Team jüngst Revier-Cup-Meister – einer Nachwuchsrunde mit den verschiedenen Jugend-Mannschaften der Bundesliga-Klubs. Auch bei Turnieren in Deutschland oder Europa kommt Engins Truppe oft weit. Manchmal fährt er mit seinem Team für vier Tage nach Frankreich und England. Für den Bönener selber ist das immer noch eine beeindruckende Welt. „Wenn du Samstag bei einem Spiel in Leverkusen oder einem Turnier mit dem AC Mailand und Juventus Turin bist, das ist dann schon was anderes als bei der SpVg. Das relativiert sich nach und nach, braucht aber auch seine Zeit, bis man da angekommen ist.“

Engin lobt beim BVB das Familiäre. In Brackel trainiert die U 9 bis zur U 23 auf einem Teil der Anlage. „Da muss jeder jedem die Hand beim Begrüßen. So kriegt man schnell einen guten Draht zu den Leuten und fühlt sich wohl und wertschätzig.“ Manchmal schauen auch die ebenfalls dort, aber abgeschottet übenden Profis vorbei. „So Nuri Sahin und Kevin Großkreutz lassen sich zum Beispiel schon mal blicken“, sagt Engin.

Ein Höhepunkt sind nicht nur für die Kinder die Stadionbesuche. Wenn seine Jungs ein-, zweimal pro Saison mit den Profis auflaufen, sitzt der Bönener neben der Trainerbank, um sie in Empfang zu nehmen: „Da habe ich schon ein schönes Foto als Erinnerung gemacht.“ Außerdem trägt er bei seinen wenigen Spielen für die SpVg ganz besondere Schuhe. Von seinem ersten Trainer beim BVB, Gary Gordon, bekam er die alten Pöhler von Mario Götze geschenkt. „Der Schriftzug war noch eingestickt“, sagt Engin begeistert. Und es half sogar: „Die Schuhe habe ich dann bei der SpVg im Hinspiel gegen Uentrop das erste Mal getragen und prompt ein Traumtor zum 1:1 geschossen.“ - bob

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