Schachsaison wird in den Sommerferien zu Ende gespielt

Zwischen Aufstieg und Unfug: Die Saison des SV Bönen dauert 685 Tage

Von der Saisonfortsetzung nach so einer langen Pause hält Fabian Schlottmann nicht viel. Die Chance auf den Aufstieg möchte der Mannschaftsführer des SV 49 Bönen aber trotzdem wahrnehmen.
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Von der Saisonfortsetzung nach so einer langen Pause hält Fabian Schlottmann nicht viel. Die Chance auf den Aufstieg möchte der Mannschaftsführer des SV 49 Bönen aber trotzdem wahrnehmen.

Fast zwei Jahre nach ihrem Start fallen in den Ligen im Schachbund NRW die Entscheidungen über Auf- und Abstieg. Im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten hatten die Funktionäre des altehrwürdigen Brettspiels die Meisterschaft weder im ersten noch im zweiten Corona-Lockdowns abgebrochen. Jetzt soll ausgerechnet in den Sommerferien, wenn einige Mannschaften auf urlaubende Spieler verzichten müssen, das Saisonende herbeigeführt werden. „Aus sportlicher Sicht ist das kompletter Unfug“, sagt Fabian Schlottmann, Mannschaftsführer des SV Bönen in der Verbandsklasse.

Bönen – 16 Monate haben die Schachspieler keine Trainingseinheiten in ihren Räumen abhalten können. „Wenn überhaupt online“, hat Schlottmann trainiert und gespielt. Mehrmals wurden die Spieltage während der Pandemie verschoben, neu angesetzt und wieder abgesagt. Der Restart der Meisterschaft folgte dann Anfang Juli recht abrupt. Einige Spieler hatten vorher keine Gelegenheit gehabt, die Figuren wenigstens einmal übers Brett zu führen. Immerhin war den Vereinen freigestellt, ob sie spielen wollen. Die sonst obligatorische Strafe für Nicht-Antritt wurde gestrichen.

Es geht für die Mannschaften allerdings um etwas. In der Verbandsklasse 3, in der auch die Bönener antreten, benötigen alle noch Punkte – entweder für den Auf- oder gegen den Abstieg. Das Beispiel des SV 49 verdeutlicht das: Sie lagen vor der Unterbrechung auf Rang zwei, wären sie aber bei allen drei Spielen nicht angetreten, hätte das den Abstieg bedeutet. Im Gegenzug ist auch Platz eins weiter drin. Es wäre wohl der längste Anlauf für eine Meisterschaft in einer Liga in der Geschichte.

Saisonstart war im September 2019

Zur Erinnerung: Erster Spieltag in der Verbandsklasse war am 22. September 2019. Es folgten wie üblich in ungefähr vier Wochen Abstand fünf weitere Partien. Die letzte am 1. März 2020. Dann kam das Virus – und auch für die Schachspieler ging nichts mehr. Nach und nach brachen die meisten anderen Sportverbände ab, der Schachverband allerdings nicht. „Der Verband hat letztes Mal so entschieden. Heute würde er sicherlich nicht nochmal so entscheiden“, sagt Schlottmann. Es habe auch nie eine Mehrheit für einen Abbruch mit oder ohne Wertung gegeben, erzählt er. „Jetzt müssen wir uns eben durchwursteln“, sagt Bönens Nummer eins.

Durchwursteln trifft es ganz gut. Bei der ersten Partie nach 16 Monaten Pause traten nur drei Stammspieler des SV 49 an. Der Rest war verhindert oder wollte unter den gegebenen Bedingungen nicht zur Spielstätte der SG Höntrop fahren. Normalerweise wird acht gegen acht gespielt. Ersatzleute aus der Zweiten und Lars Poggenberg aus der Dritten halfen aus. „Für uns ging es um den Aufstieg, aber es hatte etwas von einem Freundschaftskampf“, meint Schlottmann. Denn auch der Gegner war ersatzgeschwächt. Allen fehlten die Wettkampfpraxis und die Routine, trotz der Möglichkeit sich online vorzubereiten. Am Ende siegte Bönen recht souverän mit 5:3.

Wettkampf-Atmospäre kommt nicht auf

„Das war aber noch keine Wettkampf-Atmosphäre. Die ist, glaube ich, auch bei den anderen nicht aufgekommen“, sagt Schlotmann: „Von der technischen Seite ist es aber gut gelaufen.“ Die Corona-Bedingungen konnten problemlos eingehalten werden, es herrschte Testpflicht, Maske-Tragen war am Brett jedoch nicht nötig.

Dass einige seiner Teamkollegen lieber verzichteten, kann Schlottmann nachvollziehen, auch wenn für ihn letztlich alles in Ordnung war. „Einige hatten gesundheitliche Bedenken, weil sie zum Beispiel noch nicht vollständig geimpft waren. Manche waren auch mit der Gesamtsituation unzufrieden“, erklärt der Bönener, der mittlerweile in Tübingen wohnt.

Ein Spiel fällt komplett aus

Längst nicht alle Partien in der Verbandsklasse wurden ausgetragen. So profitierten Tabellenführer SG Mengede und der Dritte SC Gerthe-Werne davon, dass ihre Gegner im Vorfeld absagten und sie die Punkte kampflos erhielten. Das Spiel Wacker Bergeborbeck gegen Schwarze Dame Osterfeld fand gar nicht statt, weil beide Teams sich abgemeldet hatten. Bei einer nur zehn Mannschaften großen Liga verkommt das Ganze zu einer Farce.

Schlottmann bleibt allerdings hochmotiviert, möchte den direkten Wiederaufstieg, wenn auch erst zwei Jahre später, gerne feiern. Die entscheidende Partie dafür findet am kommenden Sonntag statt, wenn der SV 49 bei den gleichauf liegenden Mengedern spielt, Gerthe-Werne liegt nur knapp zurück. Das Saisonende ist für den 8. August in der Altentagesstätte gegen den Hervest-Dorstener SK vorgesehen – nur 685 Tage nach dem Saisonstart...

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