Bönener bei den Olympischen Spielen

Kampfrichter Uwe Manz bucht in Sofia das Ticket nach Tokio

Chef auf der Ringer-Matte wird Uwe Manz auch bei den Spielen in Tokio sein.
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Chef auf der Ringer-Matte wird Uwe Manz auch bei den Spielen in Tokio sein.

Uwe Manz fährt nach Tokio. Der Bönener Kampfrichter qualifizierte sich mit seiner Performance auf und neben der Matte beim weltweiten Qualifikationsturnier im bulgarischen Sofia vom 6. bis zum 9. Mai für die Olympischen Spiele.

Bönen – Für Manz ist es die dritte Teilnahme an den Weltspielen nach denen in London 2012 und Rio de Janeiro 2016. Um 14 Uhr trudelte die E-Mail mit der Einladung in Japans Hauptstadt bei Manz ein. Zehn Tage brauchte die Kommission um den deutschen Kampfrichterreferenten des Weltringerverbandes Antonio Silvestri, um die Entscheidung zu treffen, welche 50 Referees für Japan qualifiziert sind. Aus Deutschland wird neben Manz und Silvestri auch Nachwuchsmann Jeffrey Spiegel mit nach Tokio fliegen.

„Ich war froh, wieder dabei sein zu dürfen.“ Sicher sei das keinesfalls gewesen. „Ich habe mich nämlich gewundert, als ich die Liste gesehen habe, welche Leute nicht mitfahren werden. Einige von denen hätte ich normal dabei gesehen“, atmet der Bönener erleichtert durch. Lange Wettkampfpause, wenig internationale Entscheidungen – da käme man schon einmal „aus dem flow“, meint Manz. „Man muss mental stark sein in dieser Zeit.“

40 Einsätze beim Qualifikationsturnier

Sofia bedeuteten für ihn etwa 40 Einsätze insgesamt. Dreimal saß Manz als Mattenpräsident am Tisch. „Wie viele Finals ich gepfiffen habe, weiß ich nicht mehr. Das Finale war bei diesem Turnier sowieso eher uninteressant, da sich beide Halbfinalisten der jeweiligen Gewichtsklassen für Olympia qualifiziert haben. Da ging es dann eher hoch her“, blickte Manz zurück.

Natürlich stand auch die Olympia-Qualifikation in der bulgarischen Hauptstadt unter dem Eindruck der Pandemie. „Dadurch geriet einiges durcheinander. Die Kampfrichter aus Kirgistan und Taiwan waren zum Beispiel nicht dabei“, erzählt Manz. Pech. Die Kampfrichter mussten sich alle qualifizieren, für die Ringer waren nur die jeweils letzten zwölf Plätze pro Stilart und Geschlecht zu vergeben. „Wir mussten unsere Leistung bestätigen, gegebenenfalls noch verbessern. Die Kampfrichterkommission um Silvestri hat eine große Datenbank angelegt für jeden einzelnen Kandidaten. Da wurde die Korrektheit der Entscheidungen festgehalten, wie oft das Kampfgericht in den Challenges richtig lag.“ Diese Challenges ruft der Trainer des Ringers auf, wenn er mit einer Entscheidung der Richter nicht einverstanden ist. Die strittige Szene wird dann am Bildschirm beurteilt. „Nein, mit dem Videobeweis in der Fußballbundesliga lässt sich das nicht vergleichen. Das System ist sehr viel besser, wurde schon 2011/12 eingeführt und ständig verbessert.“

Kameras helfen Punkt- und Mattenrichtern

Drei Kameras mit Zoomfunktion haben das Geschehen auf der Matte zusätzlich zu Kampf- und Punktrichter sowie dem Mattenpräsidenten im Blick. „Wir sind alle Menschen, können also Fehler machen. Wenn ein solcher dann über die Olympia-Qualifikation entscheidet, ist das für den betroffenen Ringer schlimm“, erklärt Manz. „Ringen ist ein schneller Sport. Wir sind froh über diese Möglichkeit der Überprüfung.“ Er selbst musste in Sofia sechs Mal vor den Bildschirm, lag mit seinem Urteil vier Mal richtig. Diese Quote zugunsten der Kampfrichter sei auch der Schnitt.

Während dieses System im Sinne der Gerechtigkeit seit der Olympiade in London etabliert ist, erlebte Manz in der bulgarischen Metropole auch eine Weltpremiere: „Entscheidungen des Kampfgerichts wurden direkt in der Halle erklärt. Auch ohne Publikum ist das sinnvoll, immerhin saßen ja die Mannschaftskollegen auf der Tribüne. Die konnten das Urteil nachvollziehen und blieben ruhig.“

„Es soll ja nicht der Kampfrichter und seine Entscheidungen im Mittelpunkt des Sports stehen, sondern der Ringer“, betont Manz. Kampfrichter werden zudem dem Geschehen und der Kameralinse des Fernsehens entzogen. „Wir sitzen in einem separaten Bereich, möglichst weit weg vom Geschehen“, erlebte Manz jetzt in Sofia. Das werde auch in Tokio so sein. Man erfahre zudem erst drei, vier Kämpfe vorher, wo man pfeifen wird. „Früher lagen acht dazwischen.“

Hygienevorschriften in Tokio sehr streng

Die Kritik im Land an den Olympischen Spielen kann der Bönener nachvollziehen. „Obwohl wir den Japanern ja ein bisschen Angst nehmen können – wir sind oder werden alle geimpft im Team. Die Hygnienevorschriften sind streng. Wir bleiben wohl auch ausschließlich im Hotel und im Stadion. Tokio besichtigen ist tabu. Ich hoffe, dass ich wenigstens joggen darf“, sagt Manz. Ausländische Zuschauer sind generell nicht zugelassen.

„Es ist schon vollkommen anders als in London und Rio. Die Begegnung mit den Menschen vor Ort fehlt, wir hatten nach den Spielen vor, noch ein wenig das Land kennen zu lernen – gecancelt. Wenn ich das erste Mal nominiert gewesen wäre, würde ich auf diese Erfahrung verzichten wollen“, erklärt Manz, „so sehe ich es als Aufgabe.“ Die Teilnahme an der Abschlussfeier – die Ringerwettbewerbe laufen in der zweiten Hälfte der Spiele – hat der Verband aus Kostengründen gestrichen. „Wir sind ab dem 28. Juli vor Ort, fliegen am Tag der Schlussfeier, dem 8. August, zurück. Hotelkosten in Japan sind extrem hoch, die Nacht Verlängerung hätte entsprechend gekostet. Und auf Abstand mit Maske mehrere Stunden im Stadion zu sitzen ist wenig attraktiv.“

Ob Tokio seine letzten Olympischen Spiele sein werden? „Ich habe bis zum Erreichen der Altersgrenze noch drei Jahre, bewerben werde ich mich wohl noch einmal. Ich fühle mich auch noch fit“, sagt der Bönener. Trotzdem sieht er eine solche Altersgrenze als vernünftig an. Sonst hätten die jungen Kampfrichter weniger Chancen, auf solche Turniere zu kommen, würden vielleicht die Motivation verlieren, dabei zu bleiben. „Es ist ein langer Weg zu Olympia“, erklärt er. „Ich habe meine internationale Lizenz 1992 gemacht, hab also 20 Jahre gebraucht, zu den Olympischen Spielen zu kommen.“

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