Leichtathletik

Vom Kaltstart zum Marathon: Lauffreund Jürgen Korvin blickt auf seine Laufbahn zurück

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Beim Marathon 1988 in Duisburg: Jürgen Korvin (links) und Herbert Jochim stellen sich frohen Mutes der Herausforderung.

Ein Name, der seit Jahrzehnten ganz eng mit den Lauffreunden Bönen verbunden ist, ist der von Jürgen Korvin. Ein Gründungsmitglied ist der 71-jährige nicht – auch wenn es durch seine Omnipräsenz als Lauf- und Pressewart sowie als Chronist des Bönener Vereins so scheint.

Bönen – Das eigentliche Gründungsjahr der Lauffreunde, 1985, ist dennoch direkt mit ihm verbunden. Schließlich war es das Startjahr des Läufers. Korvin wurde zunächst Mitglied des Lauftreffs des TV Deutsche Treue Wiescherhöfen.

„Vorher war ich sportlich inaktiv, für Ballsportarten hatte ich kein Talent, außer vielleicht ein klein wenig für Tischtennis, für technische Disziplinen reichte es auch nicht“, gibt Korvin zu. „Aber ich musste etwas tun, um als Schreibtischtäter nicht zu verfetten“, erklärt der ehemalige EDV-Fachmann der Kreisverwaltung Unna.

Dass Korvin ein Mann der Zahlen und langjähriger Chronist der Lauffreunde ist, zeigt sein Erinnerungsvermögen. Der erste Wettkampf: Der Allerheiligenlauf von TuS Heessen und LAZ Hamm am 5. November 1986. 10 Kilometer in 52:27 Minuten. „Damit lag ich im Teilnehmerfeld fast ganz hinten.“ Die 50 Minuten unterbot Korvin ein Jahr später bei gleicher Distanz in Fröndenberg (48:44 Min.). „Unter 40 Minuten hab ich nicht geschafft.“

1993 bei der Hammer Serie verpasste Korvin die Schallmauer mit 40:05 Minuten allerdings knapp. In dem Jahr wurde er Mitglied der Lauffreunde. „Die Bönener liefen damals Richtung Wiescherhöfen, wir Richtung Bönen“, beschreibt Korvin das Kennenlernen.

Korvin räumt Mode-Fauxpas ein

Eins springt dem Pensionär beim Durchschauen der alten Fotoalben besonders ins Auge. Der Trainingsanzug aus Baumwolle wurde zum Wechsel des Jahrzehnts getauscht gegen einen aus Ballonseide. „Es war halt die Zeit“, schmunzelt Korvin über den modischen Fauxpas der 90er Jahre. Und er erinnert an klobige Laufuhren mit Zeigern, ohne GPS und Zwischenzeitenspeicher.

Über seinen langjährigen Trainingspartner vom Lauftreff Wiescherhöfen, den verstorbenen Herbert Jochim, kam Korvin zur Königsdisziplin der Ausdauersportler. „Herbert trainierte 1988 für den Marathon in Duisburg. Ich hatte gar nicht den Plan dort mitzulaufen. Ich dachte für mich kommt das zu früh, bis ich festgestellt habe, dass unser Pensum ähnlich war“, erklärt der Unnaer. Zur Sicherheit ließ Korvin sich die Startfähigkeit vom Hausarzt bescheinigen und lief nach 3:40,43 Stunden ins Ziel.

Jochim begleitete den gebürtigen Wiescherhöfener noch viele Jahre auf Wettkämpfen und im Training. Obwohl die beiden grundverschieden gewesen seien: „Er mochte ACDC, ich die Beatles und Pink Floyd und erst recht sakrale Musik.“ Auf den insgesamt 68 000 Kilometern begegneten Korvin viele Menschen und Anekdoten. Ein Sinnspruch, der Korvins sportliche Geschichte auf den Punkt bringt ist: „Jeder Kilometer war auf seine Weise schön“. Der ist recht frisch. „Lauffreundin Barbara Baur hat vor nicht allzu langer Zeit ihre Erfahrungen bei ihrem ersten Marathon am Essener Baldeneysee so zusammengefasst.“

Das Jahr der Bestleistungen

Das Eintrittsjahr Korvins bei den Lauffreunden 1993 war auch das Jahr der Bestleistungen: Neben der über 10 km (40:05 Min.) notierte der Unnaer 1:01,48 Stunden über 15 km und eine Halbmarathonbestzeit von 1:29,37 Stunden – alle gelaufen bei der Hammer Serie. „Es heißt ja, dass die Addition dieser Zeiten einer realistischen Marathonzeit nahekommt. Bei mir passt das mit 3:11,30 Stunden tatsächlich.“ Seinen schnellsten Marathon in dem Jahr lief Korvin nämlich acht Monate später in 3:12,48 Stunden am Essener Baldeneysee, seinen schnellsten überhaupt zwei Jahre später am selben Ort (3:07,41 Stunden).

„An dieser Stelle sei mir eine Einordnung meiner Marathonbestzeit erlaubt. Es gab damals jemanden in Deutschland, der alle greifbaren Marathonergebnislisten auswertete und die Jahresbestzeiten aller deutschen Marathonläuferinnen und -läufer darstellte. Ich lag im Jahre 1995 so ungefähr auf Platz 8 000 von 50 000 Frauen und Männern.“

Für 25 Jahre Treue erhielt Jürgen Korvin (Mitte) von den Lauffreunden Bönen 2018 eine Ehrung.

Statistik betreibt Korvin nicht nur für die Lauffreunde, in diesem Falle in der Betrachtung des Berlin-Marathon mit angezweifelter Zuschauerzahl von einer Million an der Strecke: „Ein Marathon ist 42 192 m lang. Platz für Zuschauer ist auf zwei Seiten. Das ergibt 84 384 m. Also hätten auf jedem Meter rechts und links gerundet 12 Menschen stehen müssen. Da passt etwas nicht.“ Korvin mag eine solche Massenveranstaltung nicht, schätzt die kleineren Lanndschaftsläufe in Steinfurt oder eben Essen.

Teilnahme bei über 300 Läufen

323 Wettkämpfe hat Korvin mitgemacht: 132 mal 10 km-Läufe, 47 mal 15 km-Läufe, sechs mal 20 km-Läufe, 62 mal Halbmarathon, sechs mal 25 km-Läufe, sieben mal 30 km-Läufe und 23 Marathons. „Hinzu kommt ein Lauf über 40,6 km, der ein Marathon hätte sein sollen, und drei Starts bei einem Lauf mit 43,1 km, der als „Marathon“ ausgeschrieben war. Mein längster Lauf ging über 66,5 km. Der Rest sind krumme bis ganz krumme Distanzen. Einen 5 km-Wettkampf bin ich übrigens nie gelaufen. Das war nicht meine Strecke. Da musste ja alles fürchterlich schnell gehen. Wen wundert es dann, wenn ich feststelle, dass mir Tempotraining auch nie lag.“

Von Karl-Heinz Brock übernahm Jürgen Korvin nach der Jahrtausendwende den Posten des Laufwarts. „Eine Stellenbeschreibung gab es dafür nicht. Eine meine Aufgaben war es, die Aktiven der Lauffreunde zu diversen Wettkämpfen anzumelden. Dafür hatte ich sogar ein eigenes Budget. Und ich hatte Statistik zu führen über die Ergebnisse, die die Lauffreunde bei diesen Wettkämpfen erreichten“, erzählt er

 Alles kein Problem. Aber die Statistik wurde im Anschluss an die Mitgliederversammlung vom Laufwart vorgetragen. „Das war für mich zunächst eine große Herausforderung. Frei reden? Auf meinen ersten Jahresrückblick versuchte ich mich penibel vorzubereiten. Aber der Sprechzettel wurde schnell zur Seite gelegt und es galt das gesprochene Wort.“

Vom Statistiker zum Pressewart

Den Schritt vom „Statistiker“ zum Pressewart und wenig später zum Webmaster sei nahezu zwangsläufig gewesen, erinnert sich Korvin an die Ausweitung seiner Funktionen: „Zu Anfang lief die Pressearbeit noch analog ab. Ich ging zur Sportredaktion des Westfälischen Anzeigers und holte mir Filmmaterial ab, das ich dann nach dem jeweiligen Laufwochenende mehr oder weniger gut belichtet zur Entwicklung wieder abgab, zusammen mit dem, was es zu berichten gab.“

Die Zeiten sind passé. Die Kommunikation mit der Presse geschieht genauso wie die Organisation des Laufs „Rund um Flierich“ und dessen Nachfolger „Lauf am Turm“ elektronisch, die Zeiterfassung vollautomatisch per Chip. Korvin ist auch nicht mehr der Mann, der alle Fäden in der Hand hält. „Peter Bollwig kümmert sich inzwischen um die Anmeldung der Lauffreunde bei den Läufen, mit den sozialen Medien kennen sich Thorsten Buchholz und Jan-Philipp Struck besser aus“, sagt er.

Der 71-Jährige will sich weiter zurückziehen, ließ sich von der „Präsenzpflicht“ beim nächsten Lauf am Förderturm im Januar 2021 entbinden. „Vielleicht stehe ich ja noch als Streckenposten am Wendepunkt kurz vor der Derner Straße in Kamen-Heeren zur Verfügung, abhängig vom Wetter.“

Die Pressearbeit, Statistik und Jahresrückblick macht Korvin weiter. „Und alles, was ich für Lauffreunde am PC von daheim erledigen kann.“

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