50 Jahre Frauenfußball:

Für jedes Tor ein Ei vom Sponsor- Erinnerungen an Anfänge in Nordbögge 

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Ein Mannschaftsfoto aus den Anfängen des Nordbögger Frauenfußballs.

Viele Vereine kamen in den Anfangsjahren des Frauenfußballs vom Dorf. Wie die des VfK Nordbögge, die sich Ende der 1970er Jahre aus einer Mädchenmannschaft entwickelte und mit der Landesliga die damals höchste Amateurklasse erreichte. 

Bönen – Die Spitzenmannschaften im Frauenfußball hießen Anfang der 1980er Jahre des letzten Jahrhunderts nicht FC Bayern München oder Borussia Dortmund. Bergisch Gladbach als Serienmeister oder Bad Neuenahr stehen in den Annalen, und zu den Gründungsmitgliedern der zweigleisigen Frauen-Bundesliga 1990 gehörte unter anderen der SC Klinge Seckach. 

Es sei eine tolle Zeit gewesen, sind sich Christine Link (geb. Meiritz), Jutta Busch (geb. Blümke) und Anke Orlinski (geb. Krahn) einig. „Auch wenn wir damals nicht alle eng befreundet waren, haben wir uns respektiert, viel neben dem Platz gemacht“, erinnert sich die Bönenerin Anke Orlinski. „Wir haben oft zusammen bei Klaus Welak im Garten gesessen und gefeiert.“ Welak war der Trainer und legendär. „Er und seine Frau Margret. Das war für viele von uns eine zweite Familie“, blickt Link, die heute in Fulda lebt, zurück. 

Ihr kommt das gemeinsame „Eier essen“ in den Sinn. Für jedes Tor gab es ein Ei vom Sponsor. „Und als Prämie für den Sieg gab es Medaillen und Blumensträuße“, ergänzt Orlinski. „Die Welaks haben sich richtig um uns gekümmert.“  

„Ich habe in meiner ersten Saison über 100 Tore geschossen“, erzählt die heute 54-Jährige. „Wir hatten aber einige, die damals Tore geschossen haben, Bettina Nickel oder Silke Desar zum Beispiel.“ Link hatte den Schalker Klaus Fischer zum Vorbild, probte im Training ohne Ende Fallrückzieher. „Acht von uns spielten damals in der Westfalenauswahl“, erinnert sich Linksaußen Link. Sie kam als Mädchen zum VfK. 

Obwohl Vater Heinz Meiritz Jugendtrainer beim VfL Altenbögge war und Link selbst dort aktiv in der Jugendarbeit – mit der Ambition, dort selber Fußball zu spielen. „Der Vorstand hatte versprochen, wenn ich genügend zusammenkriege, machen sie eine Mädchenmannschaft auf. Und ich hatte 16 Mädchen von der Straße, die alle mit Jungs kickten. Und ich hab sie dem Vorstand präsentiert. Die haben gelacht, ich fühlte mich nicht ernst genommen.“ Nordbögge hatte schon Mädchenfußball. „Wir haben dann den Kader des VfK richtig aufgefüllt. Nordbögge ist eine Herzensangelegenheit von mir.“

 Die drei Frauen haben als Straßenfußballerinnen angefangen. „Ich hatte, auch als wir noch in Hamm gewohnt haben, immer Interesse am Fußball oder auch Handball. Ich war für jeden Männersport zu haben. Meine Mutter wollte das aber nicht. Das sei ja kein Mädchensport“, sagt Busch. Nach dem Umzug nach Nordbögge entschied die heute 55-Jährige: „Ich gehe da jetzt hin, zum VfK. Es war der einzige Verein mit Mädchen- oder Frauenfußball.“ 

Mutter Regina leistete schließlich die nötige Unterschrift für die Minderjährige, der Hausarzt gab nach der obligatorischen Untersuchung das Okay. Fatal, wie Busch heute weiß. Nach zwei Jahren war das Knie hinüber, Kreuzband und Knorpel. „Mit Alustollen auf dem Aschenplatz.“ Das sei Gift gewesen. Die Frauenmannschaft trainierte zweimal in der Woche an der Feuerwache, im Winter zusätzlich einmal in der Halle. Immerhin schaffte sie in ihrer ersten Saison den Aufstieg in die Bezirksliga. „Ich hab aber nur ein Tor geschossen“, gibt sich die Rechtaußen bescheiden. 

Tore schießen war auch nicht die Sache von Orlinski. „Als Mädchen habe ich alle Positionen gespielt“, erzählt sie. Ihre Schwester Simone zog als erste das Trikot des Vereins über. Anja, die jüngere, kam später auch dazu. Die Frauen waren hart im Nehmen. „Wenn wir mal einen Ball abgekriegt haben und zu Boden gingen, sind wir wieder aufgestanden, haben nicht gleich geheult. Ich habe auch gerne auf Asche gespielt, da konnte man viel besser grätschen als auf Kunstrasen. Bei unserem Spiel der ersten Frauenmannschaft gegen die aktuelle Mannschaft der Nordbögger beim Treffen 2010 habe ich mich gleich verletzt.“ Die Frauen seien damals ganz anders gewesen. „Viele haben sich auch nicht geschminkt, es war ihnen egal. Mir nicht, ich hatte auch lange Fingernägel.“ 

Orlinski hörte 1989 ein erstes Mal wegen der Schwangerschaft mit dem ersten Sohn auf. „Ich hab noch bis zum vierten Monat gespielt“, erklärt sie ihre Passion. Vielleicht ein Omen: Sohn Pascal Krahn spielte später für Wattenscheid und Duisburg in der U19-Bundesliga. Es waren besondere, spannende Zeiten beim VfK Nordbögge. „Die Herren haben uns gerne zugeschaut“, sagt Link. „Wir waren das Aushängeschild des Vereins, hatten auch viele Zuschauer.“

 Die Frauen haben viele nette Geschichten behalten, ob es nun die durch eine Torwette gegen Co-Trainer Fritz Borgschulze, einen Handballtorwart, gewonnene Kiste Bier für Jutta Busch war. Oder die gemeinsamen Fahrten im Bulli von Jupp Desar, dem Vater der „Roten Zora“, zu Auswärtsspielen. Oder aber die Pokalbegegnung mit dem TSV Siegen, dem mehrfachen Deutschen Meister in den 80/90er Jahren. „Das war wohl unser größtes Spiel“ erinnert sich Link an die Mannschaft der späteren Nationaltrainerin Silvia Neid. 

Die Zeit der Dorfvereine ist vorbei. Inzwischen haben viele Vereine aus der Männer-Bundesliga eine hoch spielende Frauenmannschaft. Die großen Traditionsklubs aus dem Revier, Borussia Dortmund und Schalke 04, hinken der Entwicklung dabei weit hinterher. Immerhin gründeten sie im Jahr des Goldjubiläums im Frauenfußball Mannschaften. Die treten in der Saison 20/21 zunächst in der Kreisliga an – wie heute auch der VfK Nordbögge.

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