Rennrollstuhl

Für 20 Sekunden nach Berlin

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Rennrollstuhlfahrer Denis Schmitz steht in den Startlöchern für die Para-EM in Berlin.

Bönen - Die gerade zu Ende gegangene Europameisterschaft der Leichtathleten in Berlin wird Denis Schmitz genau verfolgt haben. Nicht nur, weil er ein Sportfan ist, sondern auch, weil er am Donnerstag selbst in die Hauptstadt reist, wo es für den Rennrollstuhlfahrer der RGS Bönen in der kommenden Woche ebenfalls um EM-Medaillen geht.

Die kontinentalen Wettkämpfe der Para-Leichtathleten werden allerdings vom 20. bis 26. August nicht im Olympiastadion ausgetragen, sondern im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark im Ortsteil Prenzlauer Berg. Für Schmitz kein Problem, er hofft auf viele Zuschauer und kennt die Bahn in dem Stadion für bis zu 19 000 Leute immerhin, weil er dort unter anderem in diesem Jahr schon Rennen bestritten hat.

Um 19.04 Uhr wird sein 100-m-Lauf am Montag gestartet. In seiner Schadensklasse T33 gibt es nur zwei Konkurrenten aus England. Der Weltverband hatte im Frühjahr neue Kriterien festgelegt, wodurch einige von Schmitz früheren Konkurrenten in höhere Klassen eingestuft wurden. Je großer dabei die Zahl ist, desto geringer ist die Behinderung. Die vom RGS-Athleten ist ziemlich komplex. Er hat eine Spastik, die vor allem die Beine, aber auch die Arme betrifft, und eine geistige Beeinträchtigung. Seine Schadensklasse ist nur klein besetzt – auf Topniveau erst recht. Ein weiteres Rennen bestreitet Schmitz nicht, obwohl er sich auch über die 200- und 400-m-Distanzen wohlfühlt.

Obwohl es nur drei Starter gibt, hat Schmitz eine Medaille keineswegs sicher – nur die beiden Schnellsten erhalten Edelmetall. Dem 26-Jährigen ist dies im Vorfeld jedoch nicht so wichtig. „Ich will meine Leistung zeigen und schnell sein“, geht es ihm vor allem um einen guten Wettkampf. Die Bahn im Jahnstadion ist allerdings vergleichbar langsam, Bestzeiten sind eher unwahrscheinlich.

Neuer deutscher Rekord

Eine neue deutsche Rekordmarke stellte Schmitz dafür unlängst in Arbon auf. Auf der Schweizer Seite des Bodensees war er nach 19,59 Sekunden im Ziel, zwei Zehntel schneller als je zuvor. Vermutlich hat sich da das Trainingslager Mitte Juli ausgezahlt, dass der Deutsche Behindertensportverband für die Rennrollstuhlfahrer in Nottwill (ebenfalls Schweiz) abhielt. Der Bönener feilte zuletzt vor allem an seinem Start, arbeitete aber auch im Kraft- und Ausdauerbereich.

In den vergangenen Wochen fuhr er jeden Tag aus seinem Wohnort ins Herderstadion nach Unna aufgrund der hohen Temperaturen zuletzt meist in aller Früh. Seit Schmitz 2016 recht überraschend für die Paralympischen Spiele in Rio de Janeiro nominiert und dort Sechster wurde, hat ihn der Ehrgeiz richtig gepackt. „Es macht mir einfach Spaß. Die Geschwindigkeit ist toll“, erklärt der 26-Jährige, der vorher verschiedene Sportarten ausprobiert hat. Es wurmte ihn, dass er im Vorjahr die WM in London verpasste, weil er die Norm nicht schaffte. Auch in dieser Saison war die Zeit, die der DSB vorgab, zu hart für den Bönener. Deutlich unter 19 Sekunden hätte er bleiben müssen. Der Weltverband setzte dagegen eine Marke von über 20 Sekunden. Deshalb hieß es für Familie Schmitz – Vater Rüdiger und Mutter Andrea sind gleichzeitig Trainer – lange Zittern, bis klar war, dass der Filius in Berlin antreten darf. „Eine Europameisterschaft ist ganz was anderes. Da kommen so viele Sportler“, sagt Denis Schmitz. „Und im eigenen Land ist das eine schöne Sache“, ergänzt die Mutter. Da der RGS-Rennrollstuhlfahrer gleich am ersten Wettkampftag an der Reihe ist, wird überlegt, die Eröffnungsfeier auszulassen, die kurz zuvor stattfindet. Dafür ist dann danach genügend Zeit. „Wir werden uns die anderen Sportler anschauen und, wenn es sich ergibt, auch die Stadt angucken“, sagt Andrea Schmitz.

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