Paralympics

Harter Kampf um das Ticket für Tokio

Training auf dem Rollstand. Denis Schmitz lässt derzeit keine Möglichkeit  zum Training aus.
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Training auf dem Rollstand. Denis Schmitz lässt derzeit keine Möglichkeit zum Training aus.

Denis Schmitz vom Reha- und Gesundheitssportverein Bönen kämpft derzeit um ein Ticket für die Paralympics, die am 24. August in der japanischen Hauptstadt Tokio beginnen sollen. Der Weg dahin ist aber schwer.

Bönen – Ab und an, wenn das Wetter es zulässt, ist Denis Schmitz mit Mutter Andrea auf den Feldwegen rund um Lünern unterwegs. Er im Rennrollstuhl, sie auf Inlinern. Eine echte Wettkampfvorbereitung sind diese Ausflüge genauso wenig wie das Training Zuhause auf dem Rollstand oder an der Rudermaschine. Dabei steht das Ziel Tokio immer noch auf der Agenda des Leistungssportlers des Reha- und Gesundheitssportvereins Bönen. Die Paralympics sollen am 24. August in der japanischen Hauptstadt beginnen.

Letzter Wettkampf im August

„So kann man schon etwas machen“, sagt Vater und Heimtrainer Rüdiger Schmitz. Aber den Wettkampf könne das Trockentraining nicht ersetzen. Gegner hatte Denis Schmitz zuletzt im August 2020 bei den Schweizer Meisterschaften in Nottwil. „Davor waren wir noch anderthalb Wochen im Trainingslager in Kienbaum“, erzählt der Vater von einem wenig ereignisreichen Sportjahr. In Nottwil wurde Denis Schmitz mit einer Zeit von 20,03 Sekunden Dritter in seiner Klasse T33 über 100 Meter.

Es folgte für Denis Schmitz noch ein einwöchiger Lehrgang in Bonn. „Da war meine Frau Andrea mit. Ein sehr erfolgreicher Lehrgang“, beurteilt Rüdiger Schmitz das Ergebnis. Der Blocktrainer für Rennrollstuhl im Deutschen Behinderten Sportverband, Alois Gmeiner, feilte mit Denis Schmitz an dessen Sitzposition auf der Sprintstrecke.

Anschließend ging es auch für den Unnaer virtuell weiter. Zum einen gemeinsam mit dem Team „Go for Tokio“ in einem Spendenmarathon über 24 Stunden. „Sie haben 700 Euro zusammengefahren“, erzählt Rüdiger Schmitz. Andererseits verabredeten sich die Nationalfahrer zu gemeinsamen Rennen über unterschiedliche Distanzen vor dem Bildschirm. Anschließend wurden die Zeiten verglichen. „Das diente der Motivation, war hilfreich.“ Solange es noch ging, nutzte Denis Schmitz auch Sportplätze. „Wir haben uns mit den Schulklassen abgesprochen, dass wir nach denen auf den Platz gehen.“

Alle Veranstaltungen abgesagt

Danach war Feierabend: Lehrgänge, Trainingslager – alles wurde abgesagt. Dieses Jahr fängt genauso an. Der Grand Prix in Dubai Anfang Februar wurde gestrichen. „Da wären wir, da Denis zur Risikogruppe gehört, aber sowieso nicht hingefahren“, sagt Rüdiger Schmitz.

Mental hätte sein Sohn keine Probleme mit der Trainingssituation in der Pandemie. „Er kommt eher nicht mit der Gefahr klar, die von dieser Corona-Geschichte ausgeht“, sagt der Vater. „Er ist zurückhaltend, um zu sagen, ich will da und da jetzt hin, egal was passiert. Er ist da eher vernünftig, hält auch die Regeln und Vorgaben strikt ein. Er ist sehr vorsichtig. Es belastet ihn eher, keine Leute zu sehen, als auf irgendwelche Wettkämpfe verzichten zu müssen. Er hat ja so viele soziale Kontakte, die im Augenblick eben eingeschränkt sind.“ Wie Rüdiger Schmitz, der in der Pharmabranche arbeitet, ist auch Denis Schmitz momentan im Homeoffice. „Das haben wir durchgesetzt, dass Denis momentan nicht in die Werkstatt Unna geht, weil uns das zu heikel ist. Wir holen die Materialien ab und Denis arbeitet Zuhause.“

Der sportliche Plan für dieses Jahr steht bei Schmitz trotz der Unwägbarkeit bisher fest. Das April-Trainingslager auf Lanzarote wurde ins olympische und paralympische Trainingslager nach Kienbaum östlich von Berlin verlegt. Im Mai fährt Denis Schmitz mit dem Vater in die Schweiz. „Drei Wettkämpfe, einmal der Grand Prix in Nottwil, dann fahren wir zum Daniela-Jutzeler-Meeting und den Schweizer Meisterschaften, das heißt Weltklasse am See, nach Arbon.“

Utopische Zeit gefordert

Zwei Wochen später sind die Europameisterschaften in Polen eingeplant. „Da hat er signalisiert bekommen, dass er dort hinfahren soll“, erklärt Rüdiger Schmitz. Nicht unbedingt, um Bestzeiten zu fahren für die Qualifikation. Vielleicht ginge es darum, weitere Slots, Startplätze für die Paralympics, für das Deutsche Team zu holen. Der Rennrollstuhlfahrer holte 2019 bei der WM in Dubai schon einen Slot. „Das heißt aber nicht, dass er persönlich schon für Tokio qualifiziert ist, auch wenn er über die Weltranglistenplatzierung einen weiteren Slot holen sollte, aber die Chancen bestehen noch“, sagt Rüdiger Schmitz. Aber es werde schwer. Man habe aktuell überhaupt keine Vergleichsmöglichkeiten im Wettkampf. „Denis muss eine für ihn momentan utopische Zeit fahren – 18,28 Sekunden“, erklärt der Vater. Das ist über eine Sekunde schneller als Denis Schmitz Bestzeit mit 19,41 Sekunden über 100 Meter.

Die Zeiten für die Qualifikation richten sich nach der Weltrangliste des Vorjahres. Das heißt, der Unnaer muss 90 Prozent der Zeit des Drittplatzierten erreichen. „2019 fanden Wettkämpfe in Arbon statt, das ist die schnellste Bahn überhaupt. Die Teilnehmer haben persönliche Bestzeiten gefahren, an die sie nirgendwo sonst heranfahren können – man fährt dann diesen Bestzeiten ständig hinterher, wenn man dort teilnimmt.“

Denis Schmitz nutzt diese Bahn in der Schweiz im Mai. „Aber er hat Trainingsrückstand, obwohl er ja die ganze Zeit etwas macht“, zweifelt Schmitz an einer Bestzeit seines Sohnes. „Aber alles was geht, setzen wir um“, sagt Schmitz, „um seine Chance zu wahren.“

Keine Gedanken an das Karriereende

Auch wenn Denis Schmitz die Norm für Tokio nicht schaffen sollte und dieses Jahr 30 Jahre alt wird. An ein Ende der Karriere denke der Rennrollstuhlfahrer nicht. „Es sind wesentlich ältere dabei, die international fahren“, weiß Rüdiger Schmitz. „Die Frage ist, ob er das dann noch will, ob wir das dann noch wollen. Wir haben uns jetzt erst einmal die Paralympics als Ziel gesetzt.“

Ende des verfluchten Jahres 2020 tauchte Denis Schmitz übrigens ganz oben in der Weltrangliste auf. Aufgrund des dritten Platzes in Nottvil. „Weltweit wurden nach den Schweizer Meisterschaften ja keine Rennen mehr gefahren, außer in Japan“, erklärt der Vater den schönen, aber täuschenden Eindruck. „Die Engländer, die Kuwaiter sind ja alle nicht gefahren.“

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