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Deutschland sollte sich in Afrika nach Gas umsehen, nicht in Russland

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Von: Foreign Policy

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Nigerianische Arbeiter der Akon Oil Company gehen an einer lodernden Flamme an einer Öl-Leitung im Niger-Delta in der Nähe von Port Harcourt vorbei (Archivfoto von 2006). © picture alliance / dpa | epa Str

Um Moskaus brutale Kriege nicht länger zu finanzieren, sollte Berlin den afrikanischen Ländern beim Ausbau ihres Energiesektors helfen.

Berlin - Nachdem die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich russische Energieexporte verboten haben und die Europäische Union angekündigt hat, die russischen Gasimporte bis Ende des Jahres um zwei Drittel zu reduzieren, wird im Westen eindringlich darüber diskutiert, wie die russischen Energielieferungen ersetzt werden können. Der wichtigste Punkt ist russisches Gas, von dem Deutschland und andere Teile Europas abhängig sind. Von Washington bis Berlin haben Politiker angekündigt, die Wind- und Solarenergie zu verdoppeln.

Wind- und Solarenergie können nur Teil des russischen Gases ersetzen

Die Erzeugung erneuerbarer Energien wird zwar Teil einer langfristigen Lösung sein, aber die Vorstellung, dass russisches Öl und Gas hierdurch schnell und in großem Umfang ersetzt werden können, ist bestenfalls unaufrichtig – und schlimmstenfalls katastrophal für die westlichen Volkswirtschaften und Verbraucher. Die Gründe dafür sollten allen außer denjenigen, die von Energie nicht die geringste Ahnung haben, klar sein: Wind- und Solarenergie können einen Teil des russischen Gases ersetzen, das zur Stromerzeugung verwendet wird – allerdings nur, wenn der Wind weht und die Sonne scheint, was erhebliche Reservekapazitäten erfordert, die größtenteils mit Erdgas betrieben werden.

Darüber hinaus ist Strom nur ein Teil der Energiegleichung: Der größte Teil des russischen Erdöls und Erdgases wird nicht in Kraftwerken verbraucht, sondern zum Heizen von Häusern, zum Betreiben von Fabriken und zum Betanken von Autos, Lastwagen, Flugzeugen und Schiffen – nichts davon kann einfach auf andere Brennstoffe umgestellt werden. Wenn die westlichen Länder nicht wollen, dass ihre Wirtschaft zum Erliegen kommt, müssen Öl und Gas, die bisher aus Russland geliefert wurden, anderswoher bezogen werden.

Europa benötigt kurzfristig weiterhin fossile Brennstoffe - aber nicht aus Russland

Europa wird daher auf absehbare Zeit eine umfangreiche und zuverlässige Versorgung mit nicht-russischen fossilen Brennstoffen benötigen. Und jede ernsthafte Debatte über Energiesicherheit muss sich sehr schnell auf die Frage konzentrieren, woher die künftigen nicht-russischen Lieferungen kommen sollen. Für Europa – insbesondere für Deutschland und die anderen Länder, die am stärksten von russischen Lieferungen abhängen – besteht ein Teil der Antwort darin, dass Europa nicht mehr nach Osten, sondern nach Süden, nach Afrika, schauen muss.

Deutschland ist der Dreh- und Angelpunkt. In den letzten Jahrzehnten haben die verschiedenen Regierungen in Berlin eine Politik verfolgt, die darauf abzielte, die Abhängigkeit des Landes von russischem Öl und Gas zu maximieren, nicht zuletzt dadurch, dass alle verbliebenen Kernreaktoren bis auf zwei abgeschaltet wurden. Gas wird wahrscheinlich noch für Jahre – vielleicht sogar Jahrzehnte – eine wichtige Energiequelle für Deutschland bleiben. Auf sie entfallen 25 Prozent des gesamten Primärenergieverbrauchs des Landes, und die Einfuhren machen 97 Prozent der Versorgung aus. Russland ist die wichtigste Bezugsquelle, gefolgt von den Niederlanden und Norwegen. (Deutschland verfügt selbst über beträchtliche Erdgasvorräte, die durch Fracking erschlossen werden könnten, doch hat Berlin diese Technologie verboten.) Wenn Deutschland aus der russischen Energie aussteigt, ist nicht klar, wie die Deutschen ihre Häuser heizen und ihre Fabriken mit Strom versorgen werden.

Europa hat sich mit seiner Energiepolitik selbst in die Enge getrieben

Erdgas ist billig und zuverlässig, verbrennt doppelt so sauber wie Kohle und ist in vielen Sektoren – nicht nur bei der Stromerzeugung – ein wichtiger Rohstoff. In Deutschland wurden im Jahr 2020 44 Prozent des Gases für das Heizen von Gebäuden verwendet, während 28 Prozent auf industrielle Prozesse entfielen. Gas ist das beste und billigste Ausgangsmaterial für die Herstellung von synthetischem Stickstoffdünger, für den Deutschland ein wichtiger Lieferant ist. (Russland und sein Verbündeter Weißrussland sind auch wichtige Düngemittelproduzenten.) Gas wird auch in der Raffinerie, bei der Herstellung von Chemikalien und in vielen anderen Industriebereichen eingesetzt. All dies ist schwer – wenn nicht gar unmöglich –, in absehbarer Zeit durch grüne Energie zu ersetzen.

Deutschland hat bereits angekündigt, den Einsatz von Kohle weiter zu erhöhen. Im Jahr 2021 hat Kohle die Windenergie als wichtigsten Energieträger für die Stromproduktion weltweit überholt. Ein Teil davon wird aus Braunkohle bestehen – dem schlimmstmöglichen fossilen Brennstoff, der schmutziger ist als herkömmliche Kohle und in riesigen Tagebauen abgebaut wird, die die deutschen Landschaften übersäen. Doch hat sich Deutschland mit seiner Energiepolitik – vor allem mit dem Ersatz der Atomkraft durch russisches Gas – selbst in die Enge getrieben und hat nicht viele Optionen. Die Europäische Kommission hat bereits Ländern, die russisches Gas durch Kohle ersetzen und dadurch höhere Emissionen verursachen, die Absolution erteilt.

Energiesicherheit für Europa? Afrika bietet beträchtliche Erdgasreserven

Deutschland muss sich auch über seine langfristige Energiezukunft im Klaren sein und dabei auch seine derzeitige Haltung zur kohlenstofffreien, nicht-russischen Kernenergie überdenken. Auch Deutschland wird auf absehbare Zeit erhebliche Mengen an Erdgas benötigen. Wenn es Berlin mit der Energiesicherheit ernst ist, sollte es sich in Afrika umsehen, das über eine beträchtliche Erdgasproduktion und -reserven verfügt sowie über neue Vorkommen, die gerade erschlossen werden. Algerien ist ein großer Gasproduzent mit beträchtlichen unerschlossenen Reserven und ist bereits durch mehrere Unterwasserpipelines mit Spanien verbunden. Deutschland und die EU arbeiten bereits an der Erweiterung der Pipelinekapazitäten zwischen Spanien und Frankreich, von wo aus mehr algerisches Gas nach Deutschland und in andere Länder fließen könnte. Die libyschen Gasfelder sind über eine Pipeline mit Italien verbunden. Sowohl in Algerien als auch in Libyen sollte Europa dringend dabei helfen, neue Felder zu erschließen und die Gasproduktion zu steigern. Bei den neuen Pipelines, die derzeit diskutiert werden, geht es vor allem um das Projekt der östlichen Mittelmeerpipeline, die Gas aus den israelischen Offshore-Gasfeldern nach Europa bringen soll.

Die größten afrikanischen Vorkommen liegen jedoch südlich der Sahara, darunter Nigeria, das etwa ein Drittel der Reserven des Kontinents besitzt, und Tansania. Der Senegal hat vor Kurzem große Offshore-Felder entdeckt. Nur ein sehr geringer Teil der afrikanischen Gasvorkommen wurde bisher erschlossen, weder für den heimischen Verbrauch noch für den Export.

Ölförderung in Nigeria Die im Bau befindliche Chevron-Ölanlage in Escravos, 56 Meilen von Warri entfernt in der ölreichen Nigerdeltaregion von Nigeria im Jahr 2010
Die im Bau befindliche Chevron-Ölanlage in Escravos, 56 Meilen von Warri entfernt in der ölreichen Nigerdeltaregion von Nigeria im Jahr 2010 (Archivbild). © picture alliance / dpa | George Esiri

Trans-Sahara-Pipeline könnte zwei Drittel der deutschen Importe aus Russland ersetzen

Deutschland sollte diese Chancen wahrnehmen. Die geplante Trans-Sahara-Pipeline soll Gas von Nigeria über Niger nach Algerien bringen – und dabei durch ein riesiges, unlenkbares Gebiet führen. Wenn das Projekt fertiggestellt ist, wird die neue Pipeline an die bestehenden Trans-Mediterranean-, Maghreb-Europa-, Medgaz- und Galsi-Pipelines angeschlossen, die Europa von Umschlagplätzen an der algerischen Mittelmeerküste versorgen. Die Trans-Sahara-Pipeline wäre mehr als 4.000 Kilometer lang und könnte bis zu 30 Milliarden Kubikmeter nigerianisches Gas pro Jahr nach Europa liefern – das entspricht etwa zwei Dritteln der deutschen Importe aus Russland im Jahr 2021.

Leider wird die Trans-Sahara-Pipeline für ihre Fertigstellung wahrscheinlich ein Jahrzehnt oder länger brauchen und viele Herausforderungen mit sich bringen, da sie durch Gebiete führt, die von Konflikten und Aufständen heimgesucht sind. Dennoch sollte das Projekt nicht verworfen werden, wenn Europa die Energiesicherheit ernst nimmt. Denn die derzeitigen Gaslieferanten werden die Lücke wahrscheinlich nicht ausfüllen können. Dies verdeutlichen auch die Äußerungen einer Gruppe gasfördernder Länder in der vergangenen Woche, die darauf hinwiesen, dass sie nicht in der Lage sein werden, russisches Gas in Europa zu ersetzen. Im Gegensatz dazu ist Nigeria bestrebt, einen Teil seiner 200 Billionen Kubikfuß großen Gasreserven zu exportieren. Der nigerianische Vizepräsident Yemi Osinbajo hat sich für die tragende Rolle von Erdgas ausgesprochen, sowohl als relativ sauberer Übergangskraftstoff als auch als Motor für die wirtschaftliche Entwicklung und Deviseneinnahmen in Nigeria und anderen afrikanischen Ländern.

Verschiffung von Flüssigerdgas: Schnelle Lösung für Berlin, doch Deutschland hat kein LNG-Importterminal

Ein schnellerer Weg für Deutschland, die afrikanischen Vorräte anzuzapfen, wäre die Verschiffung von Flüssigerdgas (LNG) von der westafrikanischen Küste. Leider hat Berlin im Rahmen seiner Politik, Deutschland von russischem Gas abhängig zu machen, was wiederum die Abhängigkeit Russlands von Deutschland erhöht, kein einziges LNG-Importterminal gebaut. (Letzte Woche kündigte Berlin an, endlich seine Politik zu ändern und eine LNG-Infrastruktur zu errichten.) Auch in Afrika könnten relativ schnell LNG-Verladehäfen gebaut werden.

Ein Beispiel ist das Feld Greater Tortue Ahmeyin, ein Offshore-Gasvorkommen an der Seegrenze zwischen Senegal und Mauretanien. In schwimmenden Verflüssigungsanlagen über dem Offshore-Gasfeld wird das Gas gefördert, verflüssigt, gelagert und an LNG-Tanker weitergeleitet, die es direkt in die Importländer verschiffen. Wenn das Feld im nächsten Jahr in Betrieb geht, werden Senegal und Mauretanien zu den größten Gasproduzenten Afrikas aufsteigen. Die anfängliche Förderung aus diesem Feld wird zwar gering sein, soll sich aber in einigen Jahren verdoppeln, und das Feld befindet sich in einem größeren Erdgasbecken mit wesentlich größeren Reserven. Auch anderswo in Afrika wird die Gasproduktion weiter ausgebaut, da in den nächsten Jahren Projekte in Tansania, Mosambik und anderen Ländern anlaufen.

Erdgas aus Afrika: Finanzstopp von Putins Krieg und gleichzeitig Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung in Afrika

Deutschland könnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Es könnte aufhören, die brutalen Kriege des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu finanzieren, und stattdessen Afrika bei seiner wirtschaftlichen Entwicklung und Integration unterstützen. Bislang war es Teil der epischen Energiemyopie Deutschlands zu glauben, dass die Entwicklung ohne den konventionellen Energiesektor möglich ist. In der Tat haben europäische Vertreter bei der Weltbank und anderen multilateralen Entwicklungsinstitutionen das Gegenteil getan – sie haben sich dafür eingesetzt, die Finanzierung von Erdgasprojekten in den Entwicklungsländern zu unterbinden. Ihr scheinheiliges Argument ist, dass die Entwicklungsländer sofort dekarbonisieren müssen, während sie selbst die Produktion von Kohle und anderen fossilen Brennstoffen hochfahren und ansonsten einen energieintensiven Lebensstil der reichen Welt genießen.

Dies ist umso absurder, wenn man bedenkt, dass die afrikanischen Länder südlich der Sahara derzeit nur 4 Prozent der weltweiten Kohlendioxidemissionen verursachen und noch jahrzehntelang energiearm bleiben werden – tatsächlich verbraucht die Durchschnittsperson in Ländern wie Ghana, Kenia und Nigeria pro Jahr weniger Energie als ein einziger amerikanischer Kühlschrank. Die Finanzierung der Erdgasentwicklung in Afrika wird nicht nur das dringend benötigte Wirtschaftswachstum ankurbeln, sondern auch den Bemühungen Europas um eine Diversifizierung weg von Russland zugute kommen.

Für Deutschland und das übrige Europa führt kein Weg mehr daran vorbei, deutlich mehr Gas aus Afrika zu beziehen und gleichzeitig den afrikanischen Ländern zu helfen, ihre eigenen Entwicklungsziele zu erreichen. Wenn überhaupt, dann ist es ein Lackmustest dafür, wie ernst es diesen Ländern in diesem neuen Zeitalter der Energieunsicherheit ist.

Von Vijaya Ramachandran 

Vijaya Ramachandran ist Direktorin für Energie und Entwicklung am Breakthrough Institute. Twitter: @vijramachandran

Dieser Artikel war zuerst am 11. März 2022 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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