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Ukraine-Krieg: Osteuropa-Expertin spricht über Putins „Vernichtungskrieg“– und ein geteiltes Deutschland

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Von: Anna-Katharina Ahnefeld

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Die Osteuropa-Korrespondentin blickt aus Polen im Ippen-Interview auf den Ukraine-Krieg und die Reaktion auf einen möglichen Angriff auf Nato-Gebiet.

Warschau – Mit Osteuropa-Korrespondentin Aleksandra Fedorska aus Polen blickt IPPEN.MEDIA auf den Ukraine-Krieg* und die Rolle der Nato. Wie will Wladimir Putin* ein zerstörtes Land regieren? Was passiert, wenn eine Rakete die Nato-Grenze passiert? Und was bedeutet eine Welt vor 1989 eigentlich für die Bundesrepublik?

Ippen-Interview mit Osteuropa-Korrespondentin Aleksandra Fedorska zum Ukraine-Krieg.
Ippen-Interview mit Osteuropa-Korrespondentin Aleksandra Fedorska zum Ukraine-Krieg. © Fotomontage: Michael Kappeler/Maximilian Litzka/dpa

Welche Forderungen und Erwartungen hat Polen angesichts des Ukraine-Kriegs an die Nato?

Polen ist NATO-Mitglied und ein nicht gerade unwichtiges. Hier an der Ostflanke der NATO ist Polen das größte Land und das Zentrum einer ganzen Region. Die Erwartungen sind die Erwartungen eines jeden Mitglieds: Dass man, wenn man angegriffen wird, vom ganzen Bündnis verteidigt wird. Jetzt reist US-Präsident nach Polen und damit an die Ostflanke der NATO. Die Besucher von US-Präsidenten werden in Polen sehnlichst erwartet, sie sind wichtig. Jeder US-amerikanische Präsident hat Polen besucht, natürlich auch wegen der Bedeutung für die gesamte Region. Das ist ein Kommunikations-Knotenpunkt für alle Anliegen, die in der Osteuropa-Region wichtig sind.

Er kommt hierher natürlich auch, um Polen in dieser besonderen Situation einen Besuch abzustatten. Es gibt hier über zwei Millionen Menschen aus der Ukraine. Es grenzt an einen Ausnahmezustand, was im Moment stattfindet. Mit seinem Besuch unterstützt Biden die Kriegsflüchtlinge. Was er speziell in Polen möchte, ist, glaube ich, viel zu reden, viel zu diskutieren mit Vertretern Polens, aber auch mit Vertretern einer ganzen Region.

Putin zerstört Städte, Infrastruktur, Industrie in der Ukraine und das in Gebieten, die er als Einflussgebiet haben will: Wie will er ein zerstörtes Land regieren?

Das frage ich mich auch. Wie regiert man ein Land, das ausgeblutet ist? Aus dem Menschen geflüchtet sind, in dem man vor Ruinen steht? Wenn man vorher Städte ausgehungert hat? Putin beschießt Krankenhäuser, er beschießt mit Absicht Schulen. Das was wir hier in Polen von geflüchteten Frauen und Kindern hören, ist einfach fürchterlich. Aber wir haben in der Vergangenheit gesehen, wozu das Regime unter Putin fähig ist. Wir haben den zweiten Tschetschenienkrieg erlebt. Grozny war eine vollständig zerstörte Stadt. Das heißt, es gibt Entscheidungen im Kreml, die nicht nachvollziehbar sind, die einem unmöglich erscheinen. Ich weiß nicht, wie er sich das vorstellt.

Und wenn eine Rakete die Nato-Grenze zu Polen passieren würde?

Oh, ein sehr drastisches Szenario natürlich. Da Polen Teil der NATO ist, ist das ein Angriff auf den Bündnis-Pakt. Es wird dann Artikel 5 gelten: das Bündnis verteidigt jeden Angegriffenen. Und dann, denke ich, dass dann eine militärische Auseinandersetzung eintreten wird. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Für uns, für die Zivilbevölkerung, nehme ich an, dass wir, wie die Ukraine heute, westwärts ziehen werden. Die Menschen, die aus der Ukraine gekommen sind, sowie Polen. Wir würden Richtung Deutschland ziehen, genauso, wie die Ukrainer westwärts, also nach Polen gezogen sind.

Hat die polnische Bevölkerung Angst vor so einem Szenario?

In den ersten Tagen nach der Invasion war die Angst größer. Momentan ist es so, dass man eigentlich gar nicht den Raum für die eigene Angst hat, weil man die Trauer und die Angst der Menschen aus der Ukraine auffängt. Aktuell geht es sehr viel darum, den Alltag von über zwei Millionen Menschen zu bewältigen. Ich schildere vielleicht mal ganz kurz eine Szene von heute morgen: Ich traf einen Freund vor meinem Haus und fragte ihn, wieso er so früh unterwegs ist und er sagte mir, dass er nachts Menschen am Bahnhof betreut hat. Es gehen Menschen zum Hauptbahnhof, um Menschen willkommen zu heißen, um sie zu betreuen, um ihnen Essen zu geben, um ihnen die ersten Informationen zukommen zu lassen.

Informationen sind zu diesem Zeitpunkt sehr wichtig. Wie komme ich weiter? Wo ist der nächste Arzt? Wo werde ich verpflegt? Und das machen ganz normale Menschen. Das macht eine ganze Stadt beziehungsweise im Moment macht es ein ganzes Land. Sich um sich selbst zu kümmern, um seine Ängste, die natürlich da sind, haben wir momentan gar nicht so viel Raum.

Wie regiert man ein Land, das ausgeblutet ist? Aus dem Menschen geflüchtet sind, in dem man vor Ruinen steht? Wenn man vorher Städte ausgehungert hat? 

Aleksandra Fedorska, Osteuropa-Korrespondentin in Polen

Hinsichtlich Desinformation: Wie groß schätzt du dieses Problem aktuell im Ukraine-Krieg ein?

Das Problem ist bestimmt da. Es wird wahrscheinlich noch größer, da es eine ganze Fülle von Informationen gibt. Ein ganzes Meer von schnellen Informationen, die man gar nicht überprüfen kann. Vor etwa zwei Wochen gab es erste Anzeichen, dass es verstärkt Desinformation gibt, um an Sammelpunkten – es gibt ja bestimmte Städte, wo Züge aus der Ukraine ankommen, wo Busse ankommen – bewusst eine Stimmung, eine Angst-Stimmung hervorzurufen. Man hat aber sehr gut reagiert, weil sehr schnell klar wurde, wie man darauf reagieren sollte.

Wir Journalisten hier vor Ort, meine Arbeitskollegen von anderen Redaktionen und auch die, die frei arbeiten, bemühen uns um Aufklärung. Das gilt ganz besonders für Facebook natürlich und auch für Twitter. Und zwar, dass man, wenn man da so eine Nachricht bekommt oder etwas liest, es bitte mindestens zweimal überprüft. Und man sich emotional nicht so stark darauf einlassen sollte, weil das wollen diese Nachrichten ja.

Alexandra, zum Abschluss: Wenn Putin eine Welt wie vor 1989 herbeiführen möchte, was bedeutet das dann für Deutschland?

Eine Welt vor ‚89 ist eine Welt des Kalten Krieges, eine geteilte Welt. Polen, aber auch Ostdeutschland, gehörten damals zum Warschauer Pakt, waren also nicht Teil des Westens, nicht Teil der freien Welt. Das wäre tragisch für Europa. Alles das, was wir geschaffen haben, auch die Wiedervereinigung Deutschlands, würde zur Disposition stehen, weil es Ereignisse sind, die nach ‚89 stattgefunden haben.

Allerdings möchte ich vielleicht gar nicht so weit vorausgreifen. Der militärische Erfolg gelingt Russland bei aller Grausamkeit nicht wirklich. Die Front scheint sich zumindest soweit zu halten. Das heißt, Russland bringt nicht die militärische Stärke auf, die es für einen Sieg gegen einen NATO-Staat brauchen würde. Momentan, das sind auch die Aussagen der Experten, könnte es die russische Armee nicht mit einem NATO-Staat aufnehmen. Dafür fehlt ihr einfach das Potenzial. Aber, und das möchte ich betonen, wenn man länger wartet, ein Jahr, eineinhalb Jahre, wird Russland aus diesen Erfahrungen lernen. Wir wissen dann nicht, was die Zukunft bringt, ob Putin versuchen wird, westwärts weitere Staaten anzugreifen.

Dieser Krieg ist von Russland nicht optimal vorbereitet worden. Das gilt für das Strukturelle, um die Anzahl der Waffen, aber vor allem, und das wundert besonders die osteuropäischen Experten sehr, dass Russland nicht bereits vor eineinhalb Jahren genügend Soldaten in die Armee eingezogen hat. Die Armee ist eigentlich nicht mit ausreichend Personal ausgestattet, um ein Land wie die Ukraine zu erobern und vor allem um es zu halten. Wieso Putin das nicht getan hat? Wahrscheinlich sind die Gründe dafür in der inner-russischen Politik zu sehen. Er hat sehr viel riskiert und rein militärisch wirkt das jetzt schwach. Er versucht es mit Grausamkeit, mit Aushungern, mit einem Vernichtungskrieg. Aber den Sieg über die Ukraine wird ihm das wahrscheinlich nicht ebnen. Daher, wenn wir uns als NATO bedroht fühlen, ist es nicht ein Szenario für dieses Jahr oder für nächstes Jahr. Das ist etwas, was uns womöglich in der Zukunft droht.

(aka) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Osteuropa-Expertin im Interview: Korrespondentin Aleksandra Fedorska spricht über Russlands Präsident Wladimir Putin, die dramatische Grenz-Situation und europäische Einigkeit.

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