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Letzte Asowstahl-Zivilisten berichten vom Grauen im Werk

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Von: Lukas Zigo

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Zehn Wochen lang suchten Zivilisten im Asowstahl-Werk in Mariupol Schutz vor russischen Angriffen. Nun sind die letzten Zivilisten evakuiert worden.

Mariupol – Mit einer Größe von elf Quadratkilometern ist das im Osten von Mariupol gelegene Stahlwerk Asowstahl eines der größten Stahlwerke Europas. Neben der Größe bieten vor allem die ausgedehnten Tunnelanlagen unter dem Werk Schutz vor Raketen-, Artillerie- und Luftangriffen. Daher hatten einige hundert Zivilisten nach dem Einmarsch Russlands dort Schutz gesucht.

Ukraine-Krieg - Saporischschja
Menschen, die aus Mariupol geflohen sind, warten nach ihrer Ankunft in einem Aufnahmezentrum für Vertriebene auf die Abfertigung. © Francisco Seco/dpa

Nach zwei Monaten der Belagerung konnten die letzten Zivilisten nun aus dem Stahlwerkskomplex gerettet werden. Sie erreichten am späten Sonntagabend ukrainisch kontrolliertes Gebiet. Der Konvoi kam nach Einbruch der Dunkelheit in der südöstlichen Stadt Saporischschja an. Mehr als zwei Tage dauerte die etwas mehr als 200 Kilometer lange Fahrt. Der Buskonvoi wurde stundenlang an russischen Kontrollpunkten angehalten und die müden Insassen wurden verhört.

Asow-Überlebende: „Nicht geglaubt, dass wir es lebend herausschaffen würden“

Natalia hat ihr ganzes Erwachsenenleben lang im Asowstahl-Werk gearbeitet und die vergangenen zwei Monate in dessen Bunkernetz Zuflucht gesucht. „Ich habe nicht geglaubt, dass wir es lebend herausschaffen würden, und deshalb habe ich keine Pläne für die Zukunft“, sagt sie.

Geflohen war sie mit wenig mehr als einer Sammlung von Zeichnungen, die die Kinder in ihrem Bunker angefertigt hatten. Sie hatte Malwettbewerbe organisiert, um die Kinder zu beschäftigen, und die Bilder zur Erinnerung aufbewahrt. „Ich hätte sie nicht weggegeben, selbst wenn sie mich erschossen hätten.“

Die 69 Jahre alte Ljubow Andropowa harrte seit März in den Bunkern aus und berichtet nun von dem Grauen dort. „Es war furchtbar in den Bunkern. Wasser lief die Decken herunter. Überall war Schimmel. Wir sorgten uns um die Kinder und ihre Lungen.“ Die Bombardements hätten nicht aufgehört und für große Furcht in den Bunkern gesorgt. Andropowa sagt, sie fürchtete, „dass unser Bunker einstürzt“. „Alles bebte, wir sind nicht rausgegangen.“

Ukraine-Krieg: Vize-Ministerpräsidenten der Ukraine bestätigt die Evakuierung alle Zivilisten

Iryna Vereshchuck, stellvertretende Ministerpräsidentin der Ukraine, sagte bereits am Samstag (07. Mai 2022), dass „alle Frauen, Kinder und älteren Menschen“ aus dem Komplex herausgekommen seien und evakuiert würden. Die Geflüchteten seien körperlich wie seelisch gezeichnet von ihrer Zeit unter dem Werk.

Jegor Tschechonadski deutet auf ein Bündel von Taschen zu seinen Füßen und sagt: „Ich will einfach nur leben und neu anfangen (…) alles, was ich besitze, ist hier.“ Er, gemeinsam mit seiner Frau und zwei Söhnen, hatten seit Anfang März in Azowstahl Zuflucht gesucht. „Natürlich bin ich überglücklich und froh, in der Ukraine zu sein.“

Ukraine-Krieg: Mariupol war der Schauplatz der verheerendsten Kämpfe

Mit Beginn der Invasion war das strategisch wichtige Mariupol der Schauplatz verheerender Kämpfe. Russische Medien berichten seit Tagen von Mariupol als vollständig eingenommen. Für die Stadt Mariupol ist das zutreffend, die im Asow-Werk verschanzten Kämpfer waren trotz der Belagerung, schweren Luftbeschusses und einigen Sturmversuchen jedoch in der Lage, das Werk zu halten.

Zahlreiche Zivilisten waren teils über zehn Wochen in den Katakomben unter der Anlage eingeschlossen. Es mangelte an grundlegendem wie Nahrung, Wasser oder Medikamente.

Ukraine-Krieg - Mariupol
Auf diesem vom Innenministeriums der Volksrepublik Donezk am 04.05.2022 veröffentlichten Foto steigt Rauch aus dem Stahlwerk Azovstal auf. Ukrainische Kämpfer haben russischen Truppen einen Bruch der vereinbarten Waffenruhe zur Evakuierung von Zivilisten aus dem Stahlwerk Azovstal vorgeworfen. © Uncredited/dpa/pa

Rotes Kreuz: Gruppe habe: „ein Ausmaß an Grauen ertragen, das kein Mensch durchmachen sollte“

Der Delegationsleiter des Internationalen-Roten-Kreuz-Komitees in der Ukraine, Pascal Hundt, sagt, die Gruppe Geflüchteter habe „ein Ausmaß an Grauen ertragen, das kein Mensch durchmachen sollte“. Die Operation zur Evakuierung begann am 5. Mai, der dritte koordinierte sichere Durchgang in den letzten Tagen, aber man geht davon aus, dass rund 2000 Soldaten – viele von ihnen verletzt – weiterhin eingeschlossen sind.

Die verbliebenen ukrainischen Kämpfer schworen am Sonntag (08. Mai 2022) in der Anlage, ihren Widerstand fortzusetzen, solange sie noch am Leben sind.

„Wir haben nicht mehr viel Zeit“, sagte Hauptmann Sviatoslav Palamar auf einer Online-Pressekonferenz und appellierte an die internationale Gemeinschaft, bei der Evakuierung der verwundeten Soldaten zu helfen. (Lukas Zigo)

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