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Belarussische Partisanen kämpfen im Krieg auf der Seite der Ukraine – und führen Angriffe in Russland aus

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Von: Aleksandra Fedorska

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Pawel Latuschko (2.v.r), Mitglied des Präsidiums des Koordinationsrates von Tichanowskaja, und die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja (r) treffen sich im Belarussischen Haus in Warschau mit Freiwilligen, die in die Ukraine ausreisen wollen
Pawel Latuschko (2.v.r), Mitglied des Präsidiums des Koordinationsrates von Tichanowskaja, und die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja (r) treffen sich im Belarussischen Haus in Warschau mit Freiwilligen, die in die Ukraine ausreisen wollen © Rafal Guz/dpa

Seit 2020 gibt es Partisanenzellen in Belarus, die Angriffe auf belarussische und russische Infrastruktur durchführen. Mitte März kam es erstmals zu einer Sabotageaktion auf russischem Staatsgebiet.

Minsk – Die belarussische Protestbewegung, die im Jahr 2020 betont friedlich demonstrierte, wurde damals brutal zerschlagen. In ihrem Umfeld hatte die Bewegung neben sogenannten „Cyberpartisanen” auch kleine, kampfbereite Zellen, die die Infrastruktur des Lukaschenko-Regimes angriffen. Zu den bekanntesten Aktionen zählt der Brandanschlag auf eine OMON-Basis in Belarus im September 2021, der mithilfe von Drohnen durchgeführt wurde.

Der Fernsehsender Belsat teilt mit, dass diese Gruppen Mitte März 2022 erstmals Angriffe in Russland durchgeführt habe. Es wurden Signal-, Zentralisierungs- und Sperreinrichtungen sowie mehrere Zugverkehrsleitschränke zerstört. Die Sabotage fand etwa 80 bis 120 Kilometer entfernt von der belarussischen Grenze auf dem russischen Staatsgebiet statt. Dadurch wurde unter anderem ein Abschnitt der Eisenbahnlinie Brjansk-Orzeł zwischen den Dörfern Biełyje Bieriegi und Babinka gesperrt.

„Die Besatzer und seine gehorsamen Sklaven werden keinen Frieden verspüren. Weder in unserem eigenen Haus noch in unserem eigenen Haus,“, teile die Widerstandsgruppe via Telegram mit.

Ukraine-Krieg: Wer sind die belarussischen Partisanen? Kampf gegen Russland

Im Mai 2021 wurde ein Manifest des belarussischen Widerstands („Subrauiw“) veröffentlicht. Zu den Autoren gehörten die Cyberpartisanen und zwei weniger bekannte Gruppen: „die Störche fliegen“ und Nationale Selbstverteidigungsteams (DNS). Ihren Telegramkanälen folgen jeweils 9300 und 4100 Personen. Die Mitglieder dieser Gruppierungen bleiben anonym, verfügen aber über zwei offizielle Vertreter. Der Aktivist Dmitri Szjahielski lebt in den USA und Paweł Kułażanka, der vorher zu einer regimetreuen OMON-Einheit gehörte, kämpft inzwischen aufseiten der Ukraine gegen Russland.

Die einzelnen Zellen tragen Namen, wie beispielsweise „Schwarzer Storch”. Es ist unklar, wie viele Personen den einzelnen Zellen zuzurechnen sind. Sie kommunizieren mit der Öffentlichkeit über ihren Telegramkanal „die Störche fliegen”. Allerdings gibt es Hinweise, dass es parallel zu den Störchen noch andere Gruppen gibt, die sich „die Enkel der Partisanen” nennen. Die Auswertung des Telegramkanals lässt darauf schließen, dass „die Enkel der Partisanen“ die Störche bei der Aktion im September 2021 finanziell unterstützt haben. Darüber hinaus haben Mitglieder der Gruppe „die bösen Otter” im Sommer 2021 den Betrieb der Kommunikationsstation der russischen Marine in Vileyka gestört. Dieser Zwischenfall wurde sogar bei den offiziellen Gesprächen zwischen Wladimir Putin und Aleksander Lukaschenko besprochen.

Die Einträge im Kanal „die Störche fliegen“ lassen erkennen, dass sich diese Gruppen nicht nur gegen Lukaschenko und seinem Apparat positionieren, sondern auch gegenüber Russland unter der Führung Wladimir Putins äußerst kritisch sind. Die teilweise Integration Belarus in die Strukturen der Russischen Föderation wird als „Anschluss” bezeichnet. „So, wie eine vergewaltigte Frau das Recht auf Selbstverteidigung hat, so hat Belarus, deren Rechte vom Regime vergewaltigt werden, ein moralisches Anrecht, gegen ihn zu kämpfen.” so argumentiert Dmitri Szjahielski.

Ukraine-Russland-News: Der belarussische Widerstand und der Krieg in der Ukraine

Seit Beginn des Ukraine-Kriegs am 24. Februar spielt Belarus eine entscheidende strategische Rolle in dem Konflikt. Die russische Armee rückte von diesem Staatsgebiet auf Kiew vor. Ferner beschießt Russland die Ukraine aus dem Gebiet mit Raketen. Ebenso wichtig ist Belarus als Drehpunkt der russischen Kriegslogistik. Eine besondere Bedeutung bekam Belarus gerade in den vergangenen Wochen, als die russischen Truppen für die Offensive im Donbas aus dem Norden in den Süden verlegt werden mussten.

Der belarussische Diktator hält die eigene belarussische Armee aus dem Konflikt heraus – während die Bevölkerung größtenteils mit den Ukrainern solidarisch ist. Besonderen Mut bewiesen die belarussischen Eisenbahner die allein vom 24. Februar bis zum 15. April rund 80 Sabotageaktionen an den Schienen durchgeführt haben. Dadurch konnte die russische Kriegslogistik deutlich verlangsamt werden. In der Ukraine kämpfen nach Schätzungen der Experten mittlerweile 500 Belarussen in vier Brigaden. „Es wird diese Armee sein, die Belarus später befreien wird”, sagte Paweł Kułażanka, der auf der Seite der Ukraine gegen Russland und für die freie Welt kämpft, der unabhängigen Zeitung Nascha Niva.

Die von Vilnius aus operierende belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja traf sich mit den Freiwilligen aus Belarus, die in den Krieg aufseiten der Ukraine ziehen. Bei dem Treffen am 24. März sagte sie: „Unser Land wird mittlerweile als Aggressor wahrgenommen. Das schmerzt uns sehr.” Zichanouskaja nutzte die Möglichkeit und richtete das Wort auch an die Militärangehörigen in Belarus, die potenziell jeden Augenblick den Marschbefehl bekommen könnten. „Selbst wenn Sie einen solchen Befehl erhalten, ergeben Sie sich nach dem Überqueren der Grenze der ukrainischen Armee und kämpfen Sie an der Seite der Ukrainer,” appellierte Zichanouskaja. (Aleksandra Fedorska)

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