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Laut Russlands Geheimdienst: Ukraine-Krieg läuft für Kreml desaströs – „Blitzkrieg gescheitert“

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Von: Tim Vincent Dicke

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Im Internet taucht ein vermeintliches FSB-Dokument auf. Demnach soll der Ukraine-Krieg für Russland eine absolute Katastrophe sein – auch für Wladimir Putin.

Moskau – Russlands Präsident Wladimir Putin agiert kopflos, der Ukraine-Krieg ist ein Desaster und die Stimmung im Moskauer Apparat mies. Dieses Bild zeichnet ein vermeintlicher russischer Geheimdienstbericht, der eine große Sprengkraft haben könnte. Oder doch nicht? Die Echtheit des Papiers ist bisher nicht endgültig verifiziert.

Verfasst wurde der Bericht von einem angeblichen Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB. In dem Schreiben, das von dem in Frankreich lebenden russischen Menschenrechtler Wladimir Osechkin auf Facebook verbreitet wird, heißt es, „dass niemand wusste, dass es einen solchen Krieg geben würde, sie haben es vor allen verheimlicht.“ Bereits zuvor hatte es Berichte darüber gegeben, dass viele russische Soldaten in die Ukraine* geschickt wurden, obwohl sie nicht über den Krieg informiert wurden.

Vermeintlicher FSB-Agent sieht im Ukraine-Krieg schwarz für Putins Russland

Putins Plan, die Ukraine im Eiltempo einzunehmen, ist nicht gelungen*. Zahllose Fotos und Videos in sozialen Netzwerken zeigen seit Beginn der Invasion abgeschossene russische Flugzeuge und Helikopter, zerstörte Panzer und große Truppenverluste. So sieht es auch der vorgebliche FSB-Agent.

„Der Blitzkrieg ist gescheitert. Es ist einfach unmöglich, die Aufgabe jetzt zu erfüllen: Wenn Selenskyj* und die Regierungsbeamten in den ersten ein bis drei Tagen gefangen genommen sowie alle wichtigen Gebäude in Kiew* beschlagnahmt worden wären und man ihnen den Befehl zur Kapitulation vorgelesen hätte – ja, dann wäre der Widerstand auf ein Minimum gesunken.“ Nun sei es aber kaum noch realisierbar, die Ukraine unter Putins Kontrolle zu bringen.

Wladimir Putin
Ein Mann klebt große Plakate mit Bildern des russischen Präsidenten Wladimir Putin im Stadtzentrum von Simferopol, Krim, am Freitag, 4. März 2022. (Archivfoto) © Stringer/AFP

Selbst für den Fall, dass die Armee Russlands die gesamte Ukraine einnimmt, sieht der vermeintliche FSB-Mann schwarz. Das Land sei kaum von prorussischen Amtsinhabern zu regieren. Es gebe schlicht keine Kapazitäten dafür. „Woher sollen wir so viele Menschen nehmen? Kommandantur, Militärpolizei, Spionageabwehr, Wachpersonal – selbst bei minimalem Widerstand der örtlichen Bevölkerung benötigen wir 500.000 oder mehr Personen“, so die Befürchtung in dem Schreiben.

Geheimdienst-Leak zum Ukraine-Krieg? Wenn Russland verliert, „ist es aus mit uns“

In dem Brief ist von einem exponentiellen Anstieg ziviler ukrainischer Opfer die Rede. Das russische Militär beschießt insbesondere die Städte Charkiw und Mariupol massiv – mit Artillerie und aus der Luft. Oftmals werden dabei zivile Objekte wie Wohnblöcke getroffen*. Trotz Versicherungen der russischen Militärführung, man werde keine Zivilistinnen und Zivilisten unter Beschuss nehmen.

Doch warum gehen die Truppen derart grausam vor? Der angebliche Geheimdienstmitarbeiter schreibt: „Wir haben bereits versucht, mit Infanterie in Städte einzudringen – von zwanzig Luftlandetruppen war nur eine bedingt erfolgreich.“

Im Großen und Ganzen gebe aus der Situation keinen Ausweg. „Es gibt einfach keine Möglichkeit zu gewinnen, und wenn wir verlieren, ist es aus mit uns“, heißt es mit Blick auf Russland*, und weiter: „Ich weiß nicht, wer die Idee mit dem ‚ukrainischen Blitzkrieg‘ hatte. Jetzt stecken wir bis zum Hals in der Scheiße. Und niemand weiß, was zu tun ist.“

Ukraine-Krieg: Schließt Putin Atomschlag nicht mehr aus?

Der vorgebliche FSBler schließt in der aktuellen Situation einen Atomschlag Russlands nicht mehr kategorisch aus. Zwar nicht, um ein militärisches Ziel zu erreichen. Vielmehr würde der Einsatz nuklearer Waffen zur Einschüchterung dienen. Hierbei muss darauf geachtet werden, dass beim Militär zwischen strategischen Atombomben, die ganze Landstriche vernichten können, und taktischen Atomwaffen, die weniger zerstörerisch sind, unterschieden wird. Die letztgenannte Waffe könnte Wladimir Putin* einsetzen, um die Welt in Angst und Panik zu versetzen. Zum Beispiel über dem Meer.

„Der Einsatz solcher Waffen hat [...] trotz geringer Zerstörung einen hohen psychologischen Effekt. Darauf wird Putin setzen, wenn es tatsächlich zum Einsatz solcher Waffen kommt“, sagte die Direktorin des Zentrums für internationale Sicherheit an der Hertie School, Marina Henke, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Der Einsatz von Nuklearwaffen gilt jedoch nach wie vor als extrem unwahrscheinlich. Auch der angebliche Agent glaubt nicht, dass „Putin den roten Knopf drücken wird, um die ganze Welt zu zerstören“. Einen solchen einzigartigen Knopf gebe es überhaupt nicht und im Ernstfall würde zumindest ein Militär in der Befehlskette meutern. Vor allem aber wolle sich Putin durch einen Atomkrieg nicht selbst opfern: „Wenn man Angst hat, die engsten Vertrauten in seine Nähe zu lassen, wie will man es dann wagen, sich selbst und seine Lieben zu vernichten?“

FSB-Papier zum Ukraine-Krieg könnte auch Propaganda sein

Christo Grozev von der Rechercheplattform Bellingcat stuft das Dokument als echt ein. „Ich habe den Brief zwei (...) FSB-Kontakten gezeigt und sie hatten keinen Zweifel daran, dass er von einem Kollegen geschrieben wurde. Sie stimmten nicht mit all seinen Schlussfolgerungen überein, aber das ist eine andere Geschichte“, schrieb der Investigativjournalist auf Twitter.

Der Redaktionsleiter des Heute-Journals (ZDF) erklärte auf dem Kurznachrichtendienst: „Sollte das authentisch sein, dann hat Putin sich verzockt!“ Die Schilderungen in dem Brief würden zwar plausibel klingen – auch in seinem TV-Magazin hätten Militärfachleute ähnliche Mutmaßungen geäußert.

Allerdings dürfe dem Dokument nicht blind geglaubt werden. „Warum sollte ein FSB-Beamter das preisgeben? Wunschdenken der Angegriffenen? Propaganda? Jedenfalls zu beachten.“ Letztendlich kennt nur der russische Aktivist Wladimir Osechkin die Quelle hinter dem Papier. Nicht alle Fachleute gehen davon aus, dass sich Putin bei seiner Strategie im Ukraine-Krieg verrechnet hat.

(tvd) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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