1. wa.de
  2. Politik

„Eine Chronik der Grausamkeit“: Moskauer Museum präsentiert Anti-Nato-Ausstellung

Erstellt:

Von: Nail Akkoyun

Kommentare

Ausgestellt ein Moskau: Ein angeblicher Helm eines ukrainischen Soldaten, verziert mit einem „SS“-Symbol sowie der ukrainischen Flagge.
Ausgestellt ein Moskau: Ein angeblicher Helm eines ukrainischen Soldaten, verziert mit einem „SS“-Symbol sowie der ukrainischen Flagge. © Anton Novoderezhkin/Imago

In Moskau präsentiert das Museum für zeitgenössische russische Geschichte eine neue Ausstellung, die zahlreiche Gräueltaten der Nato aufzeigen soll.

Moskau – In einer neuen Museumsausstellung in Moskau werden die Besucherinnen und Besucher des Museums für zeitgenössische russische Geschichte derzeit mit Plakaten begrüßt, auf denen beschrieben wird, wie „die Nato mit Krieg behaftet ist“. Dazu werden Bilder von Menschen gezeigt, die bei US-Bombenangriffen verletzt worden, während aus Lautsprechern das Geräusch herannahender Kriegsflugzeuge ertönen, um das Erlebnis noch realitätsnäher zu gestalten.

„Nato: Eine Chronik der Grausamkeit“ lockt bereits seit April neugierige Russinnen und Russen in die Gemäuer des Museums. Der Eintritt ist umsonst. Die Ausstellung ist nur eine von vielen ähnlichen Zurschaustellungen im ganzen Land, die dem Volk deutlich machen soll, warum der Ukraine-Krieg nötig ist: wegen eines existenziellen Kampfs gegen den Westen –so zumindest eine von mehreren Darstellungen des Kremls.

Da ist es wenig verwunderlich, dass in der Hauptstadt unter anderem auch „Trophäen“ präsentiert werden, die russische Soldaten bei dem Überfall auf die Ukraine erbeutet haben. Als „einzigartige Exponate“ bezeichnet das russische Verteidigungsministerium eine dargestellte kugelsichere Weste, eine ukrainische Militäruniform sowie ein ukrainisches Abzeichen.

Nato und Russland: Ukraine-Krieg laut Kreml inzwischen ein „Stellvertreterkrieg“

„Es zeigt nur eine Seite der Geschichte“, sagte Alexandra, eine junge Moskauerin, die sich Ausstellung im Beisein von Reporterinnen und Reportern der Zeitung Moscow Times ansah. „Viele Dinge führen absichtlich zu einer bestimmten emotionalen Reaktion. Man kann hier kein vollständiges Bild finden. Es ist nur eine Fassade“, sagte Alexandra, die um Anonymität bat, um frei sprechen zu können.

Obwohl sich die Ausstellung auf militärische Aktivitäten der Nato konzentriert, wie etwa auf die Bombardierung Jugoslawiens im Jahr 1999 und die Kriege im Irak, in Afghanistan und in Syrien, widmet sich ein Großteil der neuen Präsentation auch dem Ukraine-Konflikt. Bezeichnet wird das Ganze auf der Website des Museums als „Zusammenarbeit Kiews mit der Nato“.

Seitdem westliche Staaten die Ukraine mit Waffen und Ausrüstung beliefert, ließ der Kreml mehrfach verlauten, dass man einen Stellvertreterkrieg gegen die Nato führe. Man müsse sich „darüber im Klaren sein, dass die Nato und ‚Eine Chronik der Grausamkeit‘ ein und dasselbe sind“, sagte etwa der russische Senator Konstantin Kossatschow bei der Eröffnungsfeier der Moskauer Ausstellung.

Ausstellung in Moskau: Ukraine wird mit Nazi-Deutschland verglichen

Was laut der Moscow Times besonders hervorgehoben wird, sind die angeblich langfristigen Pläne der Nato, die Ukraine als Aufmarschgebiet für einen Angriff auf Russland zu nutzen. „Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begannen die Vereinigten Staaten und die Nato mit der schamlosen Erschließung des ukrainischen Territoriums als Schauplatz möglicher militärischer Operationen“, heißt es demnach auf einer Schautafel.

Die Ausstellung zieht zudem historische Parallelen zwischen Nazi-Deutschland und der modernen Ukraine, um Moskaus weithin verspottete Behauptung zu untermauern, die Ukraine müsse „entnazifiziert“ werden. „Nach dem Zweiten Weltkrieg war es eines der Ziele der Nürnberger Prozesse, solche Ideologien, Organisationen und Symbole zu verbieten“ soll ein Museumsführer erklärt haben. Ein russischer General offenbarte zuletzt russische Pläne, nach denen man Kriegsprozesse nach dem Nürnberger Vorbild für ukrainische Politikerinnen und Politiker plant.

Rundherum schmücken außerdem Fotos von verletzten Kindern, weinenden Frauen sowie Anti-Nato-Protesten die Wände des Museums für zeitgenössische russische Geschichte. In einem anderen Bereich des Museums werden von den USA hergestellte Waffen sowie US-amerikanische Uniformen gezeigt. Weiter können Gäste sogar die Trümmer eines US-amerikanischen F-117-Nighthawk-Tarnkappenflugzeugs bestaunen, das 1999 über Serbien abgeschossen wurde.

Anti-Nato-Ausstellung in Moskau kommt nicht bei allen an: „Dumme Propaganda“

„Mir hat die Ausstellung sehr gut gefallen. Wir sind eine alte Generation, wir haben diese Ereignisse miterlebt, und hier können wir die Wahrheit sehen“, sagte Natalja, eine Rentnerin, gegenüber der Moscow Times. „Wir brauchen mehr solcher Ausstellungen, damit die Menschen sehen können, was wirklich passiert ist.

Einige Besucherinnen und Besucher sahen in der Ausstellung die sowjetische beziehungsweise russische Rhetorik über die Übel des Westens bestätigt, andere waren eher weniger oder gar nicht überzeugt: „Der Fremdenführer hielt uns einen Vortrag über Naziverbrecher und den Zweiten Weltkrieg und zeigte uns dann den Asow-Helm [ukrainisches Regiment] mit Nazi-Zeichen darauf. Und ich wollte ihm sagen, dass er sich in Moskau umsehen soll. Sind ihm nicht die ‚Z‘- und ‚V‘-Symbole überall aufgefallen?“ sagte der 23-jährige Nikita.

Am Ende des Rundgangs werden die Gäste gebeten, einen Kommentar zu hinterlassen. Die Rückmeldungen spiegeln die tiefe Spaltung Russlands in Bezug auf den Krieg gegen die Ukraine wider. Während sich ein Gast für „die Wahrheit über die Nato“ bedankt, ist in einem anderen Kommentar hingegen von „dummer Propaganda“ die Rede. (nak)

Auch interessant

Kommentare