Zuschauer kochen nach Aussagen

„Gespielte Bodenständigkeit“: Sommerinterview läuft genau gegen Habecks Plan - Plötzlich geht es nur noch um „Pommes“

Robert Habeck und Moderator Oliver Köhr sitzen auf roten Sesseln bei der Aufzeichnung eines ARD-“Sommerinterviews“ im August 2020. Im Hintergrund ist das Reichtstagsgebäude zu sehen.
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Robert Habeck (li.) und Moderator Oliver Köhr bei der Aufzeichnung des ARD-Sommerinterviews.

Wiederholt sich Geschichte? Den Grünen droht eine herbe Enttäuschung. Parteichef Robert Habeck weicht im ARD-“Sommerinterview“ einer brisanten Frage aus. Dafür bekommt ein Seitenaspekt viel Aufmerksamkeit.

Berlin - Die SPD feiert mit ihrer frühzeitigen Kanzlernominierung erste Erfolge - in einer Umfrage haben die Sozialdemokraten nach der Festlegung auf Olaf Scholz sogar die Grünen überholt. Doch just die wollen sich vorerst nicht festlegen. Vielleicht, weil die K-Frage angesichts des Führungs-Duos Habeck/Baerbock eine besonders heikle ist. Abseits der Sachfragen wurde das Gespräch zu einem kleinen Lehrstück in Sachen Personalisierung und Inszenierung von Politik. Ohne allerdings klare Antworten zu liefern.

Habeck im ARD-„Sommerinterview“: Grünen-Chef weicht Frage aus

Robert Habeck selbst ist am Sonntag im ARD-“Sommerinterview“ der Frage nach einer Lösung für diese Kanzler-Frage der Grünen jedenfalls ausgewichen. „Wir werden uns entscheiden, wenn es darauf ankommt“, sagte er lediglich. Vorerst gehe es ihm darum „im Team zu arbeiten“ und sich „auf die inhaltliche Arbeit zu konzentrieren“.

Mithilfe dieser Inhalte wollten die Grünen* ihr „Profil schärfen“ - und deutlich machen, „dass wir Dinge prinzipiell anders machen müssen", um Deutschland krisenfester zu machen. Zuletzt hatte Habeck eine "Hitze-Strategie" von der Bundesregierung eingefordert, war mit seiner Pressekonferenz aber angesichts fast zeitgleichen Bekanntgabe der SPD-Kanzlernominierung etwas im medialen Rauschen untergegangen.

Robert Habeck sieht Stärke in „Konzentration auf Sachfragen“ - doch Grünen droht erneute Enttäuschung

Es sei „ein politisches Merkmal“ der Grünen, im Team zu arbeiten und „nicht mit monarchistischen Gesten“, betonte Habeck. Er hob in Anspielung auf zwischenzeitliche Rekord-Umfrageergebnisse hervor, die Grünen seien gerade deswegen stärker geworden, „weil wir uns auf die Sachfragen konzentrieren und weil wir uns nicht mit uns selbst beschäftigen“. Auch „unsinnige Koalitionsdebatten“ schwächten die Partei nur.

Allerdings hat die Partei immer wieder vor allem in der Zeit zwischen zwei Bundestagswahlen große Umfrageerfolge erzielt. So kratzten die Grünen etwa im Jahr 2011 - zwei Jahre vor der Wahl 2013 - schon einmal an der Marke von 30 Prozent. Am Ende erreichten sie 8,4 Prozent. Im Sommer 2019 sahen Umfragen die Partei teils als stärkste Kraft bei 27 Prozent. Aktuell liegen die Grünen knapp zehn Prozentpunkte niedriger.

SPD-Chefin Saskia Esken hatte zuletzt das Thema Rot-Rot-Grün wieder auf die Agenda gebracht. Auch in dieser Frage wächst der Druck auf die Grünen. Linke-Chefin Katja Kipping hat die Grünen nun aufgefordert, sich vor der Bundestagswahl klar für ein Bündnis mit Linken und SPD auszusprechen. „Schwarz-Grün würde vier weitere verlorene Jahre für den Klimaschutz bedeuten, denn mit der Union kommt kein konsequenter Klimaschutz“, sagte sie den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland vom Montag.

Habeck will Grüne auf Sachfragen einschwören - doch im Netz bleibt nur das Schlagwort "Pommes" hängen

Viel Aufmerksamkeit im Netz zog eine andere Sequenz auf sich: ARD-Moderator Oliver Köhrs konfrontierte Habeck gegen Ende des Interviews mit dem Vorwurf, er inszeniere sich etwa auf Instagram zu stark, vernachlässige teils aber Inhalte. „Was ich nicht gerne mache, sind die inszenierten Bilder von Macht und Glorismus“, erwiderte Habeck. „Ich möchte gerne Pommes auf dem Bürgersteig essen und wenn ich dabei fotografiert werden, dann ist es halt so. Wenn Sie das Inszenierung nennen, dann ist es so. Ich bin halt so."

Ein Satz, der ihm von einigen Twitter-Usern erneut den Vorwurf der Selbstinszenierung einbrachte. Auch Bild-Chefredakteur Julian Reichelt brachte sich an dieser Stelle ein. Der Juso-Politiker Ben Schneider betonte, Inszenierung durch Bilder sei in der Politik „ein Fakt“: „Was nervt, ist die gespielte Bodenständigkeit, mit welcher Habeck die Inszenierung in seinen Bildern leugnet.“

Anders sah die Szene der Dresdener Grüne-Lokalpolitiker Johannes Lichdi: Köhrs habe „knappe Zeit verbrannt“, statt „politische Inhalte abzuklopfen“. Genau die wenige Minuten lange Passage war es aber, die schließlich im Kern der Debatten zu stehen schien. „Alles was ich zu Habeck sehe, sind Kommentare über seine Fotos und BaFin. Warum so wenig inhaltliche Diskussion?“, fragte sich ein anderer User. Auch Nachrichtenagenturen und Medien griffen unterdessen vor allem Habecks Aussagen zur Kanzler-Frage auf.

Robert Habeck: Kampfansage an die Union - Grüne wollen stärkste Kraft werden

Habeck griff gleichzeitig CDU* und CSU* an; man wolle bei der Bundestagswahl 2021 stärkste Kraft werden, gab er im Format „Frag selbst" zu verstehen: „Wer Zweiter ist, muss die Eins herausfordern.“ „Und ich bin auch nicht bereit zu akzeptieren, dass die Union in Deutschland ein Abo auf den ersten Platz hat“, fügte er hinzu.

Die Gr��nen haben wiederholt deutlich gemacht, dass sie den Zeitpunkt für verfrüht halten, sich in der Frage einer möglichen Kanzlerkandidatur oder auch möglicher Koalitionspartner festzulegen. Als wichtigste Anwärterin gilt neben Habeck dessen Ko-Parteichefin Annalena Baerbock.

Auch sie hatte am Samstag in den Zeitungen der Funke Mediengruppe Festlegungen in der Kandidatenfrage vermieden. Bislang waren die Grünen stets mit einer Doppelspitze aus zwei Spitzenkandidaten in die Bundestagswahlkämpfe gegangen. Die Partei hat noch nicht entschieden, ob sie das angesichts einigermaßen realistischer Kanzlerchancen wieder so handhaben will (fn/AFP) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Im ZDF-Sommerinterview äußert sich Grünen-Chefin Annalena Baerbock über zur Kanzler-Frage und zu möglichen Koalitionspartnern.

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