"Chance vertan"

Amerikaner von Obamas Berlin-Besuch enttäuscht

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US-Präsident Barack Obama am Mittwoch in Berlin.

Berlin - Berlin im Ausnahmezustand, Deutschland im Obama-Fieber - und in den USA bekommen viele nichts davon mit. Dort haben sich die Schlagzeilen zur Reise des US-Präsidenten nicht gerade überschlagen. Vor allem seine Rede enttäuschte.

Die amerikanischen Fernsehsender hatten sich schönere Bilder von ihrem Präsidenten vor dem Brandenburger Tor versprochen. Die Wand aus schusssicherem Panzerglas zeigte Barack Obama bei seiner Rede eigentümlich unscharf, die Scheibe reflektierte das Sonnenlicht zu stark. Auch die rund 4500 Zuschauer waren für eine atemberaubende Kulisse zu wenig. Wie zum Kontrast zeigten sie den triumphalen Auftritt des Kandidaten Obama 2008 vor 200.000 Menschen an der Siegessäule. Oder die legendären Reden von John F. Kennedy und Ronald Reagan. „Ein ganz anderer Empfang“ sei das diesmal gewesen, bemerkte der Moderator einer Hauptnachrichtensendung enttäuscht.

Die Deutschen vergöttern Obama, meinen die Amerikaner. Amüsiert lasen sie im zurückliegenden Präsidentschaftswahlkampf, dass 80 bis 90 Prozent den Amtsinhaber seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney vorziehen würden. Sein Berlin-Besuch korrigierte die Ansicht ein wenig: Kritischer seien die Deutschen nun. Erzürnt über das Ausspionieren der Internetnutzer durch die US-Regierung, enttäuscht über das gebrochene Versprechen, Guantánamo zu schließen, verärgert über geheime Hinrichtungen per Drohnen. Vor allem die „angriffslustige deutsche Presse“ fiel einem Kommentator auf.

Die ganz großen Schlagzeilen machte Obamas Deutschland-Reise ohnehin nicht in den USA. Seine Rede am Brandenburger Tor, zur unvorteilhaften Sendezeit morgens zwischen 6.00 (US-Westküste) und 9.00 Uhr (Ostküste), wurde nur auf den Nachrichtensendern mit ihrer geringen Zuschauerschaft gezeigt.

Berlin im Obama-Fieber: Der Präsident ist da

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Sie blendeten auch erst bei dem Präsidenten ein. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) war keine Live-Übertragung vergönnt. Als Obama am Abend von Tegel zurück nach Washington aufbrach, waren dort schon wieder andere Themen wichtiger: Das Gerangel im Kongress über die Einwanderungsreform etwa oder die Zinspolitik der US-Notenbank.

Nach Berlin mitgereiste US-Reporter zeigten sich verwundert über die ihrer Ansicht nach schwache Vorstellung Obamas bei seiner Ansprache. „Das fühlte sich leer an. Merkwürdig, normalerweise ist das Redenhalten doch seine größte Stärke“, sagte ein Korrespondent aus Washington. Eine Erklärung hatte das Weiße Haus schnell parat: Die Teleprompter fielen aus, Obama musste seine Zeilen mühsam auf Papier finden, immer wieder nach unten aufs Pult schauen - von seiner berühmten rhetorischen Sicherheit war er weit entfernt. Dass ihm die pralle Sonne den Schweiß nicht nur auf die Stirn trieb, trug zu dem Eindruck noch bei.

Cadillac: Staatskarossen der US-Präsidenten

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Doch es war nicht nur die Form - auch der Inhalt enttäuschte in den USA. „Eingegrenzt auf politisch sicherem Boden“ seien die Worte gewesen, urteilte die „Washington Post“. Sie hätten offenbart, dass seine ehrgeizige Rhetorik nicht mit der bescheidenen Realität seiner Außenpolitik mithalten könne. „Diese beliebigen Kommentare hätte er fast überall liefern können“, schrieb die Direktorin des Washingtoner Büros der Bertelsmann Stiftung, Annette Heuser. Statt die Deutschen herauszufordern, sich wieder mehr für die transatlantische Beziehung zu engagieren, habe Obama „wohlige Worte“ gewählt, die Differenzen und Irritationen einfach übergebügelt hätten. Eine vertane Chance.

Ein Blick in den Redetext verdeutlicht, was gemeint ist. Aktuelle Themen wie der grausame Bürgerkrieg in Syrien kamen nicht vor, der Umgang mit der neuen Supermacht China ebenso wenig. Stattdessen versuchte Obama, mit einem Thema aus dem Kalten Krieg Schlagzeilen zu machen: seinem Plan zur weiteren nuklearen Abrüstung. Darüber berichten die US-Medien sachlich, wissen sie doch, wie aussichtslos eine Einigung mit den Russen derzeit erscheint - die den Vorschlag auch gleich zurückwiesen. Zumal ein Waffenabkommen vermutlich kaum durch den US-Kongress kommen würde. Gleiches gilt für Obamas Berliner Versprechen zum Kampf gegen den Klimawandel und Guantánamo.

Obamas wichtigste Stationen in Berlin

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Doch die amerikanischen Beobachter hatten auch Positives zu vermelden: Die Obamas und Merkels Beziehung scheine sich zu einer Freundschaft zu entwickeln, meinte die Reporterin der „New York Times“. „Als sie ihn auf Deutsch ansprach, nutzte sie das "Du", die vertrauliche Form des Pronomens "you"“, erläuterte sie ihren Lesern. Zweimal habe sich der Präsident vor Lachen über Witze der Kanzlerin gekrümmt. Und seine Gattin Michelle habe sich lange mit Merkels Ehemann Joachim Sauer unterhalten.

Von Marco Mierke

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