WA-Interview

Norbert Röttgen mit Spitze gegen Friedrich Merz: Diesen Führungsstil braucht ein CDU-Vorsitzender

Er gilt als Außenseiter, doch er sieht sich im Aufwind. Norbert Röttgen will im Januar Vorsitzender der CDU und dann Kanzlerkandidat der Union werden.

Hamm - Es wäre ein großes Comeback – acht Jahre, nachdem Angela Merkel ihn als Bundesumweltminister gefeuert hat. Alexander Schäfer sprach mit dem 55-Jährigen über das Rennen gegen Armin Laschet und Friedrich Merz und die Maßstäbe für Politik in Zeiten der Pandemie.

NameNorbert Röttgen
Geboren2. Juli 1965 ( Meckenheim)
EhefrauEbba Herfs-Röttgen
AmtMitglied des Deutschen Bundestags seit 1994
ParteiCDU

Anfang des kommenden Jahres soll sich entscheiden, der als Nachfolger von Annegret Kramp-Karrenbauer den Vorsitz der CDU übernimmt. Die drei Kandidaten, Armin Laschet, Norbert Röttgen und Friedrich Merz, hatten unter anderem bei Jungen Union vorgestellt. Der CDU-Nachwuchs steht mehrheitlich hinter Friedrich Merz - danach folgen Norbert Röttgen und Armin Laschet. Im Interview spricht Norbert Röttgen unter anderem darüber, welchen Führungsstil ein CDU-Vorsitzender pflegen sollte, welche Form von CDU-Parteitag er sich wünscht und wie er sich persönlich in der Corona-Pandemie verhält.

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Wie groß ist Ihre Freude, dass Sie als möglicher CDU-Chef und möglicher Bundeskanzler nicht Donald Trump treffen müssen?

Ich bin erleichtert über den Wahlausgang. Ich freue mich sehr auf die Präsidentschaft Joe Bidens. Zu dessen außenpolitischem Team habe ich schon lange sehr gute und vertrauensvolle Beziehungen.

Merz sagte, er käme mit Trump klar. Sie auch?

Die Aussage war in jedem Falle etwas voreilig.

Als Experte für Außenpolitik sind Sie derzeit in den Medien präsent wie lange nicht mehr. Glauben Sie, dass Ihnen die aktuelle Aufmerksamkeit im Rennen gegen Merz und Armin Laschet nutzen wird?

Wenn wir hinaus in die Welt schauen, sehen wir, dass kein Stein mehr auf dem anderen geblieben ist. In der Außenpolitik geht es jetzt darum, die Rolle Deutschlands zu definieren. Wir müssen unsere Verantwortung neu bestimmen – für den Zusammenhalt innerhalb Europas, für die Handlungsfähigkeit nach außen und im Verhältnis zu den USA, China und Russland. Deswegen ist sicher, dass die nächsten Jahre ganz stark von den Fragen der Europa-, der Außen- und der Handelspolitik geprägt sein werden. Der zukünftige Vorsitzende der CDU und Kanzlerkandidat muss diese Themen beherrschen.

Norbert Röttgen ist einer von drei Kandidaten im Rennen um den CDU-Parteivorsitz. Foto: Michael Kappeler/dpa

Sie wollen nicht nur auf Außenpolitik reduziert werden, sondern haben jetzt auch andere Schwerpunkte wie Wirtschaft und Klimaschutz für sich reklamiert.

Die Pandemie geht mit einer Jahrhundert-Rezession einher, die unsere Wirtschaft noch weiter enorm belasten wird. Jetzt ist die Zeit, den wirtschaftlichen Neustart für die Zeit nach Corona vorzubereiten – und Defizite anzugehen, die schon vor der Pandemie bekannt waren, aber nun besonders offen gelegt sind, wie die Digitalisierung. Sie wird unsere gesamte Gesellschaft noch viel mehr verändern und fordern als bisher. Was das Thema Klimawandel angeht, so hat mich dieses seit meiner Zeit als Bundesumweltminister nicht mehr losgelassen. Mit ihren marktwirtschaftlichen Ordnungsprinzipien bringt die CDU alles mit, um Wirtschaft und Klima miteinander zu verbinden – und das ist entscheidend, damit Deutschland in Zukunft international wettbewerbsfähig ist.

Unser Gespräch findet als Zoom-Meeting statt. Das war Ihnen in Zeiten der Kontaktbeschränkung so lieber. Ganz persönlich gefragt: Wie groß ist Ihre Angst vor dem Coronavirus?

Ich habe keine Angst, bin aber vorsichtig. Meine Eltern leben beide noch, sie sind 87 und 83 Jahre alt. Wir sollten alle sehr achtsam sein und einander schützen.

Norbert Röttgen (CDU) über Stil als Bundeskanzler: Wir brauchen keine Polarisierung

Wie groß ist Ihre Sorge um Deutschland, wenn Sie solche Bilder wie bei der Großdemo gegen die Corona-Maßnahmen in Leipzig am vergangenen Wochenende sehen?

Meine Beobachtung ist, dass die große Mehrheit der Bevölkerung sehr vernünftig ist und verantwortungsvoll mit der Situation umgeht. Es gibt aber auch andere, die mit den Maßnahmen nicht einverstanden sind, und davon treten einige zunehmend aggressiv auf – das muss mit großer Aufmerksamkeit beobachtet werden. Gewalt und Angriffe gegenüber Polizeibeamten, die für Sicherheit auf den Straßen sorgen wollen, und gegenüber Journalisten sind inakzeptabel.

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Was würden Sie als Kanzler in der Pandemiebekämpfung anders machen als Angela Merkel jetzt?

Eine Antwort auf diese Frage fände ich anmaßend. Was zu Anfang der Pandemie eine große Stärke war, das war die große Einigkeit zwischen den Parteien in der Politik. Da wurde nicht taktiert oder aus durchschaubaren Gründen kritisiert. Das hat Vertrauen bei der Bevölkerung geschaffen. Was wir jetzt brauchen, ist Zusammenhalt. Ehrliche, offene Kommunikation, nachvollziehbare und rationale Maßnahmen, keine Beschönigung der Lage und ein großer Wille zur politischen Einigkeit – nach diesen Maßstäben sollte sich die Politik richten.

Ihr Konkurrent Merz sieht ganz allgemein ein politisches Führungsproblem in Deutschland. Sie auch?

Es hilft nicht, nur Probleme festzustellen. Die Frage ist doch, was die Perspektive nach vorne ist. Wir stehen am Anfang eines Jahrzehnts ungeheurer Veränderungen und Umbrüche, die viel Unsicherheit erzeugen, innen- wie außenpolitisch. Ja, wir brauchen Führung, wir brauchen aber auch einen integrativen Führungsstil. Wir brauchen Profil, aber nicht Polarisierung.

Norbert Röttgen (CDU): Lob für Armin Laschet und sein Kabinett

Macht Armin Laschet als NRW-Ministerpräsident einen guten Job?

Die Landesregierung unter seiner Führung leistet gute Arbeit.

Der stellvertretende FDP-Chef Wolfgang Kubicki hat in einem Interview über Sie gesagt: „Dem traue ich nichts zu.“ Wie sehr trifft Sie eine solche Aussage?

Ich kannte sie nicht, sie interessiert mich allerdings auch nicht.

Sie sind in der Satire-Sendung „heute-Show“ aufgetreten. Ehrlich gesagt, fand ich Sie dort deplatziert, weil nicht lustig. War es das richtige Format für Sie?

Ich bin ein großer Fan dieser Sendung und habe deshalb nach etwas Überlegung die Einladung angenommen. Die Gespräche dort mit Politikern sind eher politisch als humoristisch angelegt, würde ich sagen. Die Fragen, die mir gestellt wurden, waren eher sachlich und politisch, und in diesem Stil habe ich dann auch geantwortet.

Viele Christdemokraten in NRW tragen Ihnen immer noch Ihre deutliche Niederlage bei der Landtagswahl 2012 nach. Warum ist das so? Und ist das ein K.o.-Kriterium für eine erfolgreiche Kandidatur? Beim Parteitag wird mehr als jeder vierte Delegierte aus NRW kommen.

Sie haben recht, es ist schon acht Jahre her. Ich habe damals einen Fehler gemacht. Ich bin der Überzeugung, dass nicht Fehler und Niederlagen, sondern der Umgang damit ein entscheidendes Kriterium für einen Politiker ist. Das Wichtige bei Fehlern ist es, dass man aus ihnen lernt. Das Wichtige an Niederlagen ist, dass man wieder aufsteht. Ich würde sogar sagen, dass die Erfahrung einer Niederlage und die Bewährung in schwierigen Stunden zur charakterlichen und persönlichen Vorbereitung für ein Amt mit hoher Verantwortung essenziell sind.

Ihr Fehler war damals, dass Sie die Wähler im Unklaren über Ihre persönliche Zukunft gelassen haben. Das ist acht Jahre her und dennoch von CDU-Leuten nicht vergessen.

Ich habe daraus gelernt, in wichtigen Fragen klar zu sein.

Norbert Röttgen (CDU): Kandidat „für die gesamte CDU“

Angela Merkel hat Sie damals sogar als Bundesumweltminister rausgeworfen. Haben Sie beide darüber mal gesprochen?

Ich habe öffentlich über die Angelegenheit niemals ein Wort verloren. Dabei bleibe ich auch.

Der NRW-Landesverband steht hinter Laschet, das Präsidium der Mittelstandsvereinigung (MIT), die Ostverbände und die Junge Union hinter Merz. Wer steht eigentlich hinter Ihnen?

Anderen vorgeben oder sogar vorschreiben zu wollen, was ihre Meinung ist und wie sie abzustimmen haben – das entspricht nicht mehr unserer Zeit, unserer Gesellschaft und unserer Partei. Ich stehe nicht für ein Lager, sondern für die gesamte CDU. Ich bin in der gesamten Bandbreite der Partei wählbar. Das bedeutet, dass ich – sollte ich gewählt werden – von allen akzeptiert werden kann. Ich werbe um jede einzelne Delegierte und jeden einzelnen Delegierten.

Sie rechnen sich also gute Chancen aus?

Ja. Es ist unübersehbar, dass die Zustimmung in den letzten Wochen deutlich gewachsen ist. Ich stehe für Inhalte, aber auch dafür, integrieren und die Partei einen zu können.

Rechnen Sie damit, dass noch ein ganz anderer Kandidat antreten wird, zum Beispiel Jens Spahn oder Ralph Brinkhaus?

Jeder hat das Recht zu kandidieren, das muss jeder mit sich selbst ausmachen.

Favorisieren Sie einen Präsenzparteitag im Januar?

Vieles funktioniert online, aber nicht alles, was einen Parteitag ausmacht, ist auf dem Bildschirm zu ersetzen, zum Beispiel die Emotion oder die persönliche Begegnung. Wäre ein Präsenzparteitag möglich, würde ich ihn vorziehen. In erster Linie bin ich aber dafür, dass wir uns an die Realitäten anpassen. Ein Präsenzparteitag im Januar ist illusorisch. Wir haben die Möglichkeit, die Wahl rechtlich unangreifbar und technisch machbar im Januar durchzuführen. Ich bin unbedingt dafür, das dann auch zu machen.

Wer wird Ihre Generalsekretärin?

Ich halte es für wichtig, dass sich die Praxis der paritätischen Besetzung in der CDU durchsetzt. Wäre der Parteitag nicht verschoben worden, hätte ich meinen angekündigten Vorschlag für diese Position bereits unterbreitet. So aber ist es noch nicht an der Zeit.

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