Kritik an Beschlüssen

Impfpriorisierung für Kinder gefordert - Sturm an Reaktionen auf den Gipfel

Kinder und Jugendliche können ab 7. Juni gegen Corona geimpft werden - haben aber keine Priorität. Daran gibt es Kritik.

Hamm - Ab dem 7. Juni können Kinder ab 12 Jahren geimpft werden - mit dem generellen Ende der Impfpriorisierung. Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hat den Impfstoff für die Altersgruppe am Freitag, 28. Mai, freigegeben. Beim jüngsten Impfgipfel wurde aber auch klar: Es wird keinen zusätzlichen Impfstoff-Lieferungen für Kinder und Jugendliche geben. Auch wird die Altersgruppe nicht priorisiert gegen das Coronavirus geimpft - sehr zum Missfallen von Karl Lauterbach. (News zum Coronavirus)

KommissionStändige Impfkommission (Stiko)
Formunabhängiges Expertengremium, koordiniert im Robert Koch-Institut
Gründung1972

Impfpriorisierung: Kinder in der Reihenfolge nicht priorisiert - Kritik von Karl Lauterbach

Der SPD-Gesundheitspolitiker findet, dass Kinder eine höhere Priorisierung in der Impfreihenfolge hätten erhalten sollen als jene Menschen ohne Priorisierung. Dann hätte man seiner Meinung nach gewährleisten können, dass Kinder nicht als letztes geimpft werden. Karl Lauterbach erläuterte seine Meinung im Gespräch mit ZDFheute live. „Ich hätte mich tatsächlich gefreut, wenn wir für die Kinder die Impfdosen zurückgehalten hätten“, sagte er. Nach der Corona-Impfung aller Menschen mit Priorität blieben laut Lauterbach ja nur noch Menschen ohne Prioritätsstufe übrig - und eben Kinder.

Sinnvoll hätte Karl Lauterbach also drei Schritte gefunden. Schritt eins: Jene Menschen impfen, die noch eine Prioritätssstufe haben. Schritt zwei: Kinder impfen. Schritt drei: Den Rest an Menschen verimpfen, die keinerlei Priorität haben. „Dann hätten die Kinder ein Sonderkontingent gehabt. Und wir hätten sicherstellen können, dass die Kinder nicht nachher die letzten Ungeimpften sind“, erklärte er.

Impfpriorisierung: Impfung für Kinder - Sturm an Reaktionen nach dem Impfgipfel

Ein Argument gegen eine Impfpriorisierung von Kindern lautet: Mit dieser ginge auch einher, dass Kinder und Jugendliche viel eher geimpft wären als Menschen etwa zwischen 20 und 35, die ein höheres Risiko für einen schweren Corona-Verlauf haben. Zwar bestätigte Karl Lauterbach dieses Risiko. Er betonte aber, es sei „einigermaßen gering“ - und auch Kinder seien nicht komplett risikolos. Wenn Kinder erkranken und für sie die Schule ausfällt, fielen sie in ihrer Entwicklung zurück, mahnte er. Er verwies auf die ohnehin großen Einbußen, die Kinder wegen Corona schon hinnehmen mussten.

Doch längst nicht jeder ist so überzeugt wie Karl Lauterbach, dass Kinder am besten geimpft werden sollten. Für Ärztepräsident Klaus Reinhardt sei es richtig, dass die Stiko mit Bedacht analysiere, wie groß die Gefährdung der Kinder durch Sars-CoV-2 tatsächlich sei. „Die Datenlage zu Risiken und Nutzen einer möglichen Corona-Impfung bei Kindern und Jugendlichen ist derzeit noch so unzureichend, dass man keine Empfehlung abgeben kann“, sagte er in der Rheinischen Post. „Es sollte jetzt auch kein politischer und gesellschaftlicher Druck ausgeübt werden, Eltern zur Impfung ihrer Kinder zu drängen.“ Auf keinen Fall dürfe die Teilnahme am Präsenzunterricht von einer Impfung abhängig gemacht werden.

Eine Impfpriorisierung von Kindern soll es nicht geben. Diese Entscheidung findet nicht jeder richtig.

Generell haben die Beschlüsse des Impfgipfels einen Sturm an Reaktionen hervorgerufen - und beim Impfen von Kindern argumentieren Experten die Vor- und Nachteile. Grüne und Linke etwa kritisierten die Ergebnisse des Gipfels, der Deutsche Städtetag warnte vor „enttäuschten Hoffnungen“.

Impfpriorisierung: Politiker sehen Probleme auch abseits von Impfungen von Kindern

Dietmar Bartsch, Fraktionschef der Linken, bezeichnete den Impfgipfel von Bund und Ländern in den Zeitungen der Funke Mediengruppe als „Gipfel der Enttäuschung“. „Dass bis heute nicht alle Risikopersonen geimpft sind und ein Angebot an die mittelalte Generation fehlt, ist eine bittere Nachwirkung des Beschaffungsdebakels“, kritisierte er. Damit hebt er die Problematik hervor, dass auch ganz abgesehen von Kindern unzählige Menschen, auch jene mit Prioritätsstufe, noch bei weitem keine Aussicht auf einen Impftermin haben.

Auch die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt bezeichnete die Ergebnisse in den Funke-Zeitungen als enttäuschend. „Zusätzlichen Impfstoff, den Jens Spahn vor kurzem noch in Aussicht gestellt hat, gibt es nun ganz offenbar doch nicht“, kritisierte sie. „Mal wieder weckte der Gesundheitsminister falsche Erwartungen und hat es versäumt, vorausschauend zu handeln.“ Der CDU-Politiker müsse nun sicherstellen, dass Jugendliche mit Vorerkrankungen, die einer Risikogruppe angehörten, mit hoher Priorität ein Impfangebot erhielten. Ihre Eltern könnten dann „am besten gleich mitgeimpft werden“, sagte Göring-Eckardt.

Impfpriorisierung: Bundesschülerkonferenz fordert Vorgriffsrecht auf Biontech-Impfstoff

Die Bundesschülerkonferenz forderte unterdessen ein Vorgriffsrecht für junge Menschen auf den Biontech-Impfstoff. „Junge Menschen müssen auch die Möglichkeit bekommen, sich und ihre Mitmenschen mit einer Impfung zu schützen“, sagte Generalsekretär Dario Schramm. Zudem kritisierte er die Aufhebung der Impfpriorisierung. Denn auch vorerkrankte junge Menschen über 16 versuchten seit Wochen, einen Termin zu bekommen. „Durch die Aufhebung der Priorisierung wird das Gerangel noch größer und damit die Hoffnung auf einen zeitnahen Termin immer geringer.“

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, bezeichnete es zwar als gut, dass Schülern eine Impfung ermöglicht werden solle. Der Corona-Impfstoff sei aber so knapp, dass er zurzeit gerade einmal für die Zweitimpfungen reiche, sagte er. „Bund und Länder müssen Tacheles reden und klar und ehrlich sagen, dass es noch Wochen dauert, bis jeder, der will, geimpft werden kann“, unterstrich Dedy. „Denn enttäuschte Hoffnungen kosten Vertrauen.“ (mit Material von epd)

Rubriklistenbild: © Robert Michael/dpa

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