Corona-Auswirkung

Vernichtendes Urteil für Distanzunterricht: So effektiv wie Sommerferien

Wie geht es nach den Sommerferien an den Schulen weiter? Bleibt es bei Distanzunterricht? Eine Studie stellt dieser Form nun miserable Noten aus.

Hamm - Noch läuft in den meisten Bundesländern in Deutschland wie in Nordrhein-Westfalen das aktuelle Schuljahr. Doch schon jetzt stellen sich vor allem viele Eltern die Frage: Wie läuft angesichts des Coronavirus der Schulstart nach den Sommerferien? Präsenzunterricht? Distanzlernen? Wechselmodell? (News zum Coronavirus)

LandDeutschland
HauptstadtBerlin
Bevölkerung83,02 Millionen (2019)
PräsidentFrank-Walter Steinmeier

Studie fällt vernichtendes für Distanzunterricht in den Schulen: So effektiv wie Sommerferien

Britta Ernst (SPD), die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) und zugleich Brandenburgs Bildungsministerin, hat sich derweil gegen frühzeitige Festlegungen auf weitere Einschränkungen des Regelunterrichts ausgesprochen. „Die KMK hat für Präsenzunterricht plädiert, und das sollte nicht vorzeitig infrage gestellt werden“, sagte sie dem Tagesspiegel.

Anders äußerte sich Jens Spahn (CDU). Der Bundesgesundheitsminister hatte am Samstag gesagt, dass Corona-Regeln in den Schulen noch längere Zeit aufrechterhalten werden müssten. Im Herbst und Winter würden trotz derzeit sehr niedriger Inzidenzen voraussichtlich nach wie vor Maßnahmen wie Maskenpflicht oder auch Wechselunterricht notwendig sein. Experten sorgen sich aktuell vor allem vor der Ausbreitung der Delta-Variante in Deutschland.

Also wird es nach den Ferien wieder Distanzunterricht geben? Geht es nach einer Studie, ist das mit Blick auf die Entwicklung der Schüler keine allzu gute Idee. Sie hat dieser Unterrichtsform während der Corona-Krise ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Forscher der Frankfurter Goethe-Universität haben sich dafür Daten aus aller Welt angesehen. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Corona: Distanzunterricht in den Schulen laut Studie so effektiv wie Sommerferien

„Die durchschnittliche Kompetenzentwicklung während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 ist als Stagnation mit Tendenz zu Kompetenzeinbußen zu bezeichnen und liegt damit im Bereich der Effekte von Sommerferien“, erklärte Prof. Andreas Frey, der an der Goethe-Universität Pädagogische Psychologie lehrt. Er ist einer der Autoren der Studie.

Forscherinnen und Forscher hatten für die Studie in einem systematischen Review mit wissenschaftlichen Datenbanken weltweit jene Studien identifiziert, die über die Auswirkungen der coronabedingten Schulschließungen auf die Leistungen und Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern berichteten. „Wir haben nur forschungsmethodisch hochwertige Publikationen berücksichtigt, die eindeutige Rückschlüsse auf die Wirkung coronabedingter Schulschließungen auf den Kompetenzerwerb von Schülerinnen und Schülern erlauben und geeignete Tests zur Leistungs- oder Kompetenzmessung einsetzten“, erklärte Frey.

Besonders stark seien Kompetenzeinbußen bei Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Elternhäusern. „Hiermit sind die bisherigen Vermutungen durch empirische Evidenz belegt: Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich während der ersten coronabedingten Schulschließungen noch weiter geöffnet“, schlussfolgerte Frey. Allerdings gebe es auch erste Anhaltspunkte dafür, dass die Effekte der späteren Schulschließungen ab Winter nicht zwangsläufig ebenso drastisch ausfallen müssen: Inzwischen habe sich die Online-Lehre vielerorts verbessert.

Kulturminister hoffen auf Präsenzunterricht nach den Sommerferien

Noch ist aber fraglich, wie es nach den Sommerferien an den Schulen weitergeht. Die Kultusministerkonferenz um NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hatte für volle Klassenstärke plädiert. „Die Pandemie darf die Bildungswege unserer Schülerinnen und Schüler nicht noch einmal so stark beeinträchtigen“, sagte Yvonne Gebauer. „Trotzdem bleiben wir weiter vorsichtig.“ 

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat sich angesichts der Folgen der Corona-Maßnahmen für Kinder für eine Aufrechterhaltung des Präsenzbetriebs in den Schulen ausgesprochen. Manche Kinder würden „mittel- und wahrscheinlich auch langfristig von den erlittenen Defiziten begleitet“, erklärte die Wissenschaftsgesellschaft am Montag in Halle in einer Stellungnahme.

Bundesregierung: Geöffnete Schulen nach den Sommerferien haben Priorität

Die Bundesregierung hat derweil ebenfalls die angestrebte Rückkehr zu einem vollen Schulbetrieb nach den Sommerferien unterstrichen, verweist aber auch auf noch mögliche Corona-Risiken. „Geöffnete Schulen haben eine ganz hohe Priorität“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag. Nach allem, was Kinder in der Pandemie durchmachen mussten, sei es sehr zu wünschen, dass nach den Ferien wie vorgesehen überall wieder Präsenzunterricht möglich sei.

Generell meinte auch Jens Spahn mit Blick auf Kinder und Jugendliche: „Unser Ziel sollte sein, so viel Normalität wie möglich nach den Ferien auch für die Schulen, aber eben auch so viel Sicherheit wie möglich“, sagte der Bundesgesundheitsminister am Sonntagabend in der ARD.

Jens Spahn verspricht: Angebot einer Corona-Erstimpfung für über 12-Jährige bis Ende August

Eine Möglichkeit dabei seien Corona-Impfungen für Kinder ab zwölf Jahren. „Wir können bis Ende August jedem über 12-Jährigen, der geimpft werden will, mindestens die erste Impfung angeboten haben.“ Für alle Nicht-Geimpften brauche es auch weiterhin mindestens regelmäßiges Testen.

„Wenn Kindern Impfstoff angeboten würde, wäre ein erneutes Schuljahr mit Wechselunterricht und Maske vermeidbar“, schrieb auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. „Auf jeden Fall ist die Infektion mit der Delta-Variante für Kinder gefährlicher als die Impfung mit Biontech.“

Immerhin dürfte es fortan wieder größere Fortschritte in der Impfkampagne geben. So sind etwa in NRW ab Mittwoch (23. Juni) wieder Termine für Erstimpfungen in den Impfzentren buchbar. (mg mit dpa)

Rubriklistenbild: © Armin Weigel/dpa

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