Kritik an Impfstrategie

Streit um Impfungen: Haben wir zu wenig Corona-Impfstoff? Warum es so lange dauert

Die Corona-Impfstrategie in Deutschland wird heftig debattiert. Der Vorwurf: Es dauert zu lange, der Impfstoff ist knapp. Was ist dran an der Kritik?

Hamm - Es war im vergangenen Jahr eine erlösende Nachricht: Der Corona-Impfstoff ist da. In Deutschland startete am 27. Dezember die nationale Impfkampagne. Bis Anfang Januar 2021 wurden 1,3 Millionen Impfdosen von Biontech an die Bundesländer geliefert, bis zum 1. Februar sollen weitere 2,68 Millionen folgen. Zu wenig, sagen Kritiker. Der Bundesregierung werden Versäumnisse vorgeworfen. (News zum Coronavirus)

NameComirnaty
HerstellerBiontech/Pfizer
Impfstoff gegenCovid-19
Art des ImpfstoffsRNA

„Diese Impfkampagne war und ist ein nationaler Kraftakt“, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Er steht derzeit im Fokus der Kritik - aber mittlerweile nicht mehr alleine. Was steckt konkret hinter der Impf-Debatte?

Kritik an der Impfstrategie: SPD spricht von „chaotischen Zuständen“ bei den Corona-Impfungen

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil hat im ARD-Morgenmagazin mit Blick auf die derzeit laufenden Corona-Impfungen von „chaotischen Zuständen“ gesprochen. Deutschland stehe im Vergleich mit anderen Ländern schlechter da. Es sei zu wenig Impfstoff bestellt worden, und es gäbe „kaum vorbereitete Strategien mit den Bundesländern zusammen“. Die Schuld hierfür gibt er Gesundheitsminister Jens Spahn.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) überreichte Spahn laut Bild am Montag im Namen der SPD-regierten Länder einen vierseitigen Katalog mit kritischen Fragen rund um das Thema Impfen. Auch die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Christine Aschenberg-Dugnus, nannte die Beschaffung des Impfstoffes eine „einzige Katastrophe“. Die Leopoldina-Forscherin Frauke Zipp sprach im Interview mit Die Welt von einem „groben Versagen der Verantwortlichen.“

Kritik kommt beispielsweise auch von einem Hausarzt in Sachsen, berichtet merkur.de. Er erhebt mit Blick auf das Corona-Impfsystem schwere Vorwürfe gegen die Politik*.

Zu wenig Corona-Impfstoff? Jens Spahn weist Kritik zurück - „Produktionskapazität knapp“

Zu wenig Impfstoff? Nein, bekräftige die Regierung am Montag. „Es gibt genug Impfstoff für Deutschland“, sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. Auch Jens Spahn wies die Kritik an der Corona-Impfstoffbeschaffung bereits mehrfach zurück.

„Dass wir jetzt am Anfang so wenig haben und dass wir priorisieren müssen, hat nichts zu tun mit der Bestellmenge, sondern damit, dass jetzt am Anfang die Produktionskapazität knapp ist“, sagte er im ZDF. Auch im Interview mit der Rheinischen Post bekräftigte er: „Wir haben genug bestellt.“  Dass es am Anfang knapp sein würde, sei klar gewesen.

Deutschland hat den Corona-Impfstoff gemeinsam mit den EU-Mitgliedsstaaten bestellt. 55,8 Millionen Impfdosen von Biontech sind Deutschland über die EU sicher. National soll es eine gesicherte Option auf weitere 30 Millionen Dosen geben.

Kritik an Corona-Impfstrategie: Warum kommen die Impfungen so langsam voran?

Mit Stand 4. Januar sind laut RKI in Deutschland 266.000 Impfdosen verimpft worden. Das scheint nicht gerade viel zu sein, immerhin stehen derzeit schon 1,3 Millionen Impfdosen zur Verfügung. Warum dauern die Corona-Impfungen so lange?

In der Rheinischen Post erklärt Jens Spahn: „Mit der Entscheidung, zuerst in Pflegeheimen zu impfen, war klar, dass es langsamer losgeht. Dort müssen mobile Teams eingesetzt werden, das ist aufwändiger als im Impfzentrum.“ Er sei aber zuversichtlich, dass noch im Januar allen Bewohnern von Pflegeheimen ein Impfangebot bekämen.

Der schleppende Beginn kann auch mit einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission zusammenhängen: Die Corona-Impfung muss zweimal verabreicht werden. Die Bundesländer halten daher die Hälfte des Impfstoffes zurück.

Corona-Impfstrategie: Bundesregierung will den Prozess beschleunigen

Es muss also mehr Corona-Impfstoff her, die zusätzliche Produktion in Deutschland möglichst hochzufahren. Laut Jens Spahn arbeite man derzeit daran, dass die Produktion bei Biontech etwa durch ein neues Werk in Marburg hochgefahren werden könne. Schon Anfang Februar könne dieser zweite Produktionsstandort möglicherweise zur Verfügung stehen, berichtete die Süddeutsche Zeitung, die sich dabei auf die Regierung beruft.

Das Bundesgesundheitsministerium listet in einer der dpa vorliegenden Aufstellung auf, wie die Impfungen beschleunigt werden könnten. Unter anderem geht es dabei um die Entnahme von sechs statt bisher fünf Dosen aus einem Fläschchen von Biontech. Dazu gebe es einen offiziellen Antrag. Und es solle geprüft werden, ob es möglich ist, den zeitlichen Abstand zwischen erster und zweiter Impfung zu vergrößern.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich mittlerweile eingemischt und macht das Thema Impfen laut Bild nun zur Chefsache. Sie will eine neue Arbeitsgruppe bestehend aus Jens Spahn, Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und dem Chef des Bundeskanzleramtes, Helge Braun (CDU) leiten. (mit dpa/afp) - *merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Rubriklistenbild: © Guido Kirchner/dpa

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