Appell an die Länder

Corona-Lage in Deutschland „dramatisch“: Spahn und RKI-Chef fordern dringend strengere Regeln

Die Corona-Lage in Deutschland ist dramatisch - vor allem auf den Intensivstationen. Jens Spahn und Lothar Wieler formulieren einen dringenden Appell an die Länder.

Hamm - Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus steigt von Tag zu Tag. Die Bundes-Notbremse ist noch nicht offiziell beschlossen. Kurzum: Die Corona-Lage in Deutschland wird immer dramatischer. Handeln wird notwendig. So schnell wie es nur geht. (News zum Coronavirus)

BehördeRobert Koch-Institut
GründerRobert Koch
Gründung1. Juli 1891
Dachorganisation Bundesministerium für Gesundheit

Corona-Lage in Deutschland „dramatisch“: Spahn und RKI-Chef Wieler fordern dringend strengere Regeln

Daher drängte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf zusätzliche Regeln und Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung. Er forderte die Länder auf, nicht so lange zu warten. „Jeder Tag zählt gerade in dieser schwierigen Lage“, sagte er.

Jens Spahn rief dazu auf, Warnungen der Intensivmediziner ernst zu nehmen. Hauptziel bleibe, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. „Das, was wir jetzt möglicherweise versäumen, rächt sich in zwei, drei Wochen. Genauso wie sich jetzt rächt, was vor zwei, drei Wochen nicht entschieden wurde.“

Noch deutlicher formulierte es Lothar Wieler. „Die Lage in den Krankenhäusern und den Intensivstationen ist dramatisch“, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI). „Wir müssen die Zahlen runterbringen. Es ist naiv zu glauben, das Virus wegtesten zu können. Das funktioniert nicht.“ Zumal die Corona-Schnelltests für falsche Sicherheit sorgen können, wie jüngst Virologe Christian Drosten warnte.

Corona in Deutschland: RKI-Chef Wieler zeichnet drastische Lage in Krankenhäusern auf

In Deutschland seien, so der RKI-Chef, sechs von zehn Patienten, „die aufgrund einer schweren ansteckenden Atemwegsinfektion im Krankenhaus stationär behandelt werden“, Covid-19-Patienten. Bei den intensivmedizinisch Behandelten seien es neun von zehn Corona-Patienten.

Nach Angaben des RKI-Chefs gäbe es die meisten Corona-Neuerkrankungen aktuell bei den 15- bis 49-Jährigen. Gleichzeitig räumte er mit einem Vorurteil auf: „Die Fallzahlen nehmen nicht zu, weil mehr getestet wird - denn dann würden wir ja nicht erwarten, dass der Anteil der positiven PCR-Tests zunimmt - tatsächlich aber nimmt er zu.“

Gleichzeitig appellierte er an die Hausärzte, dass sich alle Patienten mit Symptomen einen PCR-Test unterziehen lassen sollen. „Tatsächlich nutzen wir nur die Hälfte der vorhandenen Kapazität an PCR-Tests“, sagte Lothar Wieler. Hinzu kommt: „Immer mehr jüngere Menschen werden intensivmedizinisch behandelt.“ Mindestens genauso dramatisch: „Immer mehr Intensivstationen müssen ihren Betrieb wegen Personalmangel einschränken. Wir erhalten so viele Betriebseinschränkungsmeldungen wie zum Höhepunkt der zweiten Welle.“

Corona in Deutschland: RKI-Chef Wieler nimmt Politik in die Pflicht und fordert Kontaktreduzierung

Weiter führte Lothar Wieler aus, dass es in immer mehr Städten und Ballungszentren keine freien Intensivbetten für Corona-Patienten mehr gäbe. „Und das“, mahnte der RKI-Präsident, „in einer Situation, in der wir damit rechnen müssen, dass in den kommenden Wochen immer mehr schwerkranke Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt werden müssen, da ja die Fallzahlen steigen.“

Daher gibt es wie für Jens Spahn ebenso für Lothar Wieler nur eine logische Konsequenz aus der aktuellen Corona-Situation in Deutschland: „Wir müssen handeln.“ Eindringlich appellierte der RKI-Präsident an alle Entscheidungsträger von Bund und Ländern, dass das Land jetzt - und nicht, sobald Gesetze verabschiedet sind - „die Umsetzung der wirksamen und bekannten Strategie“ benötige.

„Wir brauchen jetzt noch einmal eine drastische Kontaktreduzierung“, forderte Lothar Wieler: „Jetzt die dritte Welle brechen, dann mit kontrollierten Konzepten parallel partiell öffnen.“ Dazu müsse kontinuierlich weiter geimpft werden, „damit wir genügend Menschen geschützt haben.“

Corona in Deutschland: Bundes-Notbremse lässt trotz steigender Zahlen auf sich warten

Weil die Beschlüsse der Bund-Länder-Beratungen von den Ministerpräsidenten um Nordrhein-Westfalens Landeschef Armin Laschet (CDU) unterschiedlich ausgelegt worden sind, greift die Bundesregierung um Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ein und brachte eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes samt einheitlicher Bundes-Notbremse auf den Weg. Bis das Gesetz in Kraft tritt, könnte es jedoch noch dauern.

Angesichts der drastischen Warnungen jeglicher Intensivmediziner und nun des RKI-Chefs kam es für viele durchaus überraschend, dass die Schulen in NRW ab kommender Woche zum Wechselmodell zurückkehren.

Zuvor hatte wegen der steigenden Corona-Infektionszahlen bereits ein Intensivmediziner der Berliner Charité vor einer Überlastung des Gesundheitssystems gewarnt - auch zu Lasten von Patienten mit anderen Krankheiten. In einigen Regionen gebe es nur noch zehn Prozent freie Kapazitäten, sagte Steffen Weber-Carstens. „Was bedeuten zehn Prozent? Die durchschnittliche Größe der Intensivstationen ist zehn bis zwölf Betten. Das bedeutet: pro Intensivstation genau ein Bett“. Dies werde auch vorgehalten für Patienten zum Beispiel mit Schlaganfall oder Unfällen - und für Covid-19-Patienten. „Das ist die Situation, wie sie im Moment ist.“

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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