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Zensur, Nationalismus und Wohlstand: Wie junge Chinesen zur Generation Spitzel wurden

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Von: Foreign Policy

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Die Oberstufenschüler sitzen mit Mundschutzmasken in einem Klassenzimmer der Middle School in der Südwestchinesischen Provinz Guizhou. Die Schüler kehrten heute nach einer Zeit der Schulschließung auf Grund des neuartigen Coronavirus zum Studium auf den Campus in der Provinz Guizhou zurück.
Die Oberstufenschüler sitzen mit Mundschutzmasken in einem Klassenzimmer der Middle School in der Südwestchinesischen Provinz Guizhou. Die Schüler kehrten heute nach einer Zeit der Schulschließung auf Grund des neuartigen Coronavirus zum Studium auf den Campus in der Provinz Guizhou zurück. © Ou Dongqu/dpa

Junge Chinesen sind vom chinesischen Nationalismus und dem zunehmenden Wohlstand geprägt. Dieser Generationenwechsel ist online am besten zu beobachten.

Als das Internet Anfang der 2000er-Jahre auf dem Vormarsch war, sahen chinesische Millennials darin ein Fenster zu einer größeren, weiteren Welt – einer Welt, in die sich China immer stärker integrierte. Damals betrachteten viele Chinesen den Westen noch als Modell, von dem man lernen konnte. In meiner High School, als sich das Internet gerade durchsetzte, wurde mir beigebracht, wie man Nachrichten auf Yahoo durchsucht, Informationen auf Google sucht und Videos auf YouTube findet. Die Diskussionen in den neu entstehenden Online-Foren ähnelten denen in vielen westlichen Demokratien: offen, frei und ungefiltert. Netizens kritisierten die Regierungspolitik. Öffentliche Intellektuelle, die die Aufmerksamkeit auf gesellschaftliche Probleme lenkten, erhielten Beifall.

Die Verstärkung der chinesischen Firewall hat alles verändert. Innerhalb weniger Jahre wurde die freie Meinungsäußerung zunächst zensiert und dann mit aller Härte bekämpft. Andersdenken war nicht mehr angesagt. Stattdessen wurde es als eine von Ausländern gegen China eingesetzte Waffe betrachtet. Mit dem Erstarken des Nationalismus und dem zunehmenden Wohlstand in China wurde Kritik am Staat eher als Verrat denn als etwas Konstruktives angesehen.

Diese Trends haben nicht nur mit der Regierungspolitik zu tun. Mit der Zeit verändert die Politik auch die Menschen. Sie kann eine Generation prägen. Die Kinder, die heute in den Klassenzimmern chinesischer Gymnasien und Hochschulen sitzen, sind ganz anders als meine Klassenkameraden und ich in den frühen 2000er-Jahren. Chinas Generation Z – im Gegensatz zu den Millennials meiner Zeit – ist mit Hurrapatriotismus indoktriniert, und ihr Platz in der Welt hat für sie einen höheren Stellenwert. Diese Veränderungen werden sich in den kommenden Jahrzehnten nicht nur auf die chinesische Gesellschaft und Politik auswirken, sondern auch auf die Welt.

Zensur in China: Misstrauen gegenüber Außenwelt – Generationswechsel online am deutlichsten zu erkennen

Die in den Vereinigten Staaten verwendeten Begriffe der Generationen – wie Babyboomer, Generation X, Millennials und Generation Z – stimmen nicht ganz mit den chinesischen Begriffen überein. Im Westen umfasst der Begriff „Millennials“ im Allgemeinen Menschen, die zwischen 1981 und 1996 geboren wurden. Wenn ich mich auf chinesische Millennials beziehe, sind die Gruppen, die ich beschreibe, wahrscheinlich am ehesten mit dem vergleichbar, was China Balinghou, geboren zwischen 1980 und 1989, und Jiulinghou, geboren zwischen 1990 und 1999, nennt. Die Generation Z, zu der im Westen die nach 1997 Geborenen gehören, lässt sich am besten mit den jüngeren Jiulinghou und den Linglinghou vergleichen – Menschen, die nach 2000 geboren wurden.

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Außer in Indien, das einen niedrigeren Altersdurchschnitt als China hat, leben in keinem anderen Land so viele Menschen unter 25 Jahren – dem Alter der ältesten Mitglieder der globalen Gen Z. Dieser Generation junger Chinesen wurde beigebracht, der Außenwelt zu misstrauen und selbstgefällig darauf zu vertrauen, dass Chinas System das beste ist. Und obwohl es immer Widerstand gegen solche Ideen gibt, haben diejenigen, die sich gegen den Autoritarismus Pekings wehren, nur wenige Möglichkeiten, dies zu zeigen.

Dieser Generationswechsel ist online am deutlichsten zu erkennen. Im Jahr 2000, als Peking zum ersten Mal sein Internet-Zensursystem einführte, wurden nur einige wenige Websites, die die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) kritisierten, gesperrt. In den folgenden Jahren wurde die Zensur immer stärker und strenger. In China wurde eine wachsende Zahl von Websites und Apps blockiert, darunter Social-Media-Plattformen, Suchmaschinen und Nachrichtenkanäle. Virtuelle private Netzwerke (VPNs), einst gängige Instrumente zur Umgehung der sogenannten Großen Firewall, wurden schwieriger zu erreichen. Chinesische Bürger, denen dies gelang, wurden bestraft. Peking verhängte strenge Strafen gegen Unternehmen, die eine Möglichkeit zur Umgehung der Zensur schufen. Im November letzten Jahres entwarf die chinesische Cyberspace-Verwaltung eine neue Verordnung, wonach Personen oder Institutionen bestraft werden, die Tools wie VPNs anbieten.

Mitglieder der chinesischen Generation Z noch nie etwas von Google, YouTube oder Facebook gehört

Heute interessieren sich junge Chinesen nicht einmal für das, was sie nicht sehen können. Im Jahr 2010, wenige Tage bevor sich Google auf Druck der Regierung aus China zurückzog, trauerten die Menschen und legten Blumen vor dem Büro des Unternehmens in Peking nieder. Spulen wir ins Jahr 2022 vor. Heute kann man mit Fug und Recht behaupten, dass viele Mitglieder der chinesischen Generation Z noch nie etwas von Google, YouTube oder Facebook gehört haben. Noch bezeichnender ist, dass sie kein Interesse zeigen, etwas über die Plattformen zu erfahren, die ihre Altersgenossen in anderen Ländern geprägt haben.

2018 veröffentlichten die Politikwissenschaftler Yuyu Chen und David Y. Yang die Ergebnisse eines 18-monatigen Feldversuchs zu den Medien in China. Im Rahmen ihrer Studie gaben Chen und Yang fast 1.800 College-Studenten kostenlose Tools an die Hand, um die Große Firewall zu umgehen und Zugang zum offenen Internet zu erhalten. Fast die Hälfte der Teilnehmer machte sich nicht die Mühe, die Tools zu nutzen. Von denjenigen, die dies taten, versuchte fast keiner, politisch sensible Informationen zu durchsuchen.

Das steht in krassem Gegensatz zu meinen eigenen Teenagerjahren, als mein Highschool-Lehrer das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 im Unterricht erwähnte, obwohl es offiziell nicht in den uns zugewiesenen Lehrbüchern stand. Wir durften eine offene Diskussion im Klassenzimmer führen. Als ich später im Internet in den chinesischen Internetforen nach dem Thema Tiananmen bzw. Platz des Himmlischen Friedens suchte, sah ich lange Threads, in denen Menschen hitzige politische Diskussionen führten – einige argumentierten, dass Pekings Aktionen eine politische Notwendigkeit waren, andere, dass sie eine moralische Katastrophe darstellten.

Diese Offenheit ist heute in China nicht mehr zu finden. Jeder Verweis auf Tiananmen ist inzwischen aus dem Internet entfernt worden. Verwandte Wörter und Themen sind verboten. Lehrer, die weniger heikle Themen als Tiananmen ansprechen, müssen damit rechnen, dass sie angezeigt, schikaniert oder entlassen werden. Und jetzt sind es nicht mehr nur die Zensoren, die zensieren: Netizens beschimpfen sich gegenseitig als „chinafeindlich“. Yuefeng Wu, ein Influencer, der 2,8 Millionen Follower auf der chinesischen Mikroblogging-Plattform Weibo hat, wies darauf hin: „Die skrupellosesten Menschen, die sich in den letzten Jahren gegenseitig angezeigt und angegriffen haben, waren nicht die zwischen 1970 und 1990 Geborenen ... sondern die jüngere Generation der Jiulinghou und der Linglinghou.“

Spitzeln an der Universität: „Informationsbeauftragte“ führen Buch über ideologischen Ansichten ihrer Professoren

Der Trend zum Verpfeifen ist nicht nur digital. Wie die New York Times berichtet, führen immer mehr sogenannte „studentische Informationsbeauftragte“ Buch über die ideologischen Ansichten ihrer Professoren und melden jede vermeintliche Illoyalität gegenüber Präsident Xi Jinping und der regierenden KPCh. Aus offiziellen Dokumenten geht hervor, wie diese Studenten an den Hochschulen rekrutiert werden. An der Shanghai International Studies University zum Beispiel gibt es in jeder Klasse einen ernannten Spitzel.

Meine Generation chinesischer Millennials wusste, dass öffentliche Räume zwar riskant sind, wenn es um freie Meinungsäußerung geht – dass wir uns aber relativ offen an Diskussionen im Klassenzimmer beteiligen können. Chinas Generation Z kann sich diesen Luxus nicht leisten. Auch ihre Lehrer nicht. Xu Zhangrun, der an der renommierten Tsinghua-Universität Verfassungsrecht lehrte, wurde 2020 inhaftiert, nachdem er die Reaktion des Landes auf COVID-19 kritisiert hatte. 

You Shengdong, ein Professor für internationalen Handel und Wirtschaft an der Universität Xiamen, wurde entlassen, nachdem Studierende ihn angezeigt hatten, weil er einen von Xi Jinping favorisierten politischen Slogan infrage gestellt hatte. Tang Yun, Professor an der Chongqing Normal University, wurde mit einem Lehrverbot belegt, nachdem ein Student eine Beschwerde gegen ihn wegen „Schädigung des nationalen Ansehens“ eingereicht hatte. Der Hochschullehrer Li Jian von der Hunan City University wurde von einem Studenten angezeigt, weil er im Unterricht Japan gelobt hatte – und in die Verwaltung zurückversetzt. Die Liste ließe sich fortsetzen. Schließlich werden Spitzel von der KPCh gefeiert: Im vergangenen Dezember lobte das Zentralkomitee der Kommunistischen Jugendliga auf Weibo einen Schüler, der seinen eigenen Lehrer angezeigt hatte.

„Die Dinge haben sich geändert“, so Hu, eine Millennial, die an einer Grundschule in Zhanjiang in Südchina unterrichtet. Sie bat Foreign Policy, nur ihren zweiten Namen zu verwenden. „Es ist schwer, eine andere Meinung zu äußern, vor allem, wenn man die Regierung kritisiert.“ In Hus Schule sind Aktivitäten zum Lob von Xi und seiner Regierung an der Tagesordnung. Die obligatorischen Klassenlieder basieren auf bekannten Texten, in denen es darum geht, dass die Schüler die Kinder der Kommunistischen Partei Chinas sind. Eine konzertierte Erziehungskampagne, bei der die Schüler gezwungen werden, nationalistische Filme zu sehen, eigene patriotische Inhalte zu erstellen und KPCh-Quizspiele zu spielen, erfreut sich großer Beliebtheit – nicht nur offline, sondern auch auf Plattformen wie Weibo, WeChat, Bilibili und Douyin.

China: Wachsendes Durchschnittseinkommen führt zu Zunahme von Nationalstolz und Patriotismus

Einer der Hauptunterschiede zwischen meiner Generation und der chinesischen Gen Z ist, dass letztere relativ reich aufgewachsen ist. Nach Angaben der Weltbank ist das Durchschnittseinkommen in China von etwa 317 Dollar im Jahr 1990 auf 10.434 Dollar im Jahr 2020 gestiegen. Dieser massive Anstieg des Wohlstands hat unweigerlich zu einer Zunahme von Nationalstolz und Patriotismus geführt. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass sich die Generation Z in China in ihrem derzeitigen Umfeld wesentlich wohler fühlt als meine Generation. Sie hat kein Bedürfnis, eine andere Erzählung zu lesen oder eine andere Stimme zu hören. So gesehen sollte es nicht überraschen, dass viele junge Chinesen die wirtschaftlichen Erfolge ihres Landes auf die autoritäre Regierungsform Pekings zurückführen.

Dieser Glaube an Chinas überlegenes Modell wurde durch die COVID-19-Pandemie noch verstärkt. Diese sehen junge Chinesen als Beispiel für die Fähigkeit Pekings, Krisen geschickter zu bewältigen als andere Regierungen. Die chinesische Generation Z befürchtet auch, dass ihre Arbeiterklasse von westlichen Medien in die Irre geführt werden könnte – so dass sie glaubt, ihre geschlossenen und zensierten Medien seien besser als das vergleichsweise ungehinderte westliche Informations-Ökosystem, das trotz aller Vorteile voller Fehlinformationen und Desinformationen ist.

Selbst für chinesische Schüler, die im Westen zur Schule gehen, hat die patriotische Erziehung, die sie als Kinder erhalten haben, eine nachhaltige Wirkung. Nach Untersuchungen des Soziologen Henry Chiu Hail reagieren chinesische Studierende aus dem Ausland häufig negativ auf Kritik an ihrem Heimatland, und diese Reaktionen sind oft durch „Sorge um Status, Loyalität, Harmonie oder utilitaristische Politik“ motiviert. Es kommt immer häufiger zu Konflikten zwischen ausländischen Universitäten und chinesischen Studierendenorganisationen über Themen, die chinesische Studierende als kritisch gegenüber Peking betrachten.

Dennoch ist die chinesische Generation Z nicht roboterhaft und auch kein Monolith. Junge Chinesen wehren sich zwar dagegen, ihr Land durch eine westliche Brille zu sehen. Sie sind aber dennoch bereit zur Selbstkritik. Auf der Social-Media-Website Douban hat ein Forum namens Ezu rund 700.000 Mitglieder, die meisten davon junge Frauen, die sich als Feministinnen bezeichnen. In den vergangenen ein oder zwei Jahren wurden in den Foren der Website hitzige Diskussionen über Themen wie Menschenhandel, häusliche Gewalt und geschlechtsspezifische Diskriminierung geführt. Aber selbst bei Kritik an der Regierung neigen die Nutzer dazu, ihre Loyalität gegenüber dem Land und ihr Vertrauen in Xi zum Ausdruck zu bringen. Ein Autor hat dieses Phänomen als „Feminismus mit chinesischen Merkmalen“ bezeichnet – eine Anspielung auf den populären Ausspruch über den Sozialismus, der während der Herrschaft von Deng Xiaoping aufkam.

Obwohl viele junge Chinesen die westliche Demokratie kritisieren, sind sie Fans der westlichen Kultur

Natürlich gibt es viele Widersprüche. Obwohl viele junge Chinesen die westliche Demokratie kritisieren, sind sie Fans der westlichen Kultur in Form von Romanen, Fernsehsendungen, Filmen und Musik. Chinas Generation Z ist auch in ihrem Geschmack zunehmend progressiv: „Boys‘ love“ – Gay-Romanzen – sind ein beliebtes Genre in Büchern und Fernsehserien. Es überrascht vielleicht nicht, dass dies dazu geführt hat, dass Peking die sogenannten „Weicheier“ angreift und Fernsehserien mit schwulen Themen verbietet. Offene Meinungsverschiedenheiten zu Themen, die Peking als rote Linien betrachtet, werden in jedem Fall sofort zensiert oder, was wahrscheinlicher ist, bestraft.

Manchmal besteht die Hauptform des Widerstands darin, nichts zu tun. Anfang 2021 wurde das Konzept des „Flachliegens“ – eine Pause von der unermüdlichen Arbeit – unter Chinas Gen Z populär. Debatten zu diesem Thema zogen Hunderte von Millionen Views auf Weibo an, und auf Douban wurden spezielle Diskussionsgruppen gebildet. Auf Zhihu, dem chinesischen Äquivalent zu Quora, beschrieben die Befürworter des Flachliegens, dass sie den Konsum für eine Falle halten. Es gebe nur begrenzte Möglichkeiten, die soziale Leiter hinaufzusteigen, und die beste Strategie sei es, die unmöglichen Ziele früherer Generationen zu umgehen und weder ein Auto zu kaufen noch zu heiraten oder Kinder zu bekommen.

Die Idee des Nichtstuns ist nicht explizit politisch, aber in einer Gesellschaft, in der die herrschende Partei den Schwerpunkt auf materiellen Gewinn und Disziplin legt, stellt sie eine implizite Ablehnung des Systems dar. Junge Menschen, die aus dem Hamsterrad aussteigen, sind nicht das, was Xi sehen möchte – der die Bürger dazu aufrief, „die Ärmel hochzukrempeln und hart zu arbeiten.“

Wie nicht anders zu erwarten, ging Peking hart gegen die Idee des Flachliegens vor. Gruppen, in denen das Phänomen diskutiert wurde, wurden blockiert, und Artikel, in denen es diskutiert wurde, wurden gelöscht. Für Chinas Generation Z besteht die Wahl darin, entweder alles oder gar nichts zu sagen.

von Tracy Wen Liu

Tracy Wen Liu ist eine investigative Reporterin, Autorin und Übersetzerin, die sich auf die Beziehungen zwischen den USA und China konzentriert.

Dieser Artikel war zuerst am 14. April 2022 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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